Einen Stinker auf dem Grünstreifen der Landeshahahahauptstadt

Oberfahrung. So wichtig! Foto: Jutta von Teese

Meine Karriere als politischer Aktivist hat früh begonnen, in der Hinsicht können sich Späteinsteiger wie Mirjam Marian Schreier mal hübsch locker machen. Ich war zehn oder elf, vielleicht auch zwölf, als ich die SPD nachhaltig erschütterte. Äh, also, in Lauffen a.N..

Der örtliche SPD-Vorsteher bei uns im Dorf hieß auch „Setzer“, ebenfalls nur mit dem Nachnamen, wenn ich das kurz bemerken darf. Niemand würde sein Kind mit dem Vornamen Setzer nennen. Ist eh egal, auf dem Dorf wird man früher oder später eh nur mit dem Nachnamen angesprochen. Huch, Faden verloren, Verzeihung. Die Zeiten sind hart und ich meine nicht mal Coronadingens.

Ab und an haben Leute für den „Setzer“ bei uns zu Hause angerufen, weil sie irgendwas von der SPD wollten, die aber – man kennt das heute noch – schwer vermittelbar war. Dachte aber: dieser „Setzer“ sollte erfahren, dass Menschen etwas von ihm wissen wollen. Lange Rede und so weiter, hab angerufen und es ihm erzählt. Ich durfte dann sogar mal bei der SPD vorbeischauen, damit der kleine Setzer (also, ich!) auch mal bei der Politik mitmachen darf.

Weil meine Lieblingsbands nicht nur über Satan, Bumsen, Anarchie und Schwertmorde gesungen haben, sondern auch Lieder gegen Umweltverschmutzung im Repertoire hatten, besetzte ich ebenfalls dieses Thema. Also, Umwelt. Nicht Schwertmorde. Bumsen eh nicht.

„Also, am Glascontainer bei uns in der Straße liegen immer die Deckel der Gläser auf dem Boden, weil man die ja nicht in den Glascontainer werfen darf. Aber weil keiner die Deckel wieder mit nach Hause nehmen will, werden die immer neben den Container auf den Boden geworfen“, hab ich gesagt.

Und weil ich mich förmlich in einen demokratischen Rausch radikalisierte, forderte ich auch gleich was: „WIR sollten da einen Mülleimer aufstellen.“ Kam super an bei den Erwachsenen. Keine Ahnung, warum da trotzdem nie ein Mülleimer aufgebaut wurde.

Was Lokalpolitik angeht, bin ich altmodisch geblieben. Bin mir nicht mal sicher, ob das so schlecht ist, dass der OB-Wahlkampf in Stuttgart ein bisschen arg dorfig daherkommt. Jede respektable Großstadt wird schließlich von Leuten mit einschlägiger Kleinstadt- und Dorf-Erfahrung gestempelt.  

Hier, Schultes: In der Wagenburgstraße („Stuttgart Ost“ – für die ortsunkundigen Kandidaten) ist ein total zugemüllter Grünstreifen. Dass da nur zwei Mülleimer auf grob 900 Metern stehen, weiß ich, weil ich mit der Hündin oft in der Nähe dieser Mülleimer einen Stinker machen gehe, damit ich den vollen Hundekackbeutel später nicht quer durch die Nachbarschaft tragen muss.

Ein zwei, drei strategisch installierte Mülltonnen mehr und da würde weniger Müll auf dem Grünsteifen liegen – glaube ich. Wissen tu‘ ich gar nix. Aber vielleicht rufe ich mal bei der SPD an, die interessieren sich ja seit kurzem wieder für Lokalpolitik. 

Was ich auch nicht verstehe: Wann die Grünen eigentlich Stuttgart aufgegeben haben? War das als Kuhn, gerade mal zehn Monate vor der Wahl verkündet hat, nicht mehr antreten zu wollen? Oder als Veronika Kienzle als Kandidatin vorgestellt wurde? Oder als sie ihre Kandidatur zurückgezogen hat? Nur eines ist mir klar geworden: Kienzle ist mir nach dem Wahlkampf ein bisschen sympathischer als vorher – und das obwohl es ein wirklich miserabler Wahlkampf war.

Handzeichen, bitte, wer während des Wahlkampfes allgemein das Gefühl bekommen hat, dass sich hier scheinbar jeder Yögel zuzutrauen scheint, dieses OB-Ding hinzubekommen. Herzlichen Glückwunsch zur Selbsteinschätzung.

Den Herrn Nopper habe ich sogar persönlich kennengelernt. Am Kiosk an der Ecke bei uns, stand der morgens um 9 Uhr, um Bürgerfragen zu beantworten: Ich wollte allerdings Zigaretten und weiter – und hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich wirklich gar nix von ihm wissen wollte. Als ob der wüsste, wann die Grünen Stuttgart aufgegeben haben.

Und: Jajajaja, Wahl, Qual, kleineres Übel und so weiter. Das ist und bleibt Quatsch. Als ob wir, abgesehen von Pizza und den ersten vier Black Sabbath-Platten, je etwas gewählt hätten, das 100% geil war.

Fritz Kuhn wurde doch nicht gewählt, weil er so eine Lichtgestalt war oder politisch so fruchtig angeboten hätte. Seine zwei besten Tricks waren: Er war nicht Sebastian Turner. Und er war nicht von der CDU. Keiner hatte mehr Lust auf Machtpolitiker, die Machtpolitiker-Zeug machen.

Als tragische Figur wird er dennoch in die Stuttgarter Geschichte eingehen, was leider ein bisschen mehr über Stuttgart als über Kuhn verrät: Ein Teil der Stadt ist stinksauer auf Fritz Kuhn, wegen der grünen Politik (Öko-Diktatur!!11), der andere Teil ist fuchsteufelswild und fragt sich, warum Kuhn denn eigentlich keine grüne Politik gemacht hat oder ob er demnächst noch damit anfangen will.

Gefühlt weg, das ist Kuhn bereits seit Jahren. Man sagt, er sei nicht so der Fan von Menschen und Interaktion. Verständlich. Aber zumindest unglücklich, wenn man halt Bürgermeister ist. 

Die Mindestanforderung an Politiker bleibt für mich, ob ich m/w/d zutraue, einen verdammten Mülleimer aufzustellen. Danach kann m/w/d gerne von Flugtaxis, dem Rosensteinviertel erzählen oder die „Subkultur“ (wichtig!) zum Streetfood-Straßenfest auf der Theo-Heuss einladen.

Ich bleibe einstweilen lieber naiv, ich möchte einen Bürgermeister, der zumindest in groben Zügen verstanden hat, dass das verschissene Glück einer Stadt in der überteuerten Wohnung anfängt und ob ich es mir leisten kann, sie kurz zu verlassen. Und ich will einen Bürgermeister, der für seine Stadt brennt. Ich hätte auch gerne eine Bürgermeisterin, weil Männer offensichtlich zu emotional sind.

Nopper, Schreier, Rockenbauch – darauf wird’s wohl rauslaufen. Mittlerweile bin ich mir leider unschlüssig, wem man derartiges oder eine Mülltonne zutrauen würde. Ich scheitere schon an der Frage, OB ich das einem dieser Kandidaten überhaupt zutrauen würde. Wahrscheinlich heißt das deswegen – Achtung: Kabarett-Witz – OB-Wahl. Höhö. Lol. Und ich hab seit Monaten Rücken, weil jedes Kreuz bei dieser Wahl schmerzt.

Ein bisschen verarscht fühlt man sich von diesem Wahlkampf. Also, als Kunde:

1200 Euro (kalt) für 75 Quadratmeter and all I got are These lousy OB-Kandidaten for a Landeshauptstadt?! Wenn die Wirtschaft so wichtig ist: Wann fängt Stuttgart endlich an, seinen Bürgern einen Gegenwert für die horrenden Mieten zu bieten?

Ganz doof gesagt: Stuttgart und die Menschen hier sind geiler als das, was sich hier zum nächsten Karriereschritt als OB eingefunden hat.

Wählen ist trotzdem wichtig. Mit Herz in der Hose und Gewissen. Der Rest wird sich später von alleine ergeben. Wir sind ja schließlich alle hier, nie zufrieden und laut – egal wer die kommenden acht Jahre im Sessel sitzen wird. 

Denk’ bitte an die Mülleimer.

4 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.