KTV Jahrzehnt-Rückblick: 2014 – Huub, Hund und MILFS

Foto: Jutta Von Teese / Mememimi

Strukturell gesehen: ein echtes Scheißjahr. Aber das ist ja immer so. Ab Mitte Oktober hofft man, dass das Jahr endlich vorbei ist und erzählt sich gegenseitig, wie viel besser das vorherige Jahr war, das streng genommen ja auch schon ein Fall für den Kundenservice war. Wenn sonst keiner da ist, erzählt man sich das eben selbst.

Wenigstens das, ich hab’s mir überlegt: Ich will doch nicht bei der Ice-Bucket-Challenge mitmachen. Ich sag mal so: 2014 war trotzdem ein bockstarkes Jahr.

Weltmeister geworden ganz ohne Hisense-Fernseher, Deutschlandflagge, und ganz ohne die Lemongras-Bällchen anzurühren, die seit 1998 im WM-Studio Elbe rumliegen. Mindestens vier der Lemongras-Bällchen machen nächstes Jahr Abitur. Erst zieht man sie frech, dann werden sie groß. Hach, sie werden so schnell erwachsen.

Und dieser Juli 2014 wurde nach dem 14 zu Nuulllllll gegen Brasilien sogar noch besser: Auf Kreta läuft uns im Urlaub eine Straßenhündin vors Auto. Fachmännisch abgebremst, den abgemagerten Hund durchgefüttert, sofort verknallt und dann beschlossen: „Die spielt jetzt bei uns im Team“.

Ist ja auch so: Man findet keinen Hund, man wird von einem Hund gefunden und dann ist das eben Big Love – auch wenn sie zu Hause dann die Doc Martens Schuhe anknabbert, den hippen Kopfhörer in 326 Stücke zerlegt und zur Begrüßung fast auf eine Dreiersteckdosenleiste am Boden gepinkelt hätte. Das wäre was geworden. Ich wollte sie Doro Pesch nennen, die Frau war dagegen. Seitdem heißt sie Leni. Auch gut. Sie schnarcht übrigens. Äh, also der Hund.

Irgendwie traurig im Juli: Tommy Ramone, der eigentlich Tamás Erdélyi heißt, stirbt. Gallenkrebs. Und somit hat dann auch das letzte Originalmitglied der Ramones die Art Ruhestand angetreten, aus der man nicht mehr zurückkommt.

Mies gestartet ist das Jahr alle mal – also, wenn man das Rocker 33 im Filmhaus spitze fand. Die haben im Januar nämlich endgültig den Laden dicht gemacht – für immer. Ein bisschen Mieterpech, ein bisschen Bankenquatsch, seltsames Konzept und später dann noch eine Insolvenz. Zack. Ende der Geschichte. Irgendwie auch ein bisschen tragisch. Wenigstens das: die letzte Party ging von Freitag bis Sonntag Abend. Am Stück.

Danach wurde dann standesgemäß geweint, auch wegen der Annahme, dass jetzt aber wirklich die Subkultur sterben würde. Die stirbt nämlich immer, andauernd und die ganze Zeit. Lauter Tote, überall Zombies. Manche verkleiden sich deshalb auch als Weiße Hasen. Was machen die White Rabbit-Leute eigentlich gerade?

Und ich werde nicht müde, ungefragt zu erzählen DASS DER KERN DES PROBLEMS SCHON DA ANFÄNGT, WENN MAN SICH FREIWILLIG ALS SUBKULTUR VERSTEHT. SUB WIE DRUNTER, STATT KULTUR. D’oh, ich reg‘ mich schon wieder auf. Schuldigung.

Kultur ist alles – Oper, nach Pisse stinkender Punkerkeller, Schräglage, Theater, Theaterhaus, all der Quatsch.Wo kommen wir denn da hin, wenn wir den Wert von Kultur nach der Höhe der städtischen Subventionen bemessen würden?

Und die Wagenhallen, das andere Flagschiff der Subkultur, hat auch Ärger. Beziehungsweise: Dachschaden, also, architektonisch gesprochen. Braucht ein neues Dach und ein Update beim Brandschutz. Koscht natürlich (am Ende weit über 30 Millionen).

Herrjeh, die Hugendubel-Subkultur in der Königstraße hat auch zuzuzugemacht und der Szene-Karstadt auch. Aber weil wir cool sind, drehen wir nicht durch. Es wird ja nicht nur gestorben.

Super Neueröffnungen gab’s 2014 schließlich auch: zum Beispiel der Fukin’ Dunkin Donuts Flagshipstore unten in der Klett Passage. Da mussten Geige und ich gleich ein Doppelfeature rausbumsen. Mit Loch dazwischen, so läuft das im Donutsbusiness.

Die Glückssträhne bei Keller Klub/Rocker33 geht weiter: Die Keller Kluberer wollen eine Kneipe eröffnen: Grande Royale, Immenhofer Straße. Mit etwas Fingerspitze hätte man mit der Ankündigung warten können, bis klar ist, dass das auch wirklich so stattfindet. War dann eher Closing, bevor überhaupt Opening war. Irgendwas mit Lärmschutz und mittelguter Planung.

Hier lieber was Positives: Wer „Dein Einkaufszentrum braucht Dich“ sagt, muss auch Taten folgen lassen. Also gehen wir ins Gerber – das tollste, beste Kaufhaus das wo es gibt auf der ganzen Welt bis zum Mond und wieder zurück. Natalia Wörner ist auch da.

Im Gegensatz zu Elbe war sie auch dem Anlass gemäß gekleidet. Unser Chef dagegen: Eher so casual Friday mitten in der Woche. Was da die Nachbarn sagen. Falls jemand fragt: die ersten Ketchupflecken auf dem teuren Gerber-Boden – das war Elbe, der olle Hooligan.

Ich bleib dabei: Für die einen mag Das Gerber ein Einkaufszentrum sein, ich denke es ist weit mehr. Zum Beispiel eine super Abkürzung, wenn man von der Marienstraße in Tübingerstraße will und es gerade regnet, schneit oder Atomkrieg ist.

So viel Style und Grandezza ruft freilich Nachahmer auf dem Plan. Das Milaneo eröffnet im Oktober – inklusive Primaaarrggghhh. Hab’s irgendwie live mitbekommen, weil ich an dem Tag mit dem Zug nach München gefahren bin und außer mir nur Primark-Tüten am Bahnhof waren. Mittlerweile kommen die alle mit dem Auto, gibt ja sechs Euro Begrüßungsgeld, wenn man sein Auto zum Shoppen mitnimmt.

Und ich sag’s jetzt einfach: Ich war bis heute noch nicht im Milaneo. Das hat nix mit Bockigkeit zu tun, sondern eher damit, dass ich nichts brauche. Also, nicht dass ich nichts brauchen würde, aber ich brauch halt nix, das es nicht auch irgendwo anders gäbe. Und das ist eigentlich auch schon alles, was man über das Milano wissen muss.

MILFaneo haben wir gesagt und dann gekichert. Ist auch irgendwie gelogen. Denn MILFS finden wir ja alle spitze.

Und weil mir jetzt schon wieder die Ice-bucket-Challenge einfällt. Der VfB Stuttgart hat auch so etwas gestartet: Die Huub-Stevens-Challenge. Im März fängt Hubertus Jozef Margaretha Stevens beim VfB als Feuerwehrmann an.

Weil Stevens allerdings grob fahrlässig die Qualifikation zur 2. Bundesliga verpasst, wird er im Sommer von Armin Veh als Trainer abgelöst. Veh war in der Folge eigentlich auf einem guten Weg, den VfB endlich in die zweite Liga zu bringen.

Doch weil der VfB ein peinlicher Chaosverein ist, heuerte man im November abermals Huub Stevens an, der – so viel darf verraten werden – abermals kläglich daran scheiterte, den VfB Stuttgart in die zweite Liga zu führen. Traurig. Scheissjahr. Echt.

Ende 2014 geht dann die ganze Pegida-Scheiße los. Danke, übrigens für die Depeschen an meinem Motorroller. Gut zu wissen, dass die Naziarschlöcher wissen, wo ich wohne.

Scheißjahr, echt. Nee, Quatsch. Ich fand’ trotzdem super.

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