Re.flect-Plattform: Über Stuttgart-Experten, die mal drei Tage in Stuttgart waren

Kolumne im aktuellen reflect über Stuttgart-Experten aka Deutschland-Journos und den beliebten Deutschland-Journo-Sport Stuttgart prinzipiell scheiße zu finden.

Eine ganz exzellente Hochsommer-Situation ist das. Ein sehr guter Stuttgart-Moment, morgens auf Reinsburg- und Augustenstraße, die zwei triumphalen Westachsen, das Timing ist wichtig, Mitte Juli circa ab 5:50 Uhr, wenn die Road noch dark ist.

Gleich geht’s los. Das schwäbische Manhattanhenge. Zunächst färben sich Häuserfassaden auf der südlichen Straßenseite rötlich golden ein, nur ein paar Minuten lang, weil sie kommt viel mächtiger, sie drückt sich durch, presst ihre komplette Kraft auf die Straßen und auf einmal ballert dir die Morgensonnenenergie zurück ins Face, dass du nicht mehr feelst wie The Weeknd. JAAAAAAA STUTTGART IHR FICKER.

So etwas kann ein ZEIT-Autor, der in den 80ern (!) und 90ern (!!) geschäftlich (!!!) in Stuttgart war, nicht wissen, erleben und noch weniger Gefühle für so eine Situation entwickeln. Aber er war trotzdem scheinbar der richtige Experte, um einen riesigen Stuttgart-Artikel zu verfassen (Anlass Randale), in dem er schreibt, es wundere ihn ja nicht, dass in Stuttgart so randaliert wurde, er kenne die Stadt ganz arg super, weil er in den 80ern (!) und den 90ern (!!) auf Geschäftsreise (!!!) in Stuttgart war.

In der ZEIT-Redaktion dachte man sich wohl, gut, ist ja nur Stuttgart, da reicht’s, wenn jemand etwas schreibt, der in den 80ern (!) und 90ern (!!) auf Geschäftsreise (!!!) in Stuttgart war, DER HAT JA AHNUNG VON STUTTGART.

Stuttgart komplett ahnungslos mies schreiben ist eine traditionelle deutsche Journalisten-Disziplin. Diese elendigen Deppen von Deutschland-Journos können einzig und allein die ewig gleichen Klischee-Presets rauspressen.

Weil sie es auch nicht anders wollen. Für sie muss Stuttgart auf immer und ewig scheiße bleiben. Alles andere würde ihr zementiertes Stuttgart-Bild zerstören. Dafür habe ich sogar einen Beweis aus eigener Erfahrung.

Im Sommer 2010 wurde ich für einen Beitrag im Deutschlandfunk interviewt. Der Titel lautete: „Zwischen Geld und Gefühl – wie sich Stuttgart neu erfindet“. Das Manuskript ist noch online. Neben mir wurden andere Leute befragt, zum Beispiel Michael Gaedt, LOGO, und ein Werbeagentur-Inhaber.

Die Autorin war sehr freundlich und hörte aufmerksam zu. Wir sind zunächst durch die Stadt gelaufen und saßen anschließend ewig am Bergamo/Transit. Der damalige Transit-Bartender Heiko stiess dazu.

Wir haben uns den Mund FUSSELIG gelabert, ach wie toll, wie herrlich, alles super, alles lässig und locker, die Stadt, die Leute, es passiert so viel gerade und sowieso will ich hier sterben, also Pathos inside, frei nach dem (naiven) Motto, hurra, wir kommen INS RADIO, jetzt high performen wir wie geil diese Stadt ist. Wir hatten eine Mission und sendeten mindestens eine EURO-Palette Stuttgart-Love in das Mikrofon der Autorin.

Einige Wochen später geht das Ding on. Dass bei vier Interview-Personen und einer Laufzeit von einer guten Viertelstunde von mir nicht mehr viel übrig bleibt (trotz mehrerer Stunden Material) – so ist das Redaktionsbusiness, alles cool.

Aber für das, was von mir übrig blieb, schämte ich mich abgrundtief. Eines meiner wenigen verbliebenen Zitate im fertigen Stück wurden von der Redaktion so gedreht, dass ja alles ganz nett sei, aber halt doch nicht so geil und (für mich) Stuttgart im deutschlandweiten Vergleich maximal eine „Drei Minus“ wäre. Gerade diese mir untergejubelte „Drei Minus“ hat mich komplett platt gezimmert. Ich war richtig angepisst.

Also frag ich bei der Autorin nach, was da passiert ist. Stuttgart ist für mich definitiv keine „Drei Minus“ sondern mindestens eine Eins und überhaupt, wir haben so lange miteinander geredet, wir haben Stuttgart so hart abgefeiert und das habt ihr daraus gemacht, bin schon echt enttäuscht, sorry, mimimimi, heuhaltrum.

Die Antwort war noch unglaublicher als die Drei Minus, denn, Achtung: „Das tut mir leid. Meinem Redakteur war das aber alles zu positiv. Er war vor ein paar Jahren für ein paar Tage in Stuttgart und fand’s richtig scheiße.“

Was soll man dazu noch sagen (wsmdns)? Er war vor ein PAAR Jahren für ein PAAR Tage in Stuttgart! Sprich: Was ich sage, der zum damaligen Zeitpunkt seit über 30 Jahren in Stuttgart gelebt hat, das kann ja wohl gar nicht sein, sondern es gilt, was ein Redakteur in Berlin denkt, weil der für paar Tage in Stuttgart war!

Ich war auch schon für ein paar Tage in Köln und fand‘s komplett scheiße!!!1!1! Aber ich arbeite nicht beim beschissenen Deutschlandfunk und jubel‘ der Welt nicht mein Antiköln-Bild unter, weil ich es dort vier Tage lang doof fand. Wahrscheinlich ist Köln total toll, wenn man z.B. weiß, wo und wann genau die Sonne perfekt aufgeht.

So. Jetzt schreibe ich einen Experten-Artikel über Frankfurt. Weil da war ja neulich auch Randale. Und ich war sechs bis sieben Tage meines Lebens in Frankfurt und weiß genau, WARUM DIE FRANKFURTER SO WÜTEND SIND.

Danke, gerne und bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: Als wir mit dem Taxi durch Stuttgart gefahren sind, unsere Journo-Hate-Brille abgenommen und festgestellt haben, ist ja komplett geil hier. Oben an der Hasenbergsteige mussten wir weinen. (Okay, das war jetzt ein kurzer Traum.)

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