Konzertreview: Woodkid in Heidelberg

Leser Markus Mrozek hat uns schon öfters mal Bilder aus Mannheimer Region geschickt. Am Samstag war er in Heidelberg auf dem Woodkid-Konzert („wollte mal wissen, was sich hinter diesem Phänomen verbirgt“) und sollte eigentlich nur für einen Bekannten, der schon öfters über Woodkid berichtet hat, ein paar Notizen machen. Daraus ist ist eine komplette, gelungene Konzertreview geworden, die wir gerne für unsere Woodkid-Fans, sollte es die geben, abdrucken. Ne bringen. Oder posten. Danke schön. 

[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=C8xg60iZJ_w[/youtube]

Und dann, um kurz nach neun, geht in der Heidelberger Stadthalle das Licht aus. Die Kronleuchter des erhabenen großen Saals, architektonisch irgendwo zwischen Gründerzeit und Renaissance, werden runtergedimmt. Gegenläufig dazu steigt der Lautstärkepegel der etwa 1.000 Frau und Mann starken Zuhörerschaft (oder ist es doch eine Anbeterschaft?) und mündet in einen ohrenbetäubenden Lärm, motiviert von Euphorie, Spannung und sicher auch Alkohol. Weihrauch würde an diesem Abend wohl auch keinen überraschen.

Wenig später wird klar, dass diese Örtlichkeit unter all den Veranstaltungsräumen in der Region – pardon, Metropolregion – nicht besser hätte gewählt sein können. Die Musik, die hier in wenigen Augenblicken aus der Anlage ertönt, wird mit dem prunkvollen Bau eine Symbiose eingehen, die sich zumindest in puncto Pathos in nichts nachstehen wird.

Das Kreischen und Getöse beruhigt sich erst als die sieben Musiker ihren Arbeitsgeräten das Intro des, nun ja, was eigentlich? Konzerts? der Messe? entlocken. Die orchestralen Synthiesounds, die sich mit der dreiköpfigen Bläserfraktion (Trompete, Posaune/Tuba, Posaune) um die sonorische Luftherrschaft duellieren, werden von einem peitschenden Rhythmus angefeuert, der den Zuhörer an zwei Dinge gleichzeitig denken lässt: Das Ende der Welt und die Rückkehr des Messias.

Dazu diese Visuals im Hintergrund, die uns durch monumentale Bauten des vielleicht Golden Age, wie Album und Tour betitelt sind, hindurchfliegen lassen. Einer Zeit jedenfalls, in der man nicht leben möchte. Viel Stein, viel Grau, keine Wärme. Anders hier im Konzertsaal. Love is in the air.

Wenig später ist er endlich da. Unter abermals frenetischem Jubel betritt Yoann Lemoine die Bühne und vervollständigt das Woodkid-Ensemble. Er ist ein Mann von zartem Körperbau mit gepflegten Vollbart, Käppi und Kapuzenpulli. Ausgestattet mit einer Stimme, die so gar nicht zu dieser Erscheinung passen möchte. Tief und voll, irgendwie auch leidend und zerbrechlich. Er wirkt schüchtern, zumindest ist er aber sichtlich angetan, mit wieviel – man muss es wohl so sagen – Liebe ihn das Heidelberger Publikum empfängt.

Es ist das erste Deutschlandkonzert von Woodkid seit der Veröffentlichung des Debütalbums „The Golden Age“. Lemoine, Jahrgang 1983, baute sich bis dahin einen Ruf als Videokünstler auf, mit Arbeiten unter anderem für Taylor Swift und Lana del Rey.

Nun steht er selbst mit seinem kleinen Orchester im Vordergrund. Vor dem Album-Release im März köderte er seine Fangemeinde mit zwei EPs. 2011 mit „Iron“, 2012 mit „Run Boy Run“. Beide Songs finden sich auch auf dem Langspieler, es ist aber dennoch bemerkenswert, wie Woodkid quasi aus dem Nichts seine Anhängerschaft rekrutierte. Hype oder doch den Nerv der Zeit getroffen? Man möchte sich auf diese leidige Diskussion nicht mehr einlassen.

In einer Albumrezension heißt es, Woodkid klinge nach deutschem Wald, deutschem Stahl und deutschem Tiefsinn. Vielleicht sind das die Gründe, warum man sich schon so vertraut ist ohne sich wirklich zu kennen. Es ist nicht viel, das Woodkid im Gepäck hat. Ein Album. Rund 20 Songs inklusive der B-Seiten der EPs.

Und so bleibt ihm auch nicht viel anderes übrig, als aus diesem Topf zu schöpfen. Das Set, bestehend aus dem gesamten Album und um den Titel „Brooklyn“ von der „Iron“-EP ergänzt, erinnert dann tatsächlich an die Attribute des Rezensenten. Die Zeremonie bewegt sich abwechselnd zwischen schierem Bombast (Wald, Stahl) und ruhigeren Passagen (Tiefsinn), in denen Lemoines Stimme jeden Winkel der Stadthalle durchdringt. „Boat Song“ und „The Shore“ sind wunderbare Beispiele dafür.

In diesen Momenten herrscht fast absolute Stille und Bewegungslosigkeit im Auditorium. Nachdenklichkeit, die immer nur so lange währt, bis die Zuhörer mit Pauken und Trompeten wieder befreit werden aus ihrer Lethargie. Lemoine ist kein großer Sänger, gerade wenn es flotter zugeht, verfehlt er ab und an die Töne um ein paar Hertz. Doch das ist der Fangemeinde herzlich egal.

Woodkid haben Freude und Spaß da oben auf der Bühne, sie geben sich volksnah und quittieren die entgegengebrachte Zuneigung in der Mitte des siebzigminütigen Programms mit dem großartigen „I Love You“ – vielleicht der schönsten Perle aus dem noch überschaubaren Repertoire.

Beachtlich ist die Leistung der beiden Schlagwerker im hinteren Zentrum der Bühne, die sich im wahrsten Sinne einen abtrommeln. Gerade in den rhythmusbetonten Stücken wie der Zugabe „Run Boy Run“ kommen Zweifel an der Statik des Festsaals auf, so hämmernd, so wuchtig schmettert es von der Bühne herab.

Dazu wird auf die Leinwand eine übergroße Statue aus Stein projiziert, die irgendwie an Wickie, den kleinen Wikinger aus der Zeichentrickserie erinnert. Gegen Ende des Songs fängt sie an zu bröckeln, zuerst lösen sich kleine Steinchen, dann stürzt das Standbild in sich zusammen.

Vielleicht ist es dann wirklich vorbei, wie es im Titelsong heißt. The Golden Age is over. Die Frage bleibt, was nun kommen, wohin Woodkid seine Anhänger wohl führen mag.

www.woodkid.com

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6 Comments

  1. says: Jeanne

    „… Nachdenklichkeit, die immer nur so lange währt, bis die Zuhörer mit Pauken und Trompeten wieder befreit werden aus ihrer Lethargie….“ also nachdenklich ja aber lethargisch? Eher andächtig, atemlos bis der Rhythmus wieder aufpeitscht. Live gingen die feinen musikalischen Nuancen m. E. etwas unter – und: die Location ist zwar schön aber es war unendlich heiß.

  2. says: Tim

    War das geil, Mann! 10/10. Oder wenigsten 9,5/10. Die Musik ist Geschmackssache (meinen trifft sie exakt), aber die Lokalität war perfekt, die Akustik und Abmischung tadellos, der Künstler bescheiden und sympathisch — und vor allem Licht und VFX waren bombastisch. Jeden Penny wert war das! So. 🙂

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