Der Stuttgarter Weg: Lieber Look21 statt Off-Kultur

(So soll die Ecke Heilbronner Str./Türlenstr. irgendwann aussehen. Foto: Visualisierung: Icade Reim Deutschland GmbH/Schaller Kyncl)

Man kann eine Stadt auf verschiedene Art und Weise aufwerten. Man kann leer stehende Nischen unkonventionell zwischennutzen, statt Gebäude sinnlos leer stehen zu lassen. Dann wird aus einer alten Waschstraße zum Beispiel ein Kulturraum, in dem Lesungen, Film-Screenings und Fußball-Diskussionen stattfinden – zwischen Waschbürsten, Kerzen und Kacheln. So kann man ein ehemaliges Autohaus in eine Weinhandlung mit Anspruch verwandeln und in einer ausrangierten Werkstatt einen Mädchenflohmarkt stattfinden lassen – wie in der ehemaligen Mercedes-Benz-Niederlassung in der Türlenstraße in S-Nord.

Man kann aber auch ein Gebäude in bester Innenstadtlage jahrelang leer stehen lassen, obwohl es Ideen zur Zwischennutzung gibt, bevor man es dann einfach abreißt, damit eine echt witzige, platte Flunder an einer der wichtigsten Einfallstraßen nach Stuttgart entsteht. So geschehen beim ehemaligen Versatel-Gebäude in der Nähe vom Hauptbahnhof.

Dann gibt es noch eine dritte Variante, eine Stadt aufhübschen zu wollen. Nennen wir sie den Stuttgarter Weg. Der Stuttgarter Weg ist derzeit an vielen Stellen zu bewundern. Zum Beispiel an der Gerber-Baustelle, wo man momentan noch schippt, statt shoppt, bevor man letzteres dann auf 2.000 Quadratmetern H&M tun kann. Ein solch tolles Bauprojekt ist echt wichtig, um mit Hannover, Kassel und Co. gleichziehen zu können. Sonst wäre man ja womöglich individuell, und das wäre ja schade 21.

Den Stuttgarter Weg schlägt man jetzt auch an der eingangs beschriebenen Türlenstraße 2 ein. Dort wurden die Mietverträge der kulturellen Start-ups nicht verlängert. Am Wochenende ist endgültig Schluss. Sicherlich darf man sich beim Vermieter, der bestimmt ganz arg sympathischen Immobilienfirma Icade aus Frankreich bedanken, dass sie die Umwandlung in eine temporäre Offlocation überhaupt zugelassen hatte.

Im Angesicht dessen, was nun an gleicher Stelle kommen soll, darf man sich aber auch ganz bestimmt ein bisschen gruseln. Statt Skaten im Parkhaus, Weinprobe im Ex-Autohaus und Emobilitäts-Ausstellung im Untergeschoss soll hier nun endlich, endlich, endlich das lang ersehnte Bauprojekt Look 21 entstehen, das die Firma mit folgenden poetischen Sätzen ankündigt:

„LOOK21 – Neue Landmarke im Herzens Stuttgarts: Durch die nun definitiv entschiedene Realisierung von S 21 wird der gesamte Stadtbereich in den nächsten Jahren eine immense Aufwertung erfahren. Das neue Quartier LOOK21 liegt prominent unmittelbar gegenüber des derzeit im entstehen befindlichen „Europaviertels“. LOOK21 wird für diesen innerhalb des städtischen Gefüges so wichtigen Ort eine anspruchsvolle architektonische und städtebauliche Antwort geben und die Entwicklung des Stadtgebietes insgesamt fördern.“

Da bin ich mir ganz, ganz sicher, dass der Horst 21 das ganze Gebiet, die ganze Stadt und am Ende die ganze Welt aufwerten wird, denn hier sollen nicht wie sonst üblich, nur die echt dringend benötigten Büros entstehen, weil es davon noch nicht genügend in Stuttgart gibt, nein, hier zaubert man auch 120 Wohnungen hin.

Wann das Ganze wirklich losgeht, steht laut einem Artikel in den Stuttgarter Nachrichten vom April noch in den Sternen. Damals hieß es: „Ich kann nur sagen, dass wir noch in diesem Jahr mit dem Bebauungsplanverfahren fertig werden wollen“, so Sprecher Vinh-Nghi Tiet. Und weiter in den Nachrichten: „Wann tatsächlich unter dem Projektnamen Look 21 Baustart für Park, Büros und Wohnungen sein könnte, steht trotz der Kündigungen für die Mieter in den Sternen.“

Ist ja auch voll ok. Lieber die schrägen Kultur-Fuzzis raushaben, bevor die sich da zu lange breit machen, und die schöne Fläche so schnell es geht platt machen. Wäre ja auch voll die Verschwendung, die spannende Brache noch für den Rest des Sommers bespielen zu können.

Am Samstag findet die letzte Party in der Waschstraße statt. Mehr Infos hier.

Noch einmal feiern, bitte: Party 21 am Samstag.

Hat Spaß gemacht: Lesung mit Jörg Rohleder und Thorsten Weh in der Waschstraße vor eineinhalb Jahren

 

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35 Comments

  1. says: Whiskydrinker

    Das ist kein Drachenflieger sondern der Pleitegeier, der über dem Projekt kreist.

    Ich gehe bei dem Zitat aus der Zeitung davon aus, dass da exakt 0% vermietet bzw. verkauft sind. Und es dürfte vermutlich lange dauern, bis die kritische Masse für einen Baubeginn zusammenkommt.

    Künstlerisch finde ich den Bau aber gar nicht soooo schlecht. Scheinbar hat da ein Architekt immerhin mit einem CAD-Programm gearbeitet und nicht ein Gebäude in Minecraft zusammengeklickt.

  2. says: Bine

    An was nur erinnert mich dieses oben abgebildete Gebäude!? Eine Mischung aus Autohaus und Colani Design, aber bestimmt nichts, was unbedingt notwendig wäre um die Stadt aufzuwerten. So wird hier alles immer ein wenig mehr gesichtslos, einheitlich und uninteressant…

  3. says: JMO2

    Ach ja, schön wars da bei der Maik Franz-Lounge. Aber ich freu mich auf die 120 Sozialwohnungen die da reinkommen. Wie, keine Sozialwohnungen sondern welche für supi-dupi-Porsche/Daimler/Bosch-Kapalken? Logisch, weil an der Heilbronner Straße will auch jeder wohnen…

  4. says: Jochen

    Wenn das mal fertig ist, dann wurde durch den neuen Superbahnhof doch eh schon ne ganze Menge von dem Heilbronner-Str.-Verkehr auf die Schiene verlegt, also kann man da dann ohne großen Krach den einzigartigen Blick auf Bib / Europaviertel und Bankenpaläste genießen. Oder so …
    Ich glaub ich kotz’gleich.
    @ all: Was bzw. wo ist dieses Milaneo nochmal? Bei der Menge an solchem Zeug, das hier momentan gebaut wird bring‘ ich dauernd die Namen und Orte davon durcheinander, kein Spaß!

  5. says: max

    gewalt gegen sachen ist eigentlich okay. und in dem fall ganz einfach notwehr. man müsste halt schon vorne anfangen, bei den banken. und sich dann langsam durcharbeiten durchs europapaviertel. unsere stadt muss schöner werden!

  6. says: gusteau

    Nix gegen Zwischennutzung; aber das das keine wirtschaftlich tragfähige Dauerlösung ist sollte klar sein. Und das jetztige Bauwerk kackt optisch gegen das neue doch deutlich ab, insofern ist es schon eine Aufwertung

  7. says: Hasenduft

    Da muss man ja die Bürostühle festtackern, damit die nicht in den hinteren Gebäudeteil rollen! Und was ist das für ein Gebäude rechts im Hintergrund, wird der Trump-Tower jetzt auch noch gebaut? Der Perspektive nach müsste dann wohl der Pragfriedhof dafür weichen…

  8. says: Flo

    Wirkt wie eine Mischung aus Porschemuseum, MB-Museum und dem Gebäude paar Meter weiter (glaube das ist zwischen Arcotel und Geno…die Ecke halt).

  9. says: max

    @gusteau. aufwertung? das ist eben die frage, was man für wertvorstellungen hat, nicht? in meinen augen ist sowas keine aufwertung, sondern technokratischer, vulgärrationalistischer müll mit pseudomodernistischem anstrich – dito neuer bahnhof (nix gegen einen neuen bahnhof). null städtebauliche qualität, null belebung des öffentlichen raums, sondern im gegenteil dessen totschlag. mit anderen worten, hier wird städtischer raum, einfach weil er da ist und nach rendite schreit, mit investorenmüll zugeschissen statt kleinteilig impulse für eine entwicklung zu geben. das könnte man ja lernen von den so genannten subkulturen, dass da leben ist und kultur sich entwickelt. ohne kohle, ohne gigantomanie, dafür mit qualität und anspruch. städtisches, lautes, buntes leben statt toter raum. das haben andere städte auch längst kapiert. und jetzt bietet sich diese eigentlich geile chance aus dieser autorennbahn stuttgart eine menschenfreundliche stadt zu machen und was passiert? präpotente architekten bauen schwanzverlängerungen. das ist zum heulen.

  10. says: Peter

    Ich versteh echt nicht weshalb um den Bahnhof so viele Wohnungen entstehen. Wer kauft sich denn ne teure Wohnung in der Lage?
    Wenn das Gebäude irgendwo auf dem Killesberg mit guter Aussicht gebaut werden würde, dann könnt ich mir noch eher vorstellen dass die Wohnungen weggehen.

  11. says: LiquidBlue

    Bin mal gespannt wie die SIM hier umsetzen, vorausgesetzt die müssen es einhalten. Wenn die tatsächlich mit dem Bau anfangen, dürfte einiges an Bürofläche vorvermietet sein. Um die Wohnungen würde ich mir weniger Sorgen machen, die Pariser Höfe laufen ja nicht schlecht.

  12. says: bassT

    Langsam müssten doch schon die ganzen schicken Bürogebäude der 80er knapp vor dem Abriss stehen.. Wann ist eigentlich das Schwabenzentrum dran?

    Wird Zeit für eine neue Radiobar.

  13. says: MartinTriker

    Passt. In „Legend“ ist Will Schmidt der letzte Mensch unter Zombies.

    Dieses „Gebäudeteil in der Luft mit Stelzen“ ist auch mehr so Porsche-Museum-mäßig.

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