Heraus zum Stuttgart-Lauf: Feinstaub mit der Lunge filtern!

Oder: Wie man sich NICHT auf einen Halbmarathon vorbereitet. Cornelius W. M. Oettle – Twitter-Fabrik und Titanic-Autor – wollte am kommenden Sonntag, 26. Mai beim Stuttgarter Halbmarathon mitlaufen. Das Training war so erfolgreich, dass er jetzt doch nur wählen geht. Ist ja bei der Kommunal- und Europawahl auch eine Art von Halbmarathon.

Nutella-Waffeln statt Halbmarathon: Lucky Nugget Level 100.

Warum lässt sich ein Mensch, der so faul ist, dass er sich nicht einmal selbst zu einem Halbmarathon anmelden möchte, von einem Freund zu einem Halbmarathon anmelden? Genauer: Zum 26. Stuttgart-Lauf, der am 26. Mai stattfindet. Am Sonntag der Europa- und Kommunalwahl. Und zwar schon um 9 Uhr, weshalb ich also entweder morgens um 8 im Wahllokal stehen oder mich nach dem Lauf völlig erledigt dorthin schleppen muss. Nachteile einer Demokratie.

In meinem Fall jedenfalls ist die Antwort auf die Eingangsfrage diese: Ich laufe einzig und allein aus Lokalpatriotismus. Wer Stuttgart liebt, der filtert mit seiner Lunge den Feinstaub aus der Stadt. Deshalb: Am 26. Mai drei Stimmen für Cornelius W. M. Oettle. (Bitte nicht auf dem Wahlzettel suchen, ich stehe nicht drauf, es war ein Scherz.)

Obwohl ich noch nie einen Halbmarathon gelaufen bin, war ich von Anfang an recht optimistisch. Mittlerweile bin ich es nicht mehr. Lesen Sie nachfolgend, wie es dazu kam. Aus dramaturgischen Gründen habe ich alles im Präsens notiert:

28. Februar – Schlossplatz
Mein Training beginnt am 28. Februar. Mein erster Lauf in einer von Profis organisierten Laufgruppe. Was ich noch nicht weiß: Es sollte auch mein letzter sein. Im Magen habe ich einen Hafen Tomaten-Thunfisch-Salat, weil ich nicht kochen kann. Dazu eine Scheibe Holzhackerbrot vom Norma. Desaströser Fehlkauf, musste aber weg.

Die anderen Läuferinnen und Läufer tragen coole Sportausrüstung, ich derweil einen versifften Warm-mach-Pullover vom TSV Waldhausen aus der Saison 2013/2014. Und Joggingschuhe, in denen ich schon während des Zivildiensts kurz nach der Schulzeit herumschlappte. Ich bin 27.

Einer der Trainer lässt seine Abwesenheit von einem anderen entschuldigen: Er habe heute seine Doktorarbeit eingereicht und schon zwei Bier getrunken. „Ich doch auch!“, rufe ich. Keiner lacht. Der Haupttrainer mustert mich und sagt mit ernstem Blick: „Dann stufe ich dich lieber gleich mal eine Gruppe nach unten.“ Das geht aber nicht, weil ich mich bereits für die langsamste gemeldet habe. Da musst du schon früher aufstehen, Sportsfreund.

Der Lauf ist dann okay. Man läuft halt. 7 Kilometer in 50 Minuten oder so. Für den Trainingsauftakt okay. Auf dem Schlossplatz mache ich eine kleine Zeitreise und sehe mich selbst, wie ich noch vor wenigen Wochen postuliere, dass alle Leute, die in der Innenstadt joggen, komplette Vollidioten sind. Nachhause zum Hölderlinplatz fahre ich mit dem Bus.

2. März – Kempten
Übers Wochenende reise ich zu meiner Freundin nach Kempten. Da ich am Vorabend jeck war, also im Dortmunder Fußball geschaut, 20€ am Novoline verloren und im Anschluss noch bis um 4 Uhr im Fischlabor getrunken habe, vergesse ich, meine Joggingschuhe einzupacken. Wie ein Profi.

6. März – Zurück in Stuttgart
Das Schlimme an Stuttgart ist nicht, dass man hier seinen Müll auf die Straße stellt und einen Zettel mit der Aufschrift „Zum Mitnehmen!“ dranhängt. Das gibt’s anderswo auch. Das Schlimme hier ist, dass irgendein Vollschwabe daran vorbeiläuft und denkt: „Ha klar, des isch no gut, des koa i braucha!“

Genau das denke ich, als ich mich zum Kräherwald hinaufschleppe, vorbei am Sperrmüll der Reichen, um eine kleine Runde zu joggen. Als ich zurückkehre, steht mein Nachbar vor der Tür, schaut auf die Uhr, es ist etwa halb 2, und stellt mir die schwäbischste aller Fragen: „Was schaffat Sie eigentlich?“ Auf Hochdeutsch in etwa: „Hören Sie auf, mir und dem Staat auf der Tasche zu liegen, Sie Schmarotzer!“ Pfff! Arbeit! Das lasse ich mir nicht nachsagen. Ich bin Jogger.

23. April – Tag des deutschen Bieres
Ich habe es geschafft, über einen Monat lang nichts zu tun. Für heute nehme ich mir vor, einfach zwei Stunden am Stück zu joggen, ohne auf Tempo oder Strecke zu achten. Ich renne durch die Stadt wie Boris Palmer, wenn er einen Falschparker ausgemacht hat.

Wenn man in Jogginghose unterwegs ist, denken die Leute „Was für ein Assi!“, aber wenn man in Jogginghose unterwegs ist und tatsächlich joggt, dann denken sie immerhin: „Stark! Ein Assi, der joggt!“

Da ich während dieser zwei Stunden nach wie vor die fast zehn Jahre alten, durchgelatschten Joggingschuhe trage, beginnt mein linker Fuß fürchterlich zu schmerzen. (Im Schwäbischen beginnt der Fuß bekanntlich unterhalb der Hüfte, aber ich meine tatsächlich nur den Fuß im anatomisch korrekten Sinne.)

Auf dem Heimweg kaufe ich Voltaren. „Normal oder forte?“, fragt die Apothekerin. „Forte“, sage ich. Es kostet ein Schweinegeld. Abends ist alles noch schlimmer, ich kann nicht einmal mehr gehen. Anlässlich des Tags des deutschen Bieres humple ich ins Schlesinger und stille den Schmerz mit Bier – Gastland ist Tschechien. Es hilft.

7. Mai – Bari
Seit sechs Tagen bin ich im Regenerationsurlaub. In Bari, Italien. Obwohl ich mir vorgenommen hatte, hier regelmäßig die Promenade zu bejoggen, kam ich bislang noch nicht dazu. Heute jedoch wage ich es. Nach 15 Minuten meldet sich der Fußschmerz wieder. Nichts geht mehr. Ich beschließe, den Fuß bis zum 26. Mai zu schonen und nicht mehr zu trainieren. Wird schon klappen.

Zur Sofortbehandlung setze ich mich in ein Café an der Promenade, bestelle einen Cappuccino samt einer Waffel, die sämtliche Trainingserfolge zunichtemachen würde, sofern es denn welche zu vermelden gäbe (siehe Bild). Sie schwimmt in einer Nutella-artigen Soße. Genaugenommen sind es sogar drei Waffeln. Es ist ekelerregend. Ich bin ein faules, fettes Stück Dreck.

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