re.flect-Plattform: Je suis schwieriges Umfeld

Das neue re.flect ist raus und ich habe die Kolumne fĂŒr die Rubrik Plattform beigesteuert. Thema Fußball.

Ich glaube, meine Freunde denken, dass ich mich weniger fĂŒr Fußball interessiere, als es tatsĂ€chlich der Fall ist. Man kommt ja nicht herum, wenn man irgendein soziales Umfeld hat, zumindest eine grundsĂ€tzliche Meinung zum Thema Fußball zu haben.

Wenn die lautet „ich interessiere mich ĂŒberhaupt nicht fĂŒr Fußball“, kann es sein, dass man in einer gepflegten Small-Talk-Konversation in der Gruppe lĂ€nger verstohlen aufm Handy swipend rumsteht als einem lieb ist und der Instagram-Stream hergibt.

Mein Trick: Wie bei jedem anderen Small-Talk-Thema (Autos, Wetter, Promis) reicht auch bei Fußball ein geringes Maß an Grundwissen, um locker im GesprĂ€chsfluss mitschwimmen zu können.

Deshalb pflege ich, mit meinem Desinteresse eher hinter dem Berg zu halten und die fachkundigen Fußballmeinungen anderer mit „oh ja“, „kannsch vergessen“, „Alter!“ oder einem unbestimmten Kopfnicken zu kommentieren. Das funktioniert und fĂ€llt niemandem auf, probiert’s mal aus!

Die Wahrheit ist aber: Ich interessiere mich gar nicht nicht fĂŒr Fußball, mich interessieren einfach andere Aspekte dieses Volkssports. Denn wenn man ehrlich ist, und ich weiß, dass ich damit keinen Publikumspreis auf der Fanmeile gewinne: Fußball an sich ist ziemlich langweilig.

FĂŒr die stolze Spieldauer von zwei mal 45 Minuten und die Menge an Spielern auf dem Platz passiert erschreckend wenig, da viel zu selten ein Tor fĂ€llt muss man sich an PĂ€ssen, Fouls und gescheiterten Angriffsversuchen abarbeiten.

Ich glaube, langweiliger ist tatsÀchlich nur Baseball. Da stehen noch mehr Menschen auf dem Platz, es dauert noch lÀnger und es passiert noch seltener was. Mit dem Unterschied, dass die Zuschauer beim Baseball nicht mal Interesse vorheucheln. Wer schon einmal in den USA bei einem Spiel in der Hot Dog-Schlange stand kann das bestÀtigen.

Mein besonderes Interesse an Fußball im Allgemeinen und am VfB Stuttgart im Besonderen ist wahrscheinlich vor vielen Jahren erblĂŒht, als aus bestimmten privaten GrĂŒnden plötzlich ein Nationaltorwart und deutscher Meister bei meinem kleinen Sohn im Kinderzimmer auf dem Boden saß und ich googlen musste, wer das ist. Ich fand die Menschentraube vor dem Le Meridien spannend, die heimlichen Handy-Aufnahmen im Restaurant und die Geschichten aus dem VfB-Internat.

Ich war mit Kollege Geiger mehrmals bei den Kickers im GAZi Stadion (als er noch leidensfĂ€higer Kickers-Fan war). Da fand ich interessant: die Stadionwurst, dass man die Anweisungen des Trainers von der TribĂŒne aus hören konnte und dass in der Halbzeit ein Subaru-Banner ausgerollt wurde.

Ich bin auch hin und wieder beim VfB im Stadion. Die Cannstatter Kurve ist komplett sensationell (Choreo, Trommler, Banner etc.), genauso wie die SprĂŒche auf der HaupttribĂŒne („Steh auf du Wichser“) oder jener junge Security-Mitarbeiter, der unseren Teil der TribĂŒne im Visier haben sollte, aber wahrscheinlich eine sehr lange Nacht hatte und sich nur mit großer MĂŒhe auf seinem Stuhl wach halten konnte.

Ich verfolge bei jedem VfB-Spiel in den Ticker der Sport1-App (#mirreichtderticker) und gleiche immer den Live-Stand der Tabelle ab. Da finde ich die Reaktionszeit des Ticker-Schreibers beeindruckend interessant und es ist ja leider doch meistens so: bei einer seltenen FĂŒhrung des VfB kann man mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit mit dem folgenden RĂŒckstand rechnen. Und sowieso, fĂŒr’s Phrasenschwein: Im Tabellenkeller ist es ganz schön dunkel.

Ich lese alle Tweets meiner Filterblase wĂ€hrend und nach einem VfB-Spiel. Da finde ich den, im Vergleich zur HaupttribĂŒne, sachlichen und selbstironischen Ton interessant, die LeidensfĂ€higkeit eingefleischter Fans und die standhafte Weigerung des Vereins, sich in irgendeiner öffentlichen Form gegen rechts zu stellen.

GrĂ¶ĂŸter Erfolg: Seit kurzem folgt mir Vertikalpass, das Sprachrohr des weiß-roten Intellektualismus (das Wort gibt es tatsĂ€chlich) auf Twitter, und ich habe den leisen Verdacht, dass die sympathischen wortgewandten Macher meine besondere Leidenschaft fĂŒr Fußball besser erkannt haben als meine Freunde.

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