Southside Refjuh by Afro-Dieter
Tag 3 und Abreise

Afro, Manu und Tobsen gehen am dritten Tag (Sonntag, 20. Juni) langsam aber sicher am Stock. Aber sie schaffen es.

So langsam wirds etwas zäh, nachmittags um 14:00 hat es immer noch frische 14 bis 16 Grad und es wurde sicher nicht wärmer. Hinzu kam gelegentlicher Regen und ein reger Abreisestrom. Konnte es denen auch nicht verdenken, aber große Namen wie DANKO JONES, SKUNK ANANSIE, STONE TEMPLE PILOTS, 2 DOOR CINEMA CLUB und die arroganten (so sagt man) MANDO DIAO warfen Ihre Schatten voraus.

Nach einer bzw. der dritten durchzechten Nacht musste ich nachmittags noch mal einen Power-Nap einlegen und wurde von der zarten und gleichzeitig aggressiven, fordernden und doch zuckerweichen Stimme der Power-Amazone Skin geweckt, Frontfrau von Skunk Anansie / 17:00, Green Stage. War wohl ein energetisches Konzert mit einer elektrisierenden Skin, die das P aus Powerfrau sein könnte. Genau richtig zum Aufstehen, Zähne putzen und in die Gänge kommen.

Doch erst zu Danko Jones / 18:00 Blue Stage war ich dann wirklich aufmunitioniert, komplett anwesend und hochmotiviert mir mit Simonster und den Kellerkollegen den Rest zu geben.

Der Prahl-Kanadier Jones is son bisschen THE ROCK des RocknRoll. Mit druckvollem, starken Drei-Mann-Rock, der lyrische Doppelsaltos eher durch klare Worte in überzeugenden Botschaften ersetzt, hat er die letzten Kraft aus unseren müden Kadavern geholt und mich eine Stunde lang schranzen lassen, inkl. fünfminütiger Ansprache an alle Neider, Hater, Raver und Hipster, die ihn zu dem gemacht haben, der er heute ist.

Meiner Meinung nach ziemlich authentisch, unverfälscht und ideal, um mal jedem das Textbrett zu geben, dass er schon lange nötig hätte (und damit mein ich nicht nur „Do you kiss at the first date“).

Leider dadurch (aufgrund dispositioneller Überschneidung bzw. dem unwiderruflichen Raum / Zeit-Kontinuums) 2 Doors Cinema Club verpasst, doch wie es bei Seelenverwandten so ist, waren Manu und Tobsen dort:

Nachdem wir aufgrund unseres ausgewogenen Schlafes das 60minütige Gaffen und zählen der Tatoos von Jennifer Rostock verpassten, standen wir pünktlich zu Two Door Cinema Club / 18:00 Red Stage (Zelt) auf der Matte.

Die Newcomer aus Nordirland, dessen Debütalbum schon einiges versprach, konnten auch Live anstandslos überzeugen. Das Zirkus-Zelt war von Beginn ausgebucht, das Klima dadurch subtropisch und die wenige Luft grenzte schon fast an Gestank (remember „Duschen auf Festivals“ – Anm. von Afro-Dittsche)

Mit ihren Hits „Undercover Martyn“ und „I can´t talk“ (Anspieltip!) pumpten die Jungs das letzte Stück Luft aus dem Ballon und das Zelt zur Extase (Jubelgeschrei, weinende Mädchen, Kreislaufzusammenbrüche).

Konsequenterweise hätten auch hartgesottene Männer zwischendurch mal an die frische Luft müssen und leichtsinnige Tetra-Pack-Mischkonzentrat durch Erfrischungsgetränke ersetzen, doch niemand wollte bei der Band auch nur 5 min verpassen (#*#°! – Anm. v. Afro)

Nach Zugabe und dem letzten „THANK YOU FOR BEEING HERE“ der Band mussten selbst wir zwecks Sauerstoffausgleich schnellsten das Zelt verlassen. Noch ordentlich vor der White DJ-Stage zu deftigen Elekto-Beats einen heißen Tanz in Gummistiefel aufs Schlamm-Parkett gezaubert.

Elektro Beats auf einem Rock-Festival? Der Gedanke führte uns zu einer Grundsatzdiskussion, wir einigten uns jedoch auf „Gute Musik mitnehmen“ und gaben den Beinmuskeln noch mal die Sporen.

Da mich Danko Jones doch recht geschafft hat, bin ich solo zum Runterkommen am Jägermeister-Zelt kickern, dort wildfremde Marathon-Läufer aus Karlsruhe kennengelernt und von Stone Temple Pilots / 20:15 – Green Stage überzeugt. Gleichzeitig mein auferlegtes Radler-Gelübde (ab So, 20:00) begonnen und zur Bühne gestrauchelt.

Dort liefen gerade noch Element of Crime, sozusagen die ROLLING STONES des norddeutschen Rocks. Aber harmonisch, zum Schunkeln und auch mal n bisschen TonSteineScherbiger (Anspieltipp: „Immer unter Strom“ + „Ohne Dich“). Aber halt alle uralt und erinnern vom Äusseren etwas an die Stammgäste der Eck-Kneipe in meinem Barrio (bzw. aus aktuellem Anlass das „Wikinger“).

Selbstverständlich hat gute Musik nichts mit dem Alter zu tun (gell Martin 😉 Seggel :), Anm. Ram) und für einen verheizten Sonntagabend hatten doch viele, jedoch verhaltene Anhänger sicherlich Spaß.

Doch ursprünglich waren wir ja wegen den Steintemplern da, die den Slot um 20:15 Uhr hatten. Als aber um 20:10 immer noch kein Roadie auf der Bühne und die Elements noch am schwoofen waren, is mir langsam der Gedanke gekommen, dass wir eventuell an der falschen Bühne sind…. #*!

Also raus, zur anderen Stage rennen, durchquetschen, beschimpfen lassen und bis ca. 30 Meter an die Bühne ranpressen. Ging vorne dann eigentlich ganz gut, jeder hatte Platz und STP zum Glück 10 min Verspätung. Auch meine „Let’s go Mur-phys“-Gesänge haben diesen Prozess nicht beschleunigen können.

Schlussendlich hat sich Sänger Scott Weiland doch dazu bewegen lassen, schwer androgyn und „leicht“ berauscht auf die Bühne zu kommen. Nach zwei Songs passten auch Stimme und Sound – dann BAM! – „Vasoline“ und BAM BAM! „Plush“ (Anspielgebot). Das letztere extrem langsam gespielt, den Spannungsbogen bis ans Limit gezogen, ausgereizt und zelebriert bis zum letzten Ton => für mich einer der besten Momente des Festivals.

Zwar waren 50 min guter Sound gefühlt kurz und die Roadies rollten ohne jede Chance auf Zugabe den Teppich ein, aber für mich war das ok, denn die Beine wurden schwer, die Kälte (7 Grad) presste rein wie die Nacht und das Glas war ¾ leer.

Also noch rüber zu Mando Diao / 21:30 Blue Stage, die wohl ihren arroganten und selbstverliebten Ruf lediglich aus Marketinggründen und skandinavischer Herkunft pflegen: Grundsolides, warmherziges, sympathisches Konzert, die Hütte war nochmal komplett voll und alle Pärchen und Rockromantiker (moi) hatten einen melodischen Abschluss.

Eine körperliche Pause später stand noch La Roux / 22:30 im Red Tent, ich glaub „Bulletproof“ hab ich noch mitgekriegt, aber gedanklich war ich schon horizontal.

Noch voll im Saft steckten zu diesem Zeitpunkt Tobsen und Co’ Manu, die sich voller Elan Billy Talent / 22:00 – Green Stage gegeben haben:

Der Schlusspunkt unseres Survival-Wochenendes setzten die kanadischen Spitzbuben Billy Talent. Sind vermutlich den meisten hier ein Begriff, manchen sogar noch mit dem 1. Hit „Try Honesty (Den einzigen, den man noch anhören kann 🙂 – Afro)

Der Frontmann hat eine Stimmlage zum Gläser sprengen, die Band drückt und schiebt wie die Großen und fast jeder Song gibt dir in der Strophe die Möglichkeit, kurz durchzuatmen, um dich im Refrain wieder völlig zu vergessen. Wahrscheinlich die intensivste Art und Weise, die 72igste Stunde dieses Survival-Festivals zu begehen.

Aus guter Laune und einem Überschuss an euphorisiertem Testosteron sind wir noch vor in den Pogo-Pit, kein besonderes kluger Plan, aber hält prima wach. Bloß stehen bleiben is halt nicht mehr. Im Epizentrum des letzten großen Konzerts sollte man es laufen lassen und das haben sich der Großteil der verbliebenen Fans nicht zweimal sagen lassen.

Red Flag“ war letztendlich der Höhepunkt, ein letztes Aufbäumen der Massen, zum Glück ohne Regen. Mittlerweile hat es sportliche 7 Grad und die Straßen sind aufgeteilt in Abreisende und Gefangene der Selbstzerstörung.

Was ich nur bestätigen kann! Auf dem Rückweg von Mando Diao bin ich noch auf Matze gestoßen, der es, wie sich später rausstellte, 3-Tage bei Kälte, Schlamm und Regen ohne Zelt, ohne groß Schlaf und mittlerweile ohne Artikulation, Gestik und Schuhe geschafft hatte zu überleben!

Beachtlich, doch Sonntagnacht, 23:30 war auch für ihn Schluss. Den Sanis zuliebe hab ich ihm noch in die Dusche geholfen und ihn anschließend in einer endlosen Odyssee zu den Johannitern gebracht.

Auf dem Rückweg gabs an einem „Schuh-Feuer“ noch ein sehr interessantes Anekdoten-Brainstorming (fürn Kurzen im kleinen Kreis gerne mehr) und mir wurde wieder klar, wie schmutzig ein Festival sein kann.

Abreise, Montag, 21.06.2010

Am Abbau-Morgen war dann das Wetter optimal, zu spät halt: etwas wärmer, etwas sonniger und recht klarer Himmel. Sogar die Luftwaffe hat ihre Party-Düsenjäger zum Salut im Tiefflug über das Gelände gejagt und einige Ohos und Wows geerntet.

Das Aus-Checken um 11:00 war völlig unproblematisch, alle verheizt/entspannt, keine Schlange, auch der Stau war eher nichtig.Tobsen und Manu hatten mit ihrem White-Trash-Trailer schon um 04:00 in einer Nacht- und Nebel-Aktion das Weite gesucht und waren kontrollfrei entkommen.

Doch an diesem Montagnormittag hatte kurz hinter Tuttlingen die Obrigkeit ihren verlängerten (D)Arm des Gesetzes ausgefahren und in mir ein lohnenswerte Exempel vermutet.

Klar, Proll-Honda, augenscheinlich nicht Deutsch, Matrosenhut, Nerd-Sunglasses, Eagles of Death Metal-Shirt, Schlamm bis unter die Augenbrauen. Im Grunde hatte sie schon den Tazer in der Hand und die Kabelbinder griffbereit.

Doch selbst nach intensiver Fahrzeugkontrolle (ich hätte viel mehr verschlammte Sachen in Tüten verteilen müssen) lies sich in und an meinem Besitz nichts illegales ausmachen.

Zu allem Übel war mein Urin auch noch echt und clean. Etwas enttäuscht und leicht angefressen musste man mich ziehen lassen, als Abschiedsgeschenk durfte ich aber meinen eigenen Piss-Test mitnehmen!

Und die kopierte Bescheinigung über eine erfolgreiche Kontrolle meiner Innereien und Habseligkeiten haben se mir auch nicht ohne Grund mitgegeben, denn zwei Km weiter war die nächste Großkriminellen-Razzia.

Thank you for bringing back the „P“ in „Olizeistaat“: 5 Kastenwägen, aber keine Toilette dabei haben! Hat mir echt auch n bisschen die Rückfahrtslaune getrübt und mich vom unbescholtenen Bürger wieder einen weiteren Schritt in Richtung Schwarzen Block geschubst.

Nichtsdestotrotz, nach ca. 84 Stunden Abart habe ich meine vier Wände umarmt und versuche nun erstmals, die guten, aber lückenhaften Erinnerungen meines 6. Southsides schriftlich zu konservieren. Denn wer da echt noch alles weiß, hat zuwenig erlebt.

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15 Comments

  1. says: Manuel H (aka der Apotheker)

    Und Billy Talent war trotzdem geiler ! 😉 Dachte aber auch das der Dieter mit dir Tobi das „kuschlige“ La Roux Konzi geschaut hat!

  2. says: cHiller

    Danke Jungs für die Interessante Berichterstattung. 🙂 Hab mich immer schonmal gefragt, wie es auf so einem Festival abgeht. Und scheinbar konnt ich mich immer zu Recht auf mein Gefühl verlassen, dass das ganze absolut nichts für mich ist. 😉

  3. says: martin

    hehe, ich fühle mich auch absolut bestätigt, gerade wenn es so läuft wie an den drei tagen.

    aber good job mr. afro dieter. sauberes entertainment. wir planen zukünftig großes mit dir 🙂

  4. says: Nino

    War keiner bei Bonaparte? Die warn der HAMMER! Trotzdem, sehr toll geschrieben, wenn ich jetzt so überleg…Ich weiss vllt. noch 50% davon 😀

  5. says: Glückskind

    Red Flag <3 is live einfach soooo coooool!!

    in Richtung Schwarzen Block geschubst zu werden … nich ganz so cool…naja

  6. says: franzi

    @kutmaster: danke, wieder ebbes gelernt 😉

    den lieben herren vom grünen verein reicht ja oft schon die falsche frisur…rastas=IMMER kontrolliert worden!

  7. says: franzi

    na so ein ziemliches gewurschtel in verschiedenen farben hatte ich auf dem kopf. aber meine damalige lebensbegleitung hatte rastas 😉
    d.h. wir sind in jeder kontrolle gelandet…

  8. says: afro-dieter

    Danke, Danke! Hatte beim Erinnern auch einiges zu schmunzeln 😉
    Bin zwar sicher, das Herr Setzer bei unseren subjektiv-infantilen Konzert-Kritiken auch schmunzeln musste, aber ich seh das mehr als Erlebnisbericht 😀

    Big up auch an die Manu&Tobsen-Brigade!

    PS: Hoffe vom Melt kommt ähnliches…. 😉

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