Der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien 2021

Neues vom Alltag einer Lehrerin (in diesen Zeiten): Unsere Autorin Aycin ├╝ber den letzten Schultag vor den Weihnachtsferien 2021/2022.

Und? War der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien 2021 nun weihnachtlicher, als der letztes Jahr? Das k├Ânnen die meisten Lehrer*innen bestimmt bejahen.

Auch wenn es im Lehrerzimmer immer zu wenige Weihnachstgutsle geben wird (an dieser Stelle an alle ElternvertreterInnen: Bitte keinen Tee! Weihnachtgeb├Ąck! Wir wollen Gutsle!), mussten die Sch├╝ler*innen dieses Jahr das Adventst├╝rchen zumindest nicht schon ab dem 16. Dezember mit nach Hause nehmen.

Aber ganz so sorgenlos konnten wir sie nun auch wieder nicht nach Hause lassen. Die im Klassenraum stehende Frage, begleitet mit den gro├čen be├Ąngstigten Augen, warum alle wieder die B├╝cher mit nach Hause nehmen m├╝ssen, bis hin zu der Kollegin, die f├╝nf vor zw├Âlf noch hastig aus dem Kopierraum mit einem Stapel von Arbeitsbl├Ąttern auf dem Arm an einem vorbeirennt und ohne eine Frage gestellt zu haben, dieselben be├Ąngstigten Augen ├╝ber dem Aufgabenberg blinzeln: ÔÇ×Du, man wei├č nie! Ich kennÔÇś da jemand, der kennt jemand, der wiederum sagt, es gibt Homeschooling nach den Ferien.ÔÇť.

Homeschooling- ja, das Unwort des Jahres.

Ob man gestern nun Team Ich lasse sie einfach gehen, wir sind ja nun digital [dijitl] oder Team Homeschooling gibtÔÇÖs nie wieder oder Team Ich kennÔÇś da jemand, der kennt jemand.. ist ein sorgenloses Dr├╝cken untereinander gab es eben immer noch nicht.

Diese ungem├╝tliche Unsicherheit, die man im Klassenzimmer vor den Sch├╝lerInnen ├╝berspielen musste, geh├Ârte auch zum Programm, worin wir LehrerInnen doch eigentlich Profis sind: voll die Ahnung haben, bei keinem Plan.

Nur konnte man das diesmal nicht geschickt mit ÔÇ×Schlag im W├Ârterbuch selber nach, auch das musst du k├ÂnnenÔÇť oder ÔÇ×Und genau dar├╝ber h├Ąltst du n├Ąchstes Mal eine Pr├ĄsentationÔÇť umgehen.

Einen Plan haben wir seit diesem Jahr in so ziemlich vielen Bereichen. Der Pandemielehrer alias MedienbeauftragteR, SozialpsychologIN, Teststation, Abholstation und LehrerIn.

Und die Schulsozialarbeiter? Na, die sind neben Trauma-Therapeuten und Paarberatern bald auch Heilpraktiker- all in. 

Zur Abholstation vielleicht noch ein paar Worte. Ist man eine Kohortenklasse, musste h├Âchstwahrscheinlich ein/e Sch├╝lerInn abgeholt werden und durch ein positives Testergebnis wird man eine Kohortenklasse. Oder wie es die Kinder sagen ÔÇ×Wir sind Coronaklasse, abla!ÔÇť. Kohorten haben eigene Pausenzeiten, w├Ąhrend die Anderen drau├čen auf dem Schulhof h├╝pfen, schauen sie mit der Aufsichtskraft aus dem Fenster. Wer kennt es? Du sieht in den Pausen dein Kollegium gef├╝hlt zwei Monate nicht, weil du die Kohorte bist, abla.

Ok, Sp├Ą├čle erlauben sich Sch├╝lerInnen ja weiterhin, indem sie sich provokant umarmen, um danach in einer in your face Haltung sagen zu k├Ânnen: ÔÇ×Wir d├╝rfen das. Wir sind Geschwister!ÔÇť.

Mit Abstand halten und Maske ├╝ber die Nase, kennen wir uns nun gut aus, genauso wie mit den 234 Pausenbereichen. Ein Update was die Corona Schlagzeilen in der Schule angeht, gab es dennoch:

St├Ąbchen tiefer in die Nase

Du hast nicht gescheit gedreht

Ich muss dich nochmal testen, weil kein Strich erkennbar ist

Drehen, drehen, 10, 9, 8ÔÇŽ.

Was jedoch auch immer wieder irritierend ist, ist dass wir die Gesichter hinter den Masken nicht sehen. Erstaunt war ich, als ich das Gesicht meines Sch├╝lers kurz beim Trinken erblicken konnte und nach Monaten feststellen musste, dass er nun einen Bart hat.

Eine erstaunlichere Verwandlung, als nach den Sommerferien, nur mit dem Unterschied, dass wir sie jeden Tag sehen. Jeden Tag nur die H├Ąlfte ihrer Gesichter.

Wir sind in vielen Sachen besser geworden. Auch wenn wir unser L├Ącheln gegenseitig schon lange nicht mehr zeigen konnten, das tiefe in die Augen schauen, um Mut, Mitgef├╝hl, Entt├Ąuschung und Zorn zum Ausdruck zu bringen, das haben wir nun drauf.

In diesem Sinne, allen sch├Âne Weihnachtsferien und auf ein gesundes neues Jahr. Auf dass wir alle unsere St├Ąrken mitnehmen. Aber dabei nicht verlernen, uns in die Augen zu schauen.     

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