Premiere im Kammertheater: Wolken.Heim. von Elfriede Jelinek

Foto: Björn Klein

Die Zeiten sind nicht okay in Deutschland. Der rechte Hass auf das Fremde eskaliert. Warum sind die Deutschen so? Die österreicherische Autorin Elfriede Jelinek hat dazu vor 30 Jahren ein StĂŒck geschrieben. Über die Deutschen. Am Freitag hatte Wolken.Heim. Premiere im Kammertheater. Unser Autor Dirk Baranek war da.

Dieses StĂŒck handelt von Deutschland. Von einem Deutschland, das wir sind,  das wir nicht sein wollen, aber wir sind es trotzdem. Elfriede Jelinek hat es 1988 zusammengebaut aus Fragmenten deutscher Dichter, deutscher Denker, deutscher Terroristen. Fragmente von Hegel, Hölderlin, Heidegger, Fichte, Kleist, der RAF werden in einen Text gepresst, der von uns handelt.

Von den Deutschen, was sie ausmacht, wie sie fĂŒhlen, was sie von sich selber denken. Von ihrem Unbehagen gegenĂŒber dem Anderen, gegenĂŒber dem, was der Deutsche als fremd definiert. Von der Überzeugung der Deutschen, tief und grĂŒndlich zu sein. GrĂŒndlich zu denken, grĂŒndlich zu arbeiten, grĂŒndlich zu fĂŒhlen, grĂŒndlich zu töten. Arbeitsdienst, Wehrdienst, Wissensdienst.

“Wir sind hier. Wir sind zuhaus. Wir sind bei uns.” – zentrale SĂ€tze dieses StĂŒck Text, der sich rational schwer fassen lĂ€sst. Er ist unvernĂŒnftig, scheint wirre Prosa. Doch er ist lyrisch schlau, genau ausgedacht. Jedes Wort sitzt. Die Worte machen offenbar keinen Sinn, doch es schwingt in einem, es tönt tief, es löst Gedankenfetzen aus. Und es packt einen das Grauen. Dass diese Worte millionenfach getötet haben, dass der Deutsche sich irre sĂ€uft an seinen Worten vom Wald, vom Vaterland, vom Heim. Der tief denkende deutsche Massenmörder.

Diesen sperrigen Text einer Frau haben im Kammertheater Frauen zu einem faszinierenden Theatererlebnis verdichtet. Regie: Frau. Auf der BĂŒhne: vier Frauen. Sie sprechen den Text in ĂŒberdimensionalen KĂ€figkĂ€sten, die Mutterfrau aus den 50ern, die Hippiefrau aus den 70ern, die Computerfrau aus den 90ern. Davor die hochschwangere Frau von heute, die die KĂ€sten herumschiebt, herumdreht, versucht, in Perspektive zu setzen.

Sie schiebt die Geschichte zurecht, die Geschichte des Denkens der Deutschen, die wir sind. Wir sind bei uns. Die Anderen sind unserer nicht wĂŒrdig, sie verstehen uns nicht, wir wollen sie nicht hier haben. Wir sind hier zu recht, sie nicht.

Das StĂŒck handelt von den Deutschen, ihrem Wahn, ihrem Unbehagen vor den anderen, die nicht Deutsche sind. Das Fremde kann es nicht, es reicht nicht an uns heran. Der Deutsche will das Fremde nicht hier haben.

Zuletzt gebiert die Heutefrau Erde. Es gibt nicht deutscheres als Erde. Man schaut zu, wie sie spielen, wie sie sich wandeln, zu Wagner in den Tod gehen, zu BĂŒroschicksen werden.

Aber es geht um uns. Als das StĂŒck beginnt und zwischendrin immer wieder werden die KĂ€sten zu Spiegeln. Man sitzt im Publikum und sieht sich selbst. Das Grauen, das hier zutage tritt, das heraustönt, das ist nicht irgendjemand, das sind wir selbst. Es steckt noch in uns, der alltĂ€gliche Pathos von dem ganz Besonderen der Deutschen.

Dieses StĂŒck Theater packt einen tief. Man sollte es sehen. Und wenn es nur dazu dient, diese ganze rechte Kackscheiße an den Worten zu entlarven. Ein starkes StĂŒck zu rechten Zeit.

Wolken. Heim. Ein StĂŒck von Elfriede Jelinek. Im Kammertheater des Schauspiel Stuttgart. Regie Friederike Heller.
Sechs weitere AuffĂŒhrungen im Juni & Juli. 
Karten & Infos: 
https://www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/premieren-/wolken-heim/

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