Vesperkirche Stuttgart

Der Plan war, dass ich diesen Text gleich nach den (Arbeits-)Stunden in der Vesperkirche schreibe. Ich hatte das Gefühl, dass ich eine ganz gute Wahrnehmung für Armut in Stuttgart habe,  dass ich nicht ganz gleichgültig durchs Leben schlendere ohne nach links oder rechts zu gucken.

Tatsächlich ist es so gekommen, wie einer der langjährigen Freiwilligen gesagt hat: „Wenn Sie hier nachher raus gehen und in der Straßenbahn sitzen, werden Sie ins Grübeln kommen. Vergessen Sie nicht aus der Bahn auszusteigen!“

Aussteigen hat geklappt, aber ich musste erstmal 15 Minuten auf der Bank an der Haltestelle sitzen bleiben, bevor ich die letzten Meter nach Hause geschafft habe. Aber von vorne:

Seit 19. Januar 2020 hat die Vesperkirche Stuttgart wieder geöffnet. Dafür wird die Leonhardskirche (in Sichtweite von Rathaus und unserem liebsten Luxuskaufhaus) komplett ausgeräumt, lange Tafeln aufgestellt und ein großer Arbeits- und Küchenbereich eingerichtet. Die Vesperkirche soll ein Zuhause auf Zeit sein, für alle, die es im Leben nicht leicht haben  – „Menschen, die kein Dach über dem Kopf, kein Geld auf dem Konto und kein Essen im Kühlschrank haben.“ Ja, die gibt es in Stuttgart, unsere armen, reichen Stadt.

Die ersten der täglich 500 Gäste, die nun seit 27 Jahren die Möglichkeit haben, sieben Wochen lang im Winter hier her zu kommen, sind schon da, als ich um kurz nach 10 Uhr in die Kirche komme, damit ich ein paar Stunden mithelfen kann. Das machen außer mir an diesem Tag noch 40 Andere: Berufstätige, RentnerInnen, SchülerInnen eines Stuttgarter Gymnasiums und Auszubildende (unter anderem von einem bekannten Stuttgarter Automobilhersteller).

Ich bin zuerst in der Gruppe, die hunderte belegte Brote für ein Vesper schmiert, das sich jeder Gast ab 14 Uhr mit nach Hause nehmen kann. Auf dieses Vesper bezieht sich auch der Name der Institution: „Der Begriff „Vesper“ bezieht sich dabei weniger auf mittelhochdeutsch Vesper […] sondern mehr auf den schwäbischen Begriff, der früher mit einer Zwischen- heute mit einer Hauptmahlzeit gleichgesetzt wird.“

Wir verarbeiten Brotlaib für Brotlaib. Das Beste daran: Die Butter, die unter Käse oder Wurst kommt, hat die perfekte Streichkonsistenz – nicht zu hart, nicht zu weich. Als ich frage, wie die Leute von der „Hauswirtschaft“ das hinkriegen, lächeln sie (wie so oft an diesem Tag) nur wissend und sagen „Das ist eben Erfahrung“.

Überhaupt ist die gesamte Organisation perfekt: Der Arbeitsplan ist auf das größte Klemmbrett der Welt geklemmt. Den ganzen Tag stehen alle benötigten Arbeitsgeräte bereit. Es steht nie irgendwer oder irgendwas im Weg herum. Uns Helfern wird es sehr einfach gemacht, schnell und ohne Nachfragen in die klar definierten Aufgaben rein zu kommen.

Es ist genug Kaffee, Tee oder Wasser für alle da

Nach anderthalb Stunden ist meine erste Arbeitsschicht zu Ende. Bis jetzt habe ich mit dem Rücken zum Kirchenraum gesessen, hinter mir haben sich die Reihen deutlich gefüllt, die Ausgabe des warmen Mittagsessens hat begonnen.

Jeder bekommt ein Essensmärkle und gibt es dann wieder ab, wenn ein Platz an einem der Tische gefunden ist. Wir HelferInnen holen das Essen an der Theke. So ist es ein bisschen wie im Restaurant, inklusive dem ein oder anderen etwas angesäuerten Blick, wenn nicht gleich jemand losflitzt, sobald sich ein neuer Gast gesetzt hat. Anderswo gäbe es womöglich eine schlechte google-Bewertung für meine Unaufmerksamkeit…

Beim Servieren oder an der Getränkeausgabe ist es leicht, ins Gespräch zu kommen. Ich merke schnell, dass es nicht um gepflegten Small Talk geht. Die üblichen Themen Wetter, Wochenende und „Wohin geht die nächste Reise?“ spielen keine Rolle. Die Menschen sind froh, wenn einfach jemand zuhört und sich ehrlich dafür interessiert, was ihnen im Leben schon so alles widerfahren ist.

Akku aufladen, aber ohne Smartphone

Fürs professionelles Zuhören und Beratung gibt es in der Vesperkirche viele geschulte MitarbeiterInnen. Sie sind es auch, die sofort zur Stelle sind, wenn es trotz der aufgeräumten Atmosphäre im Kirchenschiff Krach gibt. Wegen Kleinigkeiten, einem Stuhl vielleicht, auf den sich ein anderer nicht setzen soll. Dann wird es schnell laut zwischen den Kontrahenten, die Emotionen kochen hoch. Es macht was mit einem, wenn man immer im Überlebensmodus ist.

Genau das ist es, was mich so nachdenklich stimmt, als ich am Nachmittag meine Schürze wieder abgebe: Warum reichen all die Angebote, die es zum (Über)Leben gibt, nicht aus? Warum fallen manche durch die viel gerühmten „sozialen Netze“?

Kein Glück, Pech, Krankheit, Drogen, Alkohol, zwei, drei falsche Entscheidungen im Leben und dann ist alles weg: Geld, Job, Wohnung und noch viel schlimmer Freunde und Familie. Es bleibt Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Der Weg zurück ins „normale” Leben ist unendlich lang (und vielleicht will man auch nicht zurück).

Die Vesperkirche setzt dem einen Ort zum Ausruhen, Kraft tanken und vor allem für echte Seelsorge, Sorge für die Seele entgegen.

Danke dafür, denn „Armut tut weh, aber Wegschauen gilt nicht“!

Die Vesperkirche Stuttgart steht jedem offen und auch das Essen kann jeder in Anspruch nehmen, gerne gegen Spende. Traut euch, macht eure Mittagspause mal dort!

Immer sonntags gibt es Kultur in der Vesperkirche, am 1. März singt zum Abschluss der sensationelle Vesperkirchenchor „rahmenlos & frei“.

Meine Mithilfe in der Vesperkirche hat mir mein Arbeitgeber im Rahmen eines „Corporate Social Responsibility“-Projekts ermöglicht. Wer gerne als einzelner Mensch helfen möchte, meldet sich beim Pfarramt der Leonhardsgemeinde. Für 2020 sind alle Plätze für die über 800 HelferInnen vergeben, aber man kann sich bereits jetzt für 2021 vormerken lassen.

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