Rebel, Rebel, Currentzis

Ich war auf einem Konzert. Einem klassischen Konzert. Die Entscheidung, sich quasi ohne Vorkenntnisse zu so einem Event zu wagen, fiel beim „ Tag des Offenen Denkmals“ in den sehr sehenswerten Hörfunkstudios des SWR neben der Villa Berg.

Zur Besichtigung gehörte ein kurzer Vortrag von SWR Classic und da hörte ich zum ersten Mal den Namen Teodor Currentzis. Angekündigt wurde er wie ein Rockstar: „Currentzis wird Chefdirigent beim SWR Symphonieorchester! Ein Rebell! Einer der aufregendsten Dirigenten der Gegenwart! Wow! Yeah!“

Mit so einer Begeisterung kriegt man mich immer und deshalb gab es zu Weihnachten Tickets: Stichtag 21. Februar 2019, Location Liederhalle. Wobei ich da natürlich noch nicht wusste, dass die Liederhalle wieder der Nabel der Welt, sowohl für die Landeshauptstadt und als auch für die Landesmädels werden würde.

Lovely Liederhalle, innen noch viel schöner als draußen! (Aber drinnen ist fotografieren an diesem Abend nicht gestattet.)

Weihnachten 2018 gab’s auch noch kein Dieselverbot und angeblich haben die Leute reihenweise ihre Konzert-Abonnements zurückgegeben. Der Currentzis-Gig ist in einem Abo enthalten und der Saal ist rappelvoll. Im Foyer telefoniert einer sehr laut: „Ha, jetzt hab ich halt vier Euro hin und z’rück in der S-Bahn zahlt, statt acht fürs Parkhaus.“ Geht doch!

A propos ohne Vorkenntnisse: Der Dresscode an so einem Abend ist bei den Herren Hemd und Jacket, bei den Damen “All Black Everything“ mit auffälligem buntem oder leopardenem Statement-Piece, wahlweise Schal, Kette, Handtasche oder Schuhe.

Diesbezüglich bin ich gut vorbereitet und habe gepunktete Socken an, aber immer noch keine Ahnung, was mich musikalisch erwartet.

Ein Glück gibt es bei klassischen Konzerten eine Einführung. Also organisiertes Inhalts-Vorglühen mit einem Herrn im Oberstudienratoutfit, der anhand von Soundbeispielen erklärt, was später so abgehen wird. Der Einführer verwendet schon nach zwei Minuten das Wort „widerborstig“ – wieso sagt man das eigentlich nicht öfter?

Dank der Einführung und des Programmhefts, fühle ich mich dann einigermaßen gerüstet. Ich weiß wer mitspielt, wer was spielt und wie lange die Stücke auf die Minute genau dauern. Außerdem werden während dem Konzert die Texte an die Saalwand projiziert. Bin sicher, das wäre beim zeitgleich stattfindenden Turbostaat-Gig im Universum auch unheimlich gut angekommen.

Pünktlich um 20:00 Uhr wird das Licht gedimmt und da ist er jetzt endlich, der Maestro Currentzis! Ganz in Schwarz, mit Skinny Jeans und schwarzem Hemd. Kann nicht genau sagen, woran es liegt, aber es sieht aus, als ob er 2,50 m groß wäre.

Ich wage keine musikalische Bewertung von dem, was das SWR Experimental-Ensemble im ersten Set performed, aber ich mochte es sehr, im Gegensatz zu einer anderen Dame in meiner Sitzreihe. Nach zehn Minuten fing sie an zu zischeln und ich dachte, sie ruft gleich: „Aufhören. Ich will mein Geld zurück.“ Aber sie hat dann doch noch durchgehalten.

Danach ist Erholungspause, riesiger Umbau und das gesamte Orchester kommt auf die Bühne. Ich weiß nicht, wie viele MusikerInnen das Symphonieorchester genau hat, aber es sind sehr viele und sie geben jetzt 55 Minuten alles.

Laut, leise, hoch, tief, Beats, Drums, crazy Klarinetten. Vorne dran Currentzis, der wie eine olympischer Eiskunstläufer mit den Armen wedelt, mit den Fingern zubbelt, rudert und winkt. Seine Haare fliegen. Es war nicht zu viel versprochen: Das ist Rock’n’Roll.

Teodor, der Treiber: Im Orchester wird selbstlos geblasen wie Benjamin Pavard gerne für den VfB kämpfen würde und gesungen, dass das Zäpfchen wackelt. Ich habe ein bisschen Sorge, dass der ausschweifende Currentzis versehentlich die Sopranistin von der Bühne fegt. Aber es kommt niemand zu Schaden und es ist ergreifend schön.

Frenetischer Applaus im Anschluss, Fans bringen Blumen nach vorne und der große Teodor bekommt ein Mikro gereicht und gibt noch eine dritte Halbzeit bekannt, die gar nicht im Programm steht. Zahle zwei, nimm drei! Der Mann hat die Schwaben verstanden.

In der zweiten Umbaupause ist Zeit, die Tischdeko im Foyer zu betrachten. Ich tippe drauf, dass es ein Sinnbild für Stuttgart sein soll. Manchmal ziemlich mausgrau und tot, aber dazwischen geht immer noch was!

Unsere Stadt als Tischdeko. In der Mitte ist sogar die Mooswand integriert.

Wieder im Saal, jetzt ganz in blaues Licht getaucht, wird ein weiteres Stück von Crumb geboten. Die Hälfte der Leute hat keine Lust auf das Extra und ist heim gegangen.

Wir von den billigen Plätzen können nach vorne rücken und Currentzis hat auch schon Feierabend. sitzt selbst im Publikum und schaut sich an, wie der Pianist mit den Händen im Innern des Flügels rumrührt und mit einer Flötistin und einer Cellistin den Gesang von Blauwalen nachahmt. Klingt schwierig, ist es auch.

Ich behaupte, das letzte Mal ging es im Beethoven-Saal 1969 beim Gig von Jimi Hendrix ähnlich wild zu. Und ich behaupte, wilde Musik tut Stuttgart gut und ich habe in 50 Jahren noch was von diesem Konzert zu erzählen.

Das komplette Konzert kann hier angehört werden, inklusive der Wale.

P.S.: Damit ihr euch das noch etwas besser vorstellen könnt, zwei Minuten Teodor Currentzis:

2 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.