Freund + Kupferkolumne: Mir doch Wurst

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In die Juni-Ausgabe des Freund + Kupferblatt durfte ich wieder eine kleine Kolumne reinböllern. Hab‘ ich gemacht. Eins vorneweg: Ich war hungrig und etwas mies gelaunt, weil scheinbar jeder weiß, was ich essen soll.

Alles, was ich über veganes Leben weiß: Ich kenne aufrechte Menschen, die sofort ihr Wurstbrötchen aus der Hand legen würden, um einen verschissenen Rassisten in die Schranken zu weisen. Das wiederum sagt überhaupt nichts aus über Veganer oder Wurstbrötchen, sondern lediglich über Menschen und deren Prioritäten. Den Gedanken habe ich mir vom Vegan Street Day ausgeliehen – einer Veranstaltung, die vor einigen Jahren noch „Veggie Street Day“ hieß und sich dann – hihi *gacker* – zunehmend radikalisierte.

Dort gab’s einen Aufnäher zu kaufen: „Vegan means to suck less“. Weniger kacke sein – eine durchaus gesunde Art der Selbstreflektion: Das Problem fängt ja meist dort an, wo man sich nicht selbst als Teil des Problems begreift. Das wiederum ist natürlich ein ausgemachter Kackjob. Auch weil man da selbst Chef , Agenda, Mitarbeiter und Betriebsrat sein muss. So wie bei Udo: „Ich mach’ mein Ding“. Düdeldü, ganz easy peacy.

Ich kuschel zum Beispiel mit Tieren, anstatt sie zu essen, betrete weder die Abfertigungshallen von Starbucks, noch die von Burg King, McDonalds oder Primark, bestelle nicht bei Amazon, nie bei Zalando und die Burgerkultur geht mir – gelinde gesagt – links und rechts dreimeterfuffzig am Arsch vorbei.

Wer sein Seelenheil von der Beschaffenheit eines Wurstbrötchens abhängig macht, sollte mehr knutschen, Bolt Thrower hören oder irgendwas von Sibylle Berg lesen. Gleichzeitig kaufe ich bei H&M, trage Lederschuhe, esse Schokolade und Käse und subventioniere in lächerlich großem Umfang die Tabakindustrie. Da ist noch jede Menge Luft nach oben, die ich problemlos optimieren könnte. Ganz oben: geile Welt ohne Leid und der Hund liegt schnarchend auf dem Rücken.

Ich kippe beispielsweise auch lieber Reis- oder Sojamilch in den Kaffee. Doch ich werde mich hüten, im Café nachzufragen oder gar darauf zu bestehen. Ich habe Angst, man könnte mich für einen von denen halten. Veganer. Dabei finde ich selbst beim miesesten Willen keinen Grund,  die Veganerei blöd zu finden. Außer vielleicht: „Veganer“ und damit meine ich die, die Dankbarkeit für ihren „Lifestyle“ erwarten, weil sie ihre Luft nach oben optimieren – und ich meine damit auch die Exemplare, die das zur Schärfung des eigenen Profils nutzen.

Hier kurz ein Gag: Treffen sich 100 urbane Individualisten, und jeder so: „Orr, nur peinliche Arschlöcher hier“. Funktioniert immer. Ihr seid das Volk und ich halt der Volker. Zwei Volker sind eine Gang und ab drei Stück gibt’s Krieg. Allen anderen Veganern salutiere ich wie AC/DC denen, die rocken wollen. Besonders weil sie Bewusstsein und Ausführung nach, äh, vorne ficken.

Die Eröffnung von Andreas „Bär“ Läskers veganer Fastfood-Bude Xond wird seit Monaten von der Selbstdarstellung aller Beteiligten und Nicht-Beteiligten getragen. Alle gegen alle. Mistgabeln raus, Quality time. Der Fanta Vier Manager keilt in schöner Regelmäßigkeit gegen Nicht-Veganer – manchmal auch weil die mit dem Quatsch angefangen haben. Wurstessen macht ja nachweislich auch nicht schlauer. Unterm Strich steht aber immer: Keile. So ähnlich wie bei einem Schnitzel: das Tier ist tot, ob bio oder nicht.

Und auch das ist klar: egal wie hardline Du bist, irgendjemand ist immer Hardliner. Ich sehe das positiv: Die Luft nach oben riecht bei Andreas Läsker jetzt nicht mehr nach Toten und verbranntem Fleisch. Denn als er zuletzt in einen Speisebetrieb involviert war, widerte mich das an. Im Pilum im Römerkastell gab’s eine Showgrill-Stelle. Leider legte damals niemand Zucchini drauf.

Mir wurst, ob vegan gerade hipper Lifestyle ist. Deathstyle ist ja auch keine Lösung.

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