NJETFLIX: Bin ich vielleicht der erste Mensch, der sein Abo kündigt?

Ich sitze auf mein Bett, vor mir der aufgeklappte Laptop. Mein Finger schwebt über der Entertaste. Er könnte im Sturzflug hinunter rasen. Aber ich zögere. Denn wenn ich Eingabe drücke, dann ist es vorbei. Natürlich, anmelden kann man sich jederzeit wieder. Aber es geht hier schließlich ums Prinzip.

Ja, ich überlege mein Netflix-Abo zu kündigen. Eigentlich überlege ich nicht mehr, ich habe es schon entschieden. Es hängt nur noch an der Umsetzung. Das ist ähnlich wie bei Diäten oder beim Sport. Ich habe mich schon tausendfach dafür entschieden. Umgesetzt dafür nicht ganz so oft. Konsequent umgesetzt dann auch noch mal weniger. Und es wirklich beinhart durchgezogen – ok, die Zahl geht vermutlich gegen Null.

Wie kommen wir jetzt wieder zu Netflix? Ganz einfach: über das Gegenteil von Sport. Denn das ist ja die schönste Prokrastination der Welt: vor der Glotze hängen. Wobei die Glotze heute (bei vielen und bei mir auch) ein Laptopscreen ist. Ändert aber gar nichts oder nur wenig am Effekt. Der ist nämlich immer noch der gleiche, in die Decke eingewickelt vor dem elektronischen Endgerät sitzen und sich einfach befüllen lassen mit filmischem Inhalt. Wir sind die cineastischen Éclairs des 21. Jahrhunderts.

Ich liebe Glotzen. Alleine dieses Wort. Ehrlich, das ist vielleicht eines der besten Wörter im Duden. Lässt sich im Übrigen auch ganz wunderbar auf Leute anwenden. Denn Leute glotzen ist was ganz anderes als Leute beobachten oder gar judgen. Glotzen ist wie der Neue in der Klasse, der auf den ersten Blick komisch aussieht, bei dem aber alle schnell merken, was ein geiler Dude er eigentlich ist.

Wenn ich es so liebe, auch auf dem Screen, wieso kündige ich dann das Lebenselixier einer ganzen Generation? Weil ich’s kann. Naja. Ich versuche es. Der Finger kreist immer noch über Enter, langsam kündigen sich erste Krämpfe an, morgen schmerzt mir sicher der Arm. Aber prinzipiell – da sind wir wieder – KÖNNTE ich es. 

Netflix lohnt sich einfach nicht für mich. Wenn wir eben schon von komischen Hobbys sprachen, die ich liebe, kommt nun eines, das ich gar nicht habe: Serien.

Ja, ist wirklich so. Ich gehöre zu dem einen Prozent der Menschheit, die das Meme posten können, dass sie zu diesem einen Prozent der Menschheit gehören, die nicht eine Folge Game of Thrones gesehen haben. Nein, ich habe es dennoch nicht gepostet.

Und nein, ich habe auch alle anderen Serien nicht gesehen, weder sehr aktuelle, noch die Klassiker aus den 90ern und Nullerjahren und auch nicht die, von denen man denkt, sie seien erst vor Kurzem gedreht worden und man dann mit Erschrecken feststellt, dass auch diese Serien schon zehn Jahre alt sind. 

Und ja, machen wir uns nichts vor: es hat Auswirkungen auf meine Freundschaften. Oder hatte, denn es gab nicht nur eine brenzlige Situation, nach der Facebook-Verknüpfungen fast schon gelöscht worden wären. Aber wir haben einen Weg, einen guten Umgang damit gefunden. Sie dürfen in ihrem Serien-Kosmos rumnerden, am besten wenn ich nicht dabei bin oder in anderen Konversationen über andere Themen feststecke.

Das passiert immer seltener, denn Serien sind auch als Gesprächsthema allgegenwärtig. So sehr, dass sogar Serienschauende davon genervt sind. Keiner ist mehr müde, alle nur noch am suchten. Ich will nicht behaupten, dass Gespräche sonst Koryphäen der Bedeutungstiefe oder auch der Vielfalt und Bandbreite gewesen sind.

Arbeit, ja läuft, muss, ne. Schlaf kacke, Rhythmus zerstört, gerade auch jetzt durchs Wochenende. Ja, klug war’s nicht, geil halt leider auch nicht. Und sonst so?

Dank Netflix und Serien hat sich aber ein neues Themengebiet aufgemacht, auf dem dann auch jeder wieder Experte sein kann. Endlich. Denn Zombieserien sind eigentlich Sozialkritik und super adaptierbar auf unsere Realität. Neue Staffeln scheißen gegen alte ab, man hat einfach den falschen Charakter sterben lassen, tragende Rolle, tragische Entwicklung. Erinnert sich jemand an 2010, als jeder plötzlich selber Chilis gepflanzt hat im Küchenfenster? Gleiches Expertenlevel, nur in Bewegtbild.

Sollte ich also doch mal bei einer Unterhaltung zugegen sein, halte ich mich einfach raus. Auch mit dummen Kommentaren. (Das war der schwere Part.) Dafür löchern sie mich auch nicht mit dummen Fragen zu meiner Einstellung. Oder versuchen gar mich zu bekehren. „Ich weiß Nina, du schaust keine Serien. Aber die eine, die würde dir voll gefallen, genau dein Ding, weiß ich ganz genau.“

Serien, sie haben das Diskussionspotenzial von Religion oder Veganismus.

Ich weiß, auch euch juckt es jetzt ganz schrecklich arg, mich vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Ich weiß, ihr habt recht, dass die fantastisch produziert sind und sich ja erst in einer Serie Geschichten und Charaktere entfalten können. Ich weiß, dass das wahre Potenzial in den Details liegt. Wenn ich nicht auf Details achten würde, wäre ich sicher nicht seit acht Jahren single. Just saying. 

Also spart euch Argumentationsketten und Monologe, ich weiß das alles. Es ändert nur nichts. Serien catchen mich nicht. Man könnte auch sagen, ich habe kein Durchhaltevermögen. Ich hasse nichts mehr als Cliffhänger. Ich will nicht erst in der nächsten Folge sehen, wie sich die eine Schlüsselszene auflöst. Ich will nicht über acht Staffeln à siebenhundertzweiunddreißig Folgen durchhalten und dann zu einem nicht zufriedenstellenden Ende kommen.

Soll ich an dieser Stelle noch mal den Single-Vergleich ziehen? Ich bin glücklich, wenn sich eine Geschichte über neunzig Minuten erstreckt, inhaltlicher wie emotionaler Wendepunkt irgendwann um die 85. Minute. Dann Blende, Abspann, alle glücklich weitermachen, danke. Reicht mir vollkommen aus.

So, das hat geholfen. Manchmal muss man sich nur selber erinnern, woher der ursprüngliche Impuls eigentlich kam. Enter ist gedrückt. „Wir sind sehr traurig, dich zu verlieren Nina.“

Ja, ich irgendwie auch Netflix. Aber nehm‘ es bitte nicht persönlich. Du konntest mir einfach nicht geben, was ich brauche. Wer sich im Übrigen um meine Account-Parasiten sorgt, dem sei gesagt: no worries, es hat nur meine Mama mein Netflix mitgenutzt. Und die hängt am liebsten – nach wie vor – vor der echten Glotze.

PS: Die Frage kam auf, wieso ich überhaupt Netflix hatte. Was soll ich sagen? Ist wie mit dem Rauchen: Neugierde und irgendwie weil es alle machen.

PPS: Kleines Update. Ich bin jetzt drei Tage ohne und was soll ich sagen? Tut überhaupt nicht weh! Wahrscheinlich würde es mir gar nicht auffallen, wenn ich nicht ständig Ads angezeigt bekommen würde. Aber das ist okay. Geht ja jeder anders mit so einer Trennung um.

PPPS: Das ist der mögliche Start einer Bock auf Lesen-Reihe auf diasdasilva.de. Und wenn das taugt, cool ist und fetzt, dann kommt bestimmt bald mehr. Und jetzt schon exklusive kessel.tv-Koop am Start. Alles richtig gemacht. Oder, Ram?

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