Obertürkheim für Nicht-Obertürkheimer. Instincle feat. Hafen-Abstecher

Was aussieht wie Urlaub, ist nur Obertürkheim. Ein Laden ohne Namen. Aber mit ganz ganz viel Gebimsel. Selten war das abgedroschene Kundenversprechen “gibts nicht gibts nicht” treffender. Und der Laden mit Stuttgarts größter Auswahl an Dingen, die man nicht braucht oder eben doch sollte nicht die einzige Bombe surprise in Obertürkheim bleiben.

Mehr Basar ist nur Berlin. Wenn man in Obertürkheim irgendetwas braucht – vorausgesetzt, es ist non-food – dann findet man es hier. Ein bisschen als ob ein DHL-Wagen geplatzt ist. Es gibt, ähnlich wie beim Farben Nagel, einfach alles, was Sie brauchen. Und was wir nicht haben, brauchen Sie auch nicht. Toto-Lotto-Rennquintett, Vodafone, Flixbux, Lebana, BW Post. Im Keller ein Fotostudio für Passbilder. Mein Lieblingsprodukt “Gummihaar für nur 1€”.

Der Besitzer kommt aus dem Irak, heißt Hussein und war mit seinem Gemischtwaren-Laden 2017 schon in der STZ unter der Überschrift „Der Kaufmann von Obertürkheim.“ Das trifft’s. Auf die Frage, wie sein Geschäft denn heißt, sagt er, es war mal ein Internetcafe. Kein schlechter Name, nicht so richtig merkfähig, aber wahrscheinlich war die URL frei. Jetzt haben alle Internet in der Hosentasche und Hussein nur noch einen einzigen PC-Platz aber dafür ganz viel andere lebenswichtige Dinge. Der Mann ist Gold und sein Laden eine entsprechende Grube. 

Gastronomisch hat man die Wahl zwischen S’Kebable, S’Dampflökle und S’Asiawökle. Ein Stelldichein der ganz feinen Küche. Was das Erfrischungsangebot angeht, setzt man in Obertürkheim aber eher auf schnelldrehende Ware:

Was wiederum an anderer Stelle zur Ermüdungserscheinungen führt. Durst hat man in Obertürkheim, soviel ist sicher. 

Wurstkessel.tv – Hier machen wir in Kürze das Soft-Opening unserer Dependance. Nachdem DJ Elbe glaub der einzige verbleibende Carnivore bei kessel.tv ist – aber einer der in regelmäßigen Abständen behauptet, er sei jetzt auch vegan, weil er sich irgendeine Paste im Edeka geholt hat, setzen wir jetzt in Zukunft vielleicht die Fleisch- und die Tierfreunde auseinander. Elbe macht dann die Fleischfiliale in Obertürkheim.

Faszination Oberleitungsbusse. Das ist glaube ich so n Esslingending, oder? Ich finde das immer herrlich, wenn ich irgendwo hin komme, wo Oberleitungsbusse fahren. Vor allem, weil ich das Prinzip nicht verstehe. Das macht das Staunen größer. Physik Fünf, Aufmerksamkeitsspanne Null.

Helft mir mal bitte, ihr kleinen Hobby-Mechatroniker: was ist jetzt der Vorteil im Vergleich zu einem normalen, sagen wir mal 42er Bus? Das wird stromgespiesen, richtig? Und kann dann aber nur unter einer Oberleitung fahren, auch richtig? Oder ist das Hybrid oder kann mit Reststrom noch um die Ecke biegen? Weil manchmal klappen die das doch auch runter? Alles sehr mystisch und bevor ich mich jetzt auf irgendwelchen Youtube-Kanälen von Oberleitungsliebhabern verlaufe, zieh ich ein neues Themenkärtchen…

Wenn du aus irgendeinem Grund eine Dichtung/Dämmung/Totalverdunklung deines Fensters brauchst, aber es nicht zu Hornbach schaffst, sondern nur an den nächsten Laternenpfahl. Schön finde ich, dass die Schmid’sche Website zur Landtagswahl noch aktiv ist. Falls man es sich doch nochmal überlegen will.

Geht es nur mir so, oder kommen da leichte Laschet-Feelings auf bei dem Foto? Als ich den mit seinen Arbeitsschuhen neben Elon Musk stehen sah, hat mich das sehr an diesen einen Onkel Armin erinnert, den wir alle haben. Von dem keiner so richtig erklären kann, in welchem Verwandtschaftsverhältnis der zu dir steht. Der dich auf Familienfeiern auch mit 40 noch fragt, was du studierst. Und der zum Abschied immer gönnerhaft sagt: „Kommt uns doch mal besuchen in Wetzlar, ist ne schöne Gegend.“

Hier hatte ich mal das schlechteste Seminar aller Zeiten: Grafik für Nichtgrafiker. Wir waren zwei Teilnehmer. Für jeden gab es eine halbe Butterbrezel und eine Flasche Aqua Römer. Ein Nichtgrafiker hat uns beiden Nichtgrafikern Dinge erzählt, die man schon längst wusste, wenn man auch nur in die Nähe von Grafik gekommen ist: welche Wirkung Farben, Schrift und Bilder haben. So, auf dem Niveau.

Zwei Tage lang, im schlecht gelüfteten „Tagungsraum“ des Brita-Hotels. Auf der Website des Hotels finde ich unter dem Reiter „Unsere Tagungsräume“ sehr viele schöne Beispiele für verschiedene Bestuhlungsmodelle. Und ich meine mich zu erinnern, dass man seinerzeit für uns zwei Teilnehmer die Variante U-Form gewählt hatte. Ich werd ja jetzt noch deprimiert, wenn ich dran denke.

Sehr viel später saß ich verrückterweise nochmal im gleichen Raum in einem ganz anderen Kontext mit sehr viel mehr Menschen. Die wurden alle gut verpflegt von einem Italiener und es entstanden schöne Gespräche. Leider habe ich es verpasst, aufzustehen, an mein Glas zu klopfen und in die fröhliche Runde zu rufen: „Alles, was ich über Grafik und Design und Kommunikation weiß, weiß ich nicht von hier. Zum Wohl.“

Die Frage bleibt, warum mir mein damaliger Arbeitgeber so eine Fortbildung spendiert hat. Aber ich glaube die Antwort ist irgendwas mit Human Ressources. Und dann sehe ich gerade, dass es das Seminar „Grafik für Nichtgrafiker“ noch gibt, dass es 1095 Euro kostet und es sich um ein „Intensiv-Seminar mit begrenzter Teilnehmerzahl“ handelt. Das kannst du laut sagen. Hätten sie mich mal lieber zu „Backen ohne Bäcker zu sein“ geschickt. Dann hätte ich heute eine erfolgreiche Brotique.

Kultkino. Das letzte seiner Art. Auf jeden Fall das schönste. Hier kommt ab 30.9. der neue Bond. Kein Witz. Also nicht nur hier, aber auch. The opposite of multiplex. Geiler Buchtitel oder Bandname schon wieder. Außerdem laufen in der Kinowoche ab dem 10.9. dort Nomadland, Der Rausch und Minari. Und ich hab mir fest vorgenommen, mindestens einen davon zu schauen. Besser zwei. War schon ewig nicht mehr im Kino. Du?

Aber wer hier schon mal im Kino war, ist mein Hund. Der durfte sich in der Kinothek ganz ausnahmsweise weil’s eine Privatveranstaltung war einen recht psychedelischen ungarischen Arthousefilm anschauen anhören, hat aber, wie ich auch, das Ende nicht verstanden.

Schade Schokolade. Weil Waldbaur gibt’s nicht mehr. Kann mich auch nicht erinnern, ob das gute Schokolade war. Wikipedia sagt aber, dass Waldbaur zusammen mit Eszet und Ritter dafür verantwortlich war, dass Stuttgart eine bedeutende Schokoladenstadt war. Und ich muss sagen, mir wäre es lieber, wir wären das immer noch.

Das klingt einfach so viel sexier als Autobauerstadt. Und irgendwo an der Merz-Aka säße jetzt ein Grafiker, im Kreis einiger Nichtgrafiker, die ihm unqualifiziertes Zeug reinredeten und „zusammen“ gestalteten sie eine Tafel Stuggi-Schoki. 

Wikipedia weiß übrigens auch, warum Waldbaur den Bach runterging: weltweite Überkapazitäten brachten die Schokoladenbranche in den 1970er Jahren in Bedrängnis. Und wenn der Merzakagestalter vielleicht noch Zeit hat für ein Wandtattoo? „Schoko-Überkapazitäten? HaHaHa. Hold my RitterSport Marzipan!“

Auf dem Rückweg musste ich noch einen Abstecher an den Hafen machen. Wie in dem herrlichen Studio Braun Stück, wo sie bekifft bei einem Cafe anrufen und fragen „ob man Schiffe sehen kann. Wir wollen Schiffe gucken“. Schiff war jetzt keins da. Aber immerhin ist die langersehnte Ware der Evergiven jetzt endlich eingetroffen. Wenn du im März 2021 einen Flachbild-Fernseher fürs EM-Gucken bestellt hast, ist die Chance groß, dass er die Tage bei dir eintrifft.

Hafen ist einfach was geiles. Und ich versteh gar nicht, warum alle Kinder immer Bahnhof und Feuerwehr spielen aber nur ganz wenige Hafen. Weil Hafen hat ja nicht nur Faszination Logistik sondern immer auch was geil Zwielichtiges. Wo Ware ist da sind auch Hehler. Und Seemänner. Und Seemannsbräute. Und als ich dieses Foto von dem schönen Benz gemacht hab, hielt eine schwere Zugmaschine und ein hafengegerbter Typ fragte rauchend aus dem Führerhaus, ob ich die Karre kaufen will.

Ich wette, er hätte sie mir verkauft. Und ich wette, sie hätte ihm nicht gehört. Autoverkaufen für Nichtautobesitzer. Demnächst dann als 2-Tages-Seminar im Brita-Hotel.

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