Hasi, der Gorillas-Fahrer ist da: verschiedene Jahresrückblick-Dinge für re.flect

Plattform fürs reflect Dezember/Januar 2021/2021, ein Jahresrückblick, viele andere Sachen und ein Danke.

Die Stimmung ist mollig. D-mollig. Sie ist so derartig d-mollig, ich stelle mich auf die Straße und möchte von einem Gorillas-Rider überfahren werden. Dann soll er mich am Boden liegend mit gut-und-günstig-Käse-Packungen vom Edeka bewerfen. Danach setzt er sich zu mir auf die Straße, wir beginnen gemeinsam zu frühstücken und deswegen bekommt irgendein Daimler-Bosch-Porsche-Pärchen in ihrer 2000-Euro-Kalt-Wohnung entgegen aller Gorillas-USPs und Baller-Claims („Mutter, der Mann mit den Cokes ist da“) maximal zu spät seinen Einkauf. Das gibt wieder richtig Ärger mit dem CEO und den Investoren. 

Falsch, es gibt überhaupt keinen Ärger, weil wir MAMPFEN die Lieferung komplett und sehr gemütlich weg. Anschließend stellt der Gorillas Fahrer (btw in Stuttgart noch nie eine Fahrerin gesehen) seinen schwarzen HOBEL neben 30 anderen erfrierenden E-Scootern ab, kündigt den Shitjob und startet sein eigenes Business. Vielleicht einen Concept Store (alias „Krustladen“) auf einem Lastenrad, z.B. mit Strick-Stirnbändern von diesem einen dänischen Designer, den überhaupt niemand kennt, oder Barista-Schürzen aus einer Manufaktur in Saragossa.

Das wird jedenfalls alles mega für ihn. Wir stehen wieder von der Straße auf, umarmen uns sehr lange und wünschen uns alles Gute für 2022. 

Ein klarer Sieg für den alles regelnden Markt und ein schlechter Tag für Ann-Sophie und Joel, die sehr lange und sehr sexlos auf ihren Einkauf gewartet haben, wiederum aber ein guter Tag für ihre Lieblings-Frühstücksgastro (Fritz, logo). Weil da ging es dann für beide hin, als klar wurde, der Gorillas-Fahrer kommt heute nicht mehr. Das ist wesentlich unkomplizierter, anstatt selbst sich durch das eklige Dickicht eines Supermarkt zu schlagen.

Pärchen-Brunch-Stimmung in Stuggiboogiewoogiebenztownie, olé olé. Der unerwartete Ausflug wird sofort in die gemeinsame Excel-Cloud-Tabelle ausgaben_gastro_lifestyle_sonstiges notiert, Joel zahlt aber mit seinem Krypto-Wallet. Lief gut diese Woche. What time to be a coin. 

Stuttgarts Jahresleistung: Ein Riesenrad

Ich habe im Jahr 2021 erneut wieder sehr, sehr vieles nicht verstanden, gerade jetzt, am katastrophalen Ende, bei dem man machtlos einer Minderheit einer Horde an Internet-Professor*innen ausgeliefert war und ist.

Was ich zwischendurch aber absolut nicht verstanden habe, wie man es so brutal abfeiern kann, dass einem schlecht bezahlte, maximal unter Druck stehende Menschen auf einem schwerlich steuerbaren E-Bike innerhalb von paar Minuten ein bisschen Krimskrams („voll Bock auf `ne TOMATE JETZT!“) vorbei bringen, nur weil man selbst zu faul ist, in den naheliegenden Supermarkt zu rennen. OKAY JAAAAA, außer du bist halt in Quarantäne. Oder die berühmte Omi, die aber vielleicht doch kein Smartphone hat. Nun ja.

Aber so sind wir alle in irgendeinem, oder besser gesagt, oft in sehr vielen Punkten, so richtig dumme Arschlöcher, inklusive mir natürlich, aber hallöchen, ich flieg Kurzstrecke von Feuerbach nach Hedelfingen und bau jährlich Gelbe-Sack-Berge in der Größe einer Kleinstadt wie RIN.

Letztendlich steckt doch in fast jedem von uns, mindestens so ein bisschen, ein kleiner FDPler, selbst wenn wir bequemen Freedom Lovers das nicht wahrhaben wollen, was ja auch seine sehr bittere Wahrheit ist, weil wir eigentlich Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Autobahnen und Parklets total super finden. 

Ich wundere mich immer noch, warum sich so viele gewundert haben, dass bei der Bundestagswahl unter den Erstwählern die FDP am besten abgeschnitten hat. Zwei Minuten lang Insta und TikTok gucken und noch bissle Deutsch-Rap hören sollten eigentlich ausreichen, um eine komplett entfesselte Teil-Generation erfühlen zu können. Keine Frage, mit 20 wäre ich auch schon gerne Millionär gewesen, so wie die heute alle, aber Mitte 1990 hätte ich einen Baufirma gründen müssen, einen Mobilfunkanbieter ins Leben rufen, Amazon erfinden oder den Markt mit AOL-CDs bewerfen. 

War damals alles weit außerhalb meiner Vorstellungskraft (wie auch heute) und ich war sowieso lieber raven (immer noch). Außerdem gab es noch keine so klugen, spirituellen Insta-Captions, die mir den Weg gezeigt hätten („wenn du hinfällst….“), genauso wenig wie YouTube Masterclasses, die einem erklären, dass man in einen Monat unfassbar reich wird. Und das OHNE DAFÜR ZU ARBEITEN. 

Unglaublich einfach alles und man schwankt zwischen einer fatalistischen wie-schlimm-wird’s-noch-alles Jonathan-Franzen-Klimawandel-Essay-Stimmung und einem regenbogigem Alles-wird-gut-Geträume, weil ja zwischenzeitlich doch zehn Leute mehr Fahrrad fahren. 

Ja, ganz so schlimm ist es dann doch nicht. Gott sei Dank gibt’s noch genügend Menschen – man sieht sie leider oft vor lauter Depperei nicht mehr – die für diese Gesellschaft in irgendeiner Form etwas Gutes tun. Engagiert, kämpferisch, selbstlos, mutig und vor allem nicht bequem. 

Das ist jetzt ein ziemlich arg wie vom Balkon runter klatschen, ich weiß, aber: Danke an alle, die dieses Jahr wieder besser waren als die meisten von uns inklusive mir, und es auch nächstes Jahr wieder sein werden. Die Welt wird euch eines Tages Recht geben. Und wir anderen denken vielleicht über manches bis vieles einmal mehr nach. GaLieGrü und alles Gute für uns alle im Jahr 2022.

1 Comment

  • Herr Cut sagt:

    Ich versteh die jungen FDP Wähler in ihren Polos und Finanzjob nicht mehr. Immer am traden zwischen Work & Life Balance und Ischgl. Vermutlich kommt daher die maximale Degeneration sich was bei Gorillas zu ziehen und mit dem CLS kurz zum Kombl rollen. Wäre übrigens eine Einstellungsfrage in meinem Unternehmen: bestellen Sie bei Gorillas oder Flink? Ja? Dann verpiss dich du fauler Hund.
    Mir macht die Gesellschaft zunehmend Sorgen.
    Zum Glück gab`s noch einen guten Bayern Impfslogan diese Woche: Mia san ungimpft und Joschua muss bissle Pause machen. In diesem Sinn 2022 kann kommen, vielleicht nicht besser aber bestimmt anders

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