Dreihundertmeter Hohenheimerstraße Insticle

Leute. Keine Ahnung, was so auf Eurer Bucketlist steht. Wahrscheinlich in Thailand auf dieser Schaukel am Meer sitzen, auf der alle Instagrammer einmal im Leben gesessen sein müssen. Oder einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn unterwegs sein. Und dann stellt man fest, dass es doch nur zum X1 fahren reicht. Like, wer es kennt.

Auf meiner Bucketlist ganz oben steht “einen Eimer kaufen”. Direkt dadrunter: Einmal die Hohenheimerstrasse vom Gerda-Taro-Platz (WTF-Level 100) bis zur Dobelstrasse rauf und wieder runter. Zwei mal dreihundert Meter, die man sonst nur aus dem verdatschten Seitenfenster der U6, U5 oder U7 kennt.

Ich wollte das tatsächlich schon lange mal machen. Instawalken oder instastalken, je nachdem, welche Türen aufgehen oder zubleiben. Und jetzt habe ich einen Bulletpoint weniger auf meiner Bucketliste – und Ihr ward immer noch nicht in Ulaan Bataar. Merkt Ihr selber, oder?

Für alle, die jetzt Bucketbock bekommen haben und es nachinstawalken wollen: Startpunkt ist der Gerda-Taro-Platz. Ich weiß gar nicht, ob da schon mal jemand war, der nüchtern war.

Für weitere Infos bitte selber googlen, wo der ist und wer das war, aber beides geil. Die Ecke ist schwer unterschätzt und das nicht nur, wenn auf der eigenen Bucketlist steht, da mal ein weiteres Brautmodenatelier zu eröffnen.

Im Bauch eines der wenigen urbanen Hochhäuser befindet sich eine der besten Büroflächen der Stadt, finde ich. War mal eine Apotheke drin, aber wie wir später erfahren, braucht man in dieser Gegend offensichtlich keine Medizin, deshalb ist da jetzt ein Büro drin. Könnten Architekten sein. Und ich würde da gerne arbeiten. Kann aber natürlich bedeuten, dass ich nochmal Architektur studieren muss.

Welches Büro hat bitteschön schon einen Barometer vor der Tür? Wenn das mein Arbeitsplatz wäre, hätte ich in Spiel auch einen alten englischen Sportwagen, den ich gegenüber im ehemaligen Luxusautohaus Merz & Papst gekauft hätte. Die sitzen aber inzwischen in Nürtingen, womit der Traum jetzt so ein bisschen geplatzt ist.


Vom Wunschbüro ging es weiter die Hohenheimer Strasse hoch. Wer weiß, was in diesem Riesen-Gebäude ist? Falsch, kein Möbel Mammut XXL. Sondern die Technische Oberschule Stuttgart.

Wusste ich auch nicht, also bin ich rein. Pallim Pallim – habt Ihr auch Fischer Technik? Nee, wir haben nur ein sehr geiles Technikschulenfoyer und wenn irgendwann mal jemand ein Internats-Sexfilmchen drehen möchte, dann bitte doch in dieser Location.

Die nächsten 70 Meter sind verbaut und verschlossen und dann wirds aber spannend. Denn dann kommt das Hotel Wörz und das Koi Center Stuttgart. Irgend ein Bekannter war da mal essen – im Hotel, nicht im Koi Center – und fand’s glaub gut.

Neugieriger als auf die Zimmer war ich auf die Fische. Und das obwohl das Hotel verspricht: “Mit ihrer altdeutsch-rustikalen oder modernistisch eleganten Einrichtung sprechen sie auch unterschiedliche Stilvorlieben an. Sie möchten es sich auch am Tag gemütlich machen? Kein Problem: Viele der Komfortzimmer verfügen über eine bequeme Sitzgruppe und/oder einen Balkon!”

Pro-Traveller-Tipp: Balkon nicht nach vorne raus buchen.

Und dann das! Langen! Nicht nei langen. How much more schwäbisch can it get? The answer is: NONE. Herrlich.

Bin schon Karpfen-Fan bevor ich richtig drinnen bin. Und erfahre auf einem großen Plakat, dass Koi Stuttgart unter anderem Koi-Reisen mit Kunden unternimmt. Und dass sie SMARTPOND® Stützpunkthändler sind. Ich nehme an, SMARTPOND sind die Apples unter den Teichen.

Jetzt kann man Fisch natürlich leicht doof finden und als Hobby ungeeignet und schrullig. Aber dann passiert etwas ganz Wunderbares. Und das passiert ja ganz oft, wenn man richtig stromert. Ich treffe the keeper of the Kois.

Ich vermute, es ist Herr Wörtz selber, der mir total freundlich die Hand gibt. Und ich frage mich kurz, ob ich aussehe wie ein potenzieller Fischkunde. Oder wie jemand, der mit anderen Fischinhabern zu anderen Fischinhabern weltweit reisen möchte.

Ich gehe mit ihm ein paar Stufen nach oben, unterstehe mich, ins Becken zu langen, und folge der Beschilderung “zu den 1-Jährigen.” Und auf einmal bin ich angefixt. Denn die Tiere sind wirklich wunderwunderschön und sehr grazil und der Koivater ist so herzlich und hier ist die Welt noch in Ordnung. Und bitte sehen Sie selbst:

Unten in der Kommentarspalte haben wir Platz für Eure ganzen Sushi-Witze gelassen. Feel free. Aber bitte nicht reinlangen.

Nächstes Highlight, die alte Apotheke am Eck. Stitzenburg Apotheke, wenn ich das richtig weiß. Auch die geschlossen. Und wenn mal jemand ein Apotheker-Sexfilmchen drehen möchte, dann doch bitte hier.

Der Blick durch den Notfallschalter zeigt, dass man den Abschied hier standesgemäß mit bisschen Morphium und ein paar Gläsern Sekt begangen hat. Die Apotheken-Subkultur in der Gegend scheint jedenfalls zu sterben.

Direkt darüber übrigens mit einem der – wie ich finde – schönsten Logos der Stadt: die Physiomenschen von Heilbar. Die vielleicht so gut sind, dass die Menschen hier kein Ibuprofen mehr brauchen? Man weiß es nicht, wünscht aber allen alles Gute.

Ein paar Meter weiter oben, Portugiesischer Weinhändler, Theater im Hinterhof, schon wieder eine ganz andere Kultur. Ein Freund von mir hat da mal in einer ziemlich großen und unfassbar bezahlbaren Wohnung gewohnt, bis er gemerkt hat, das Fensteraufmachen Lebensqualität ist.

Von dem Theaterchen im Hinterhof hat er aber nie erzählt. Die gute Nachricht: auf einem Gehwegaufsteller (!), der die Laufkundschaft (!!) informiert, wurde die Laufkundschaft informiert, dass die Premiere am Freitag ausverkauft ist. Wie so’n Spitzenspiel VfB-FCN.

Dann ging die Tour de ‘ohenheimer auf der anderen Straßenseite wieder bergab. Und das hab ich bestimmt schon jedem und überall erzählt, aber BOPSER RADIO soll bitte mal mein Hipster-Café heißen. Oder deine Deutschpopband. Oder das neue Orsons Album.

Auf dem Weg runter viel mit Transportschäden, Waschmaschine vom Laster gefallen und jetzt halber Preis. Dann wieder Brautmode. Ich würde zu gerne mal den Blick einer Braut sehen, wenn der künftige Gatte da hält und sagt: hier ist es Schatz.

Im weiteren Gewerbestrip Hohenheimer Strasse finden Kunden noch eine Polsterei/Raumausstattung und dauerhafte Haarentfernung.

Eine Dienstleistungs GmbH informiert, dass die Klingel kaputt ist und man doch bitteschön klopfen mag, wenn man Dienstleistung möchte. Im Nagelstudio namens ‘Perfect WoMEN, Inhaber: Do’ ist an diesem Tag auch nicht gerade Happy Hour. Pakete bitte im Blumenladen abgeben. Und der Kürschner W. Grützmann, 2. Stock macht leider trotz mehrerer Klingelversuche nicht auf. Vermutlich auch Klingel kaputt oder Kürschner kaputt.

Wenn man dann noch weiter runter geht, aber dabei raufschaut, fühlt man sich wie in Prag. Und das ist ja vielleicht auch ein USP für eine Gegend, die keine Apotheken braucht. Tatsächlich kommen einem hier gelegentlich Menschen entgegen. Und sie grüßen dialektschwer.

In naher Zukunft wird hier dann für sie alle wieder ein bisschen mehr Infrastruktur sein. Im Eckhaus vor dem Krankenhaus nimmt die x-te arme Gastro-Sau einen x-ten Anlauf, dort Menschen zum Essen einzuladen. Saufen wäre möglicherweise die bessere Geschäftsidee.

Aber wir drücken dem Biang House natürlich alle Ramen und Daumen. Und knickknack, Wink mit dem Wortspiel-Pfahl: wenn BIANG HOUSE nicht klappt, hat man mit einem schmerzlosen Tipp-Ex Eingriff im Handumdrehen einen schönen Swingerclub.

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