42er – Zweiundfuckingvierzig


(Fotos: Jutta Von Teese)

Jajajaja, der X1. Bester Bus der Welt, “Der Schnellste seiner Art” – völliger Quatsch. Mir fallen kaum Gründe ein, was gut daran sein soll, in zehn Minuten in Bad Cannstatt zu sein. Ich lebe den 42er-Lifestyle. Der 42er keept den Shit real – Eastside, Westside, Southside und Mittendrin auch noch. Den 42er entlang kann man Burgerläden, Alkoholiker, Boutiquen, Ein-Euro-Läden, Krankenhäuser und Tiefbahnhöfe zählen. Sowas denkt sich keiner aus, der cool sein will. So was passiert einfach.

Und: Ich grüße die missmutige Oma. Ich werde das so lange tun, bis sie mir die Ghettofaust entgegenstreckt, mich „Bro“ oder „Yo, Mike“ nennt, mich fragt ob alles fit im Schritt ist … oder bis sie wenigstens ein Mal zurücklächelt. Seit Wochen schon. Harte Nuss, die Lady. Sie sitzt jeden Morgen auf dem gleichen Sitz, direkt an der Tür im 42er. Da kommt man schneller raus, falls irgendetwas Schlimmes passiert oder man halt aussteigen muss.

Nach zwei Wochen: endlich ein kleines Lächeln. Nix Großartiges, eher so wie man lächelt, wenn ein Kind etwas sehr, sehr Dummes gesagt hat oder drüben bei RTL die Comedysendung endlich von der Werbung unterbrochen wird. Egal: Sie hat gelächelt. Ich denke, es lag auch daran, dass ich das teure Aftershave aufgelegt habe.

Denn ein bisschen sollte man sich schon ins Zeug legen im 42er – der besten Buslinie der Stadt. Die hält außer im Norden, Bietigheim und Neukölln in allen relevanten Stadtteilen von Stuttgart. Mitte, Ost, Mitte, West und Süd. Super.

Preislich ist der 42er auch unschlagbar: Das One-Way-Ticket kostet nur 2,37 Euro in der App – für (je nach Verkehrslage) 40 Minuten blitzsauberen Fun und Spaß. Ich hab schon schlechter investiert. Für mich völlig irre: Ich kann vor meiner alten Wohnung in den 42er einsteigen, eine halbe Stunde später bei meiner neuen Wohnung aussteigen und zwischendurch kurz in der Stadt gucken, ob alles läuft und/oder netten Leuten zuwinken.

Die andere Oma werde ich aber nicht grüßen. Sie versucht erst, ein Mädchen beim Aussteigen stolpern zu lassen und dann, mir ihren Ellenbogen in die Seite zu rammen. Das war ungefähr auf Höhe Katharinenhospital und wahrscheinlich hatte sie einen miesen Tag oder eines von den Jahrzehnten, an denen man einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden ist.

Klar, könnte ich sie jetzt quer durch den Bus prügeln, anbrüllen oder irgendwas anderes tun, das mir kurzfristig etwas Genugtuung versprechen würde. Mach‘ ich aber nicht. Bin ja kein Arschloch. Letztendlich wird die Frau wahrscheinlich einsam, wird nicht mal mehr wegen einer Handyvertragsverlängerung angerufen – da brauch ich sie nicht auch noch anzubrüllen. So Sad.

Doch im 42er lernt man eben auch fürs Leben: Wenn irgendwo Idioten vor Ort sind, kann man einfach aussteigen. Knopf drücken. Zack. Raus. Alles gut, beziehungsweise: nur noch ein Trottel anwesend und den hat man selbst mitgebracht. Danke SSB.

Neulich war ich zum Beispiel so durch, dass ich dem Busfahrer Abends beim Aussteigen ein „Tschüüüß, Dankeschön“ hinterhergeträllert habe. „Huch!“ gedacht und schnell breitbeinig weitergelaufen, damit jeder sehen kann, dass ich nicht ganz bei Trost bin. Aus Versehen freundlich, als Kampfsport.

Natur pur gibt’s auch im 42er. Man muss nur an der Bushaltestelle Libanonstraße rumhängen. Das Blumengrünzeug vom Gärtner Krämer riecht so gut – nächstes mal nehm’ ich eine Decke und einen Picknickkorb mit oder bau da ein Atomkraftwerk hin. Wird super.

Auch ziemlich stark: Nur ein paar Meter weiter kommt eine der besten Ideen, die die SSB je hatte: Eine Haltestelle mit integriertem Irish Pub. „Alte Schule“ steht drauf. Schade, dass nicht alle Haltestellen derart kundenfreundlich gestaltet wurden.

Das Performancetheater an der Wagenburgstraße kann sich trotzdem sehen lassen. Der ziemlich betrunkene Gewinner eines Jesse Pinkman-Look-A-Like-Contests hält bei der Spelunke „Max & Moritz“ um 9 Uhr in der Früh das Haus fest, damit es nicht umfällt. Sein ebenfalls vorbildlich besoffener Kumpel hilft ihm ein bisschen, stabilisiert das Haus mit dem Rücken. Ich zeig ihnen den Daumen, sie mir den Vogel.

Höhe Planckstraße hat eine Frau derweil heftigen Schluckauf, so sehr, dass man es kaum noch von Rülpsen unterscheiden kann. Ihr Begleiter hatte ihr bereits alle möglichen Lösungsvorschläge vorgebetet, geholfen hat keiner davon. Mittlerweile klingt sie wie Flipper, kurz nach dem Happyend. Bei ihr scheint aber noch keines in Sicht.

Ein paar Sitze weiter liest ein Mann Kolumnen von Joe Bauer. Jede fein säuberlich ausgeschnitten und in eine Klarsichthülle verpackt. Er lacht. Hoffentlich nicht über die Schluckauffrau, die immer beängstigender durch den Bus grunzt.

Ich versuche zu gucken, welche Kolumne den Mann gerade amüsiert, doch wie so ein Klassenstreber versperrt er mir den Blick darauf. Um ein Haar hätte ich dem Stinkstiefel einen feuchten Fuzzi verpasst. Und ein sehr dummes Einkaufszentrum will mir sechs Euro schenken, wenn ich nicht mehr Bus fahre. Deppen.

Der 42er ist auch ein bisschen mystisch: Da leuchtet blaues Licht und blaues Licht leuchtet blau. Freunde von John Rambo wissen das längst. Was Rambo nicht weiß: die blauen Lichter im 42er sind USB-Lades-Steckplätze. Ich vermute das zumindest, ausprobiert hab ich das nicht. Denn im 42er bin ich meistens nicht in der Laune und auch aus dem Alter raus, irgendwas irgendwo reinzustecken – nur um zu gucken, ob das auch funktioniert.

Außerdem: Wer um 9 Uhr schon keine Akkuleistung mehr hat, hat die Kontrolle über sein Smartphone verloren … oder hat gerade eine super Nacht hinter sich und sollte nicht mehr am Smartphone rumdaddeln.

Irgendjemand hört Musik, eigentlich auf Kopfhören, aber dennoch laut genug für alle anderen. RIN, Bausa oder vielleicht doch ein Getriebeschaden am Bus. Schwer zu sagen.

(Bild Buzze/Vertikalpass

Natürlich völlig zum Kotzen: Auch im 42er starrt jeder nur noch unentwegt auf das Smartphone. Keiner sagt, „Setzer, du siehst aber heute wieder vorzüglich aus“ oder fragt mich „Willst du auch ein Stück Schokolade oder lieber den totalen Krieg?“

Ich würde mich natürlich für Schokolade entscheiden. Das muss aber diese Verrohung der Gesellschaft sein, von der alle reden: völlige Stille im Bus, niemand unterhält sich.

„Typisch Millenials!“, sage ich und stupse die Oma neben mir an. Früher saßen wir noch mit dem dicken Dostojewski im Bus oder neben dem Großen Gatsby – das war übrigens der Erfinder des Manspreading, weil er so groß war. Der konnte gar nicht anders. Musste aber erst gucken, was “Manspreading” genau ist – bin immer etwas vorsichtig bei Begriffen, die auch aus Sparten-Pornos sein könnten.

Manspreading ist, das hab ich im feministischen Internet gelernt, wenn Männer auf öffentlichen Sitzflächen sehr viel Platz beanspruchen, um ihren Sack zu präsentieren. Oder sich nicht gescheit hinsetzen können, weil ihr Sack so groß ist. Andere Formen von Manspreading sind: „Die Zeit“ lesen, eine ausladende Daunenjacke tragen oder sehr dick zu sein.

Der Begriff „Womanspreading“ konnte sich im Internet derweil überhaupt nicht durchsetzen, weil Jungs das prinzipiell super fänden – klingt ja auch wie eine Kategorie bei Reinsteck-Filmen.

Dennoch: Womanspreading ist was für Frauen, die keinen großen Sack haben, die müssen dann ihre Handtaschen, Einkaufstüten oder den Partner neben sich auf den Sitz stellen. Oder die Beine kompliziert übereinanderschlagen, weil sie ja keinen großen Sack haben. Alles so kompliziert.

Und dann steigt die Königin des Womanspreading ein. Geschätzte ein Jahr alt, allerbester Laune und wahnsinnig übergriffig. Die Kleine sitzt auf dem Schoß ihres Papas, lacht, gluckert, kiekst, fasst jede Tasche, Jacke oder Tüte an, die sie mit ihren kurzen Armen erreichen kann und brabbelt jeden in Reichweite an.

Man versteht kein Wort, aber die hat nur Bestes im Sinn. Und sie wird immer lauter dabei. Alle legen ihre Smartphones weg, lächeln auch und gucken. Kurz steht die Zeit still, nur der 42er fährt weiter. Stark.

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