Liebes zweisprachiges Kind…

Kinder zweisprachig erziehen: Ja, nein, vielleicht? Eine komplizierte Angelegenheit in nicht wenigen jungen Familien. Nachdem uns Gastautorin Aycin Akbay, Lehrerin aus dem Raum Ludwigsburg, bereits zweimal aus ihrem Schulalltag berichtet hat, geht sie nun dieser Frage nach und hat einen Lösungsvorschlag.

Die Sprache eines Menschen hat den Sinn und Zweck der Kommunikation. Hier sind wir uns einig. Sie ist auch ein Teil des Lernprozesses, der Identität, sie sagt viel darüber aus wer wir sind. Sie ist Heimat. Hier sind wir uns auch einig.

Wo wir uns nicht einig sind: Zweisprachigkeit – ja oder nein? Spannend ist auch die Frage: Welche Muttersprache ist die Richtige?

Eine gerechtfertigte Frage, die sich immer mehr junge Paare stellen. Im Zwiespalt, im Salat der Impulse oder der rhetorischen Fragen stecken sie dann fest:

Ihr lebt doch in Deutschland, warum nicht Deutsch, sondern Kroatisch oder Türkisch als Muttersprache? Ihr seid doch im Hier und Jetzt! Wird das Kind in der Kita Schwierigkeiten haben oder gar ausgegrenzt werden, wenn es kein Deutsch spricht? Denn, integriert seid ihr doch eigentlich und ihr wollt euer Kind ja keine Ausgrenzung oder das Gefühl des „anders seins“ erfahren lassen.

Die größte Angst, ,,die Ausgrenzung“, die man unbedingt verhindern möchte. Die Angst junger Eltern.

Die Angst der jungen Eltern, die einst im Kindergarten eine andere Muttersprache hatten und nun eine Entscheidung treffen müssen, die den Werdegang, den Lernprozess, die Identität – ja, sogar die Heimat definieren wird.

Hier könnte man nun viele wissenschaftlichen Theorien nebeneinander und gegenüber stellen. Hier könnte man nun viele persönliche Erfahrungen und Argumente auflisten und erörtern. Hier kommt aber vor allem folgende Reaktion in den Sinn:

Oh wow, herzlichen Glückwunsch, dein Kind ist in einem bilingualen Kindergarten und lernt bereits Englisch.

Oder ganz simpel: Wow, was für ein Geschenk, dass dein Partner mit deinem Kind Englisch spricht.

Same story but different: Ihr lebt doch im Hier und Jetzt, warum zuerst italienisch, dann deutsch?

Nun ja, schließlich geht es hier um mehr, als nur um die Kommunikation. Wie war das nochmals? Lernprozess, Identität und Heimat.

Der Begriff der Heimat macht die Entscheidung für viele eben nicht einfacher. Heimat ist ein Gefühl. Eine Erörterung oder These kann hier nicht unbedingt eine klare Sicht verschaffen.

Das ist auch völlig ok so.

Schade ist nur, aufgrund von Befürchtungen oder des Wunsches eine vorbildlich integrierte Familie zu sein, den Druck zu verspüren, dem Kind die zweite Muttersprache zu verweigern. Trotz der Zuversicht, dem Kind rechtzeitig und bewusst auch die deutsche Sprache vermitteln zu können.

Entscheiden sich Familien mit eindeutigem Gefühl gegen die Zweisprachigkeit, ist das fein. Entscheiden sie sich aufgrund von Ängsten und des Druckes dagegen, ist das schade.

Das Gefühl von Heimat möchten wir vermitteln, da sind wir uns einig.

Das Gefühl, den Lernprozess in zwei Sprachen zu erleben, zwei Sprachen in der eigenen Identität zu tragen- hier sind wir uns noch nicht einig. Heimaten, auch wenn linguistisch betrachtet die Mehrzahl merkwürdig klingt, dürfen wir im Herzen viele Heimaten tragen.

Und hey: Das ist nicht nur ok, sondern gut so. Das gehört, liebes zweisprachiges Kind, zu deinem Lernprozess, zu deiner Identität.

Du hast zwei Herzen. Das haben deine Eltern auch. Und es ist schön, das Herz auf der Zunge zu tragen. Die Hauptsache ist, du hast ein großes.

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Feedback gerne auch direkt an Aycin.

2 Comments

  • Herr Cut sagt:

    Das Wort “Muttersprache” ist ja selbsterklärend.
    Ich würde es darauf beziehen welche Sprache die Mutter mit dem Kind präferiert. Am Besten ist doch die Wahl für alle Beteiligten die Sprache zu wählen wo die Mutter mit dem Kind am besten kommunizieren kann und dem Kind Gefühle, Werte etc vermitteln kann und sich in allen Lebenslagen ausdrücken und erklären kann.
    Jede Sprache ist eine Erweiterung für das Kind, jede Familie und formt eine Identität.

    Bei uns redet meine Frau mit den Kindern nur französisch, ich nur deutsch.
    Die Kinder fühlen sich glaube ich trotzdem zu 100% deutsch, mit französischen Wurzeln.
    Der Kulturelle Hintergrund ist dabei aber natürlich nicht so extrem unterschiedlich.

    Ich denke da wird es dann schon schwerer mit der Identität der Kinder.
    Wenn es eine andere Sprache und kulturelles Verhalten gibt fühle ich mich ggf fremd oder werde auch anders wahrgenommen.

    Und es ist erwiesen das Menschen nie mehr so einfach Sprachen lernen wie im Kindesalter. Also es gibt doch eigentlich keinen Grund nur einsprachig aufzuwachsen wenn man die Gelegenheit hat.

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