Jump, Jump!

Ich hab’s nicht so mit Höhe. Ich hab nicht Höhenangst an sich – so lange ein festes Geländer um mich rum ist oder ich sonst wie gesichert bin geht (fast) alles. Ich liebe Achterbahnen, ich geh auf jeden Aussichts- oder sonstigen Turm hoch. Nur wenn’s irgendwo direkt runter geht ohne Brüstung oder Absperrung, dann werd ich zum Schisser.

Daran hätte ich vielleicht denken sollen, als ich mehr als einmal getönt habe, dass ich doch gern mal einen Fallschirm-Tandemsprung machen würde. Und zu meinem letzten Geburtstag hab ich dann tatsächlich solch einen Sprung von meiner Holden geschenkt bekommen.

Am vergangenen Samstag war es so weit – wir sind ins beschauliche Leutkirch im Allgäu gefahren und unser Zimmer in einer gemütlichen Pension bezogen. Bis dahin noch keine Spur von Nervosität, sondern mehr so eine angenehme Vorfreude.

Pünktlich am Nachmittag sind wir dann bei schönstem Wetter zum kleinen Flughafen gefahren – bei dessen Anblick ein erster, ganz dezenter Hauch von Aufregung, aber immer noch guter Dinge.

Vor Ort dann ein ziemliches Gewusel, alles relativ locker und Vereins-mäßig mit jungen hübschen Mädels, die an ihrem freien Samstagnachmittag Fallschirme einpacken und Leute einweisen.

Kurz nachdem ich mich angemeldet habe kommt ein junger blonder Kerl auf mich zu, meint „Hi, ich bin Ronny, wir springen heute zusammen“ und klopft mir kameradschaftlich auf die Schulter (Klopf Klopf). Das sollte er an diesem Tag noch öfter machen, wahrscheinlich will er so seine Passagiere beruhigen. Aber ich bin zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht nervös.

Es folgt eine ausführliche Ein- und Unterweisung per Video, eines der hübschen Mädels steckt mich in einen schicken Fliegeranzug mit passender Mütze und ein anderes zeigt mir, was ich vor, während und nach dem Absprung machen soll. Zwischenrein kommt immer mal wieder Ronny vorbei, „Und, wie geht’s?“ (Klopf Klopf), „Bald geht’s los!“ (Klopf Klopf).

Während ich auf meinen Flieger warte, beobachte ich andere wartende Tandem-Passagiere und welche, die gerade von ihrem Sprung zurückkkommen und entsprechend euphorisch sind. Ich höre auch schon den ein oder anderen Tandem-Profi heraus, der schon diverse Sprünge mit diversen Partnern hinter sich hat.

Zum Abschluss der Einweisungen kommt dann noch mal Ronny und zeigt mir, wie und wo wir beide aneinander geknüpft werden. „Jo, passt alles!“ (Klopf Klopf) – das sind übrigens Ronny und ich:

Nach einer weiteren Wartezeit steht er dann plötzlich neben mir, meint „Auf, jetzt geht’s los!“ (Klopf Klopf) und läuft mit mir zum bereitstehenden Flugzeug. Okay, so langsam beschleicht mich dann doch eine gewisse Nervosität.

Beim Einsteigen ins Flugzeug dann die ersten Witzchen unter den Springerprofis (Ronny zeigt auf den Befestigungshaken eines Passagiers: „Ach, Du hast den Rostigen bekommen?“ – lach lach), während mir der sehr überschaubare Innenraum etwas Sorgen macht – 21 Leute sollen sich da reinquetschen, und entsprechend eng sitzt man dann neben- und hintereinander auf dem Boden.

Beim Flug beruhigt sich überraschenderweise meine Nervosität wieder etwas – ich genieße die Landschaft und denke, gut, jetzt sind wir ja schon ganz schön hoch, als Ronny mir seinen Höhenmesser am Handgelenk zeigt: 600 m (Klopf Klopf). Springen sollen wir aus 4000 m. Ähm, ja? Nervosität, welcome back.

Kein Wunder dauert der Aufstieg fast eine viertel Stunde, und langsam wird es ernst – ich setze mich auf den Schoß von Ronny, er schnallt mich an sich fest, ich setze die Mütze samt Brille auf… und plötzlich macht einer die Luke auf. Und springt raus. Und dann geht alles sehr schnell.

Zuerst steigen die Solo-Profi-Springer aus, dann rutschen die ersten Tandem-Paare vor, und dann robben wir in Richtung Ausgang. Nervosität und ich, wir sind plötzlich eins. Und ehe ich irgendwas denken kann sitze ich in 4000 m Höhe im Ausgang eines Flugzeuges, an Ronny geknotet, und springe raus.

Archivbild von skydive-nuggets.de

Was dann passiert ist schwer zu beschreiben – man fällt förmlich aus dem Flugzeug und rast, Gesicht voraus, auf die Erde zu. Das ist, wie so oft beschrieben wird, ein ziemlich krasses Gefühl, weil alles sehr surreal ist. Ich sehe die Landschaft unter mir in unglaublich weiter Ferne, es zieht wie Sau, es fühlt sich verdammt schnell an und ich habe Mühe, den Mund zuzumachen.

Archivbild von skydive-nuggets.de

Ein wenig komme ich mir vor wie in einem abgefahrenen Computerspiel, irgendwann gibt Ronny mir das Zeichen, dass ich die Arme ausstrecken kann (Klopf, Klopf), und ohne Vorwarnung und ziemlich heftig gibt es einen Ruck, wir schwingen hin und her und hängen am Fallschirm. Fast eine Minute soll der freie Fall gewesen sein? Krass.

So, und jetzt hängen wir da, und ich habe ein Problem. Mein Problem mit Höhe. Denn jetzt erst habe ich Zeit, daran zu denken, dass ich mich in jetzt noch 1000 m Höhe befinde, an einem Typen namens Ronny und damit an einem Fallschirm hängend.

Ich habe einige Mühe, eine aufkommende Panik zu unterdrücken, und versuche mich mit Smalltalk abzulenken: „Und, wie isses?“ (Klopf, Klopf) – „Haaaammer“.

Gerade, als ich mich mit der Situation einigermaßen arrangiert habe und im Rahmen meiner Möglichkeit die Landschaft genieße, fängt dieser durchgeknallte Typ hinter mir an Kurven zu fliegen.

Während wir uns in eine Richtung bewegen und mein Magen verzweifelt versucht, die andere Richtung einzuschlagen, will Ronny mich endgültig fertig machen. Er zeigt mir zwei über mir hängende Schlaufen, die ich anpacken soll, und erklärt trocken: „Wenn Du rechts ziehst, fliegen wir rechts, wenn Du links ziehst, fliegen wir links.“

Um meinen letzten Rest Selbstachtung nicht im postkartenblauen Allgäu-Himmel zurückzulassen ziehe ich halbherzig mal rechts und mal links, wodurch meinem Magen endgültig die Orientierung abhanden kommt.

Erleichtert stelle ich fest, dass der Flughafen unter uns sichtbar wird und wir uns der Landewiese nähern. Und endlich, nach weiteren eleganten Kurven, landen wir auf dem Hosenboden im Schoss von Mutter Erde.

Während ich aufstehe, ruft sich mein Magen noch einmal ein paar der eleganten Kurven in Erinnerung, und ich versuche trotzdem meiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen. „Na, wie war’s?“ (Klopf Klopf) – „Haaaammer!“

Abschließend muss ich sagen: Das wird zwar nicht mein Sport werden, aber es ist wohl eines der krassesten Erlebnisse, die man sich vorstellen kann, und jeder, der davon schwärmt, hat absolut recht. Und sorry an Ronny und meine Holde, dass ich nach der Landung meine Begeisterung nicht so zeigen konnte.

Aber mir war so kotzübel, dass ich mich erst mal eine Stunde flachlegen musste und mich mit meinem Magen erst wieder abends versöhnen konnte – mit dem besten Stück Fleisch, das ich seit langem gegessen habe, in Form eines fantastischen Zwiebelrostbratens in einer Brauereigaststätte in Leutkirch.

Wer den Spaß auch mal ausprobieren möchte – die Skydive Nuggets sind überaus sympathisch und ich empfehle sie gern weiter (Klopf, Klopf).

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17 Comments

  1. says: julia

    hahaha, ich stells mir bildlich vor. thorsten kommt runter und kaum euphorie aufgrund des angereizten magens 😉
    die anderen dachte wahrscheinlich, dass du schwer zu begeistern bist 😛

    würd ich gern mal machen, aber ich glaub wenn ich oben an der luke wäre, müßte man mich schubsen, sonst würd ich da nicht rausspringen.

  2. says: Tobi Tobsen

    mit dem wetter hast ja echt mega glück gehabt! und der anzug rockt auch – hattest du so einen nicht früher zum raven an? 😀

    btw:
    üble story: ein ehemaliger werkstudent von uns hat auch mal so einen sprung gemacht, ist bei der landung falsch aufgekommen und sitzt seit diesem zeitpunkt im rollstuhl. voll krass….!

  3. says: neongrau

    Oh man, ich hab grad Tränen gelacht =D

    Oder waren es Tränen des Respekts? Ich weiß es nicht…
    Als absoluter Höhneschisser kann ich voll mit dir fühlen. Ich hatte ja schon beim Motorradfahren in den Dolomiten echte Probleme.
    Und beim Bungeesprung aus 80m wurde es auch nicht unbedingt besser.
    Schon gar nicht bei der Kettenkarussellfahrt in 40m Höhe, zu der ich mich überreden lasen hab.

    Die Höhe und ich, wir werden keine Buddies, daher hast echt meinen Respekt.

    P.S.: klopf klopf, du solltest mal den Sensor deine SLR oder zumindest dein Objektiv reinigen 😉

  4. says: Sabine

    Lustig die Geschichte – wenn man nicht selbst springen muss. Ich glaube ich hätte mich im Innenraum des Fliegers ankarabinert… mir wird ja schon schlecht, wenn ich auf der Leiter stehe und eine Glühbirne wechseln soll!

  5. says: anska

    Hey Thorsten, dickes Lob an Dich!
    „Bitte 12 Stunden vor dem Tandemsprung keinen Alkohol“ — Hast Du das auch eingehalten? Sonst hast Du schon den Grund für Deinen flauen Magen.

  6. says: Doppelspass-dieter

    (…mehr nach dem Sprung)
    😀

    @RAM: Dinge die ich nie tun werde – hast du das am Anfang beim Joggen nicht auch vom Marathon und ähnlichem gesagt!? Aber es is schon bestimmt ne krasse Nr – Respekt an Ravemaster T

    Und Tobsen, es gibt immer üble Storys – Gestern zum Beispiel hat eine Fussball-Mannschaft einer Europäischen Insel so übel hart auf den Sack gekriegt, dass der letzte Deutsche Scheiß-Buh-Rufer feucht im Schritt wurde 😉 Hab immer noch nen halbharten von dem Spiel…

  7. says: martin

    jein, da hatte ich mich nie so festgelegt (ich hab darüber davor nie nachgedacht, eines tages bin ich dann halt mal gelaufen),

    aber als z.B. die bungee gschichte aufkam, war mir gleich klar, das ist nicht meins. habs auch nicht so mit der höhe. aber klar, sag niemals nie.

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