Gaisburger Marsch & Wangener Instincle

Wenn Fußballer irgendeinen Quatsch gemacht haben, wie zum Beispiel eine Shisha mit zur WM zu nehmen, dann stellen sie sich danach vor so eine Plexiglas-Sponsorenwand und beginnen ihre Rechtfertigung mit den Worten : “Wer mich kennt, der weiß…”

Wie in: “Wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht nur eine Shisha dabei hatte, sondern auch was zum Kiffen.”

Ich hab auch Quatsch gemacht. Weil ich einfach rumgefahren bin und fotografiert habe. “Wer mich kennt, der weiß, dass ich nämlich sackgerne rumstromer und in Ecken gehe, in die ich schon immer mal wollte”.

Wenn man vom Neckar-Stadion heim fährt, kurz vor der Gaisburger-Brücke, da gibt es zum Beispiel rechts ein kleines gelbes Schildle. Da steht Kanuverein Stuttgart drauf. Entschuldigung, aber da muss man doch mal abbiegen?

Ich wollte das schon ewig machen. Und habe ein Wurmloch gefunden. Ab da ging es über Wangen / Gaskessel / Gaisburg / Schweinemuseum in ein paralleluniversales Stuttgart. Bitteschön folgen Sie mir hier entlang…

Die legendäre Daimler Teststrecke mit der noch legendäreren Steilwandkurve. Haben wir früher mit Carrerabahn nachgespielt. Lange war ich gar nicht sicher, ob ich mir das einfach nur 10 Kindheitsjahre lang eingebildet habe, oder ob es die wirklich gibt. Wenn man drüber geht und drunter ein Erlkönig auf die Kurve zurast, hält man sich für einen kleinen Moment für einen Auto, Motor & Sport Redakteur auf der Schwelle zur Betriebsspionage. Dann gehts aber auch gleich wieder.

Im Kanuclub war ich der einzige Kanute. Seit ich neulich auf dem Bodensee bei einem sehr guten Kurs das korrekte Paddeln gelernt habe, fühle ich mich der Zielgruppe sehr zugehörig. Oben ein schönes Beispiel dafür, was passiert, wenn man besoffen Kanu fährt.

Ein anderes Veranstaltungs-Poster hat außerdem freundlicherweise angekündigt, dass die nächste Drachenboot-Ralley indoor stattfindet. Im Hallenbad Vaihingen. Keine Pointe.

Themawechsel. Gaskessel. Vollkommen unterbewertetes Landmark, wie der Amerikaner sagt. Ich wünschte, es gäbe mehr T-Shirts und Stoffbeutel mit Gaskessel drauf und weniger mit Fernsehturm.

Der Gaskessel ist doch das viel bessere Symbol dafür, dass es uns hier geil geht. Weil Gas braucht man ja immer und Fernsehen nicht. Sonst muss man halt das Türmle umbenennen, um mit der Zeit zu gehen. “Erster Netflix-Turm seiner Art” – hätte ja schon wieder was besuchermagnetisches.

Hier guck. Der Beweis. Einen Getränkemarkt am Fernsehturm gibt es nämlich keinen. Wir machen mal den Anfang mit dem wahren Wahrzeichen der Stadt: so findet Ihr uns ab KW 37 unter der neuen Domain Gaskessel.tv.

P.S. Weiß einer, ob im Gaskessel noch Gas ist? Und warum mir dieser Getränkemarkt noch nie vorher aufgefallen ist? Und wie geil der bitteschön ist?

Irgendwo, wo Gaisburg aufhört, muss ja Wangen anfangen. Wo genau die Grenze verläuft, weiß ich nicht. Aber wir haben ja schlaue Leser, die wissen das oder googeln das und tun dann so, als hätten sie’s schon vorher gewusst.

So wie ich so tue, als ob ich gewusst habe, dass der KuSV Stuttgart ein Verein für ich-weiß-es-doch-auch-nicht ist. Die Google Suche führt zu facebook. Und auf der facebook-Seite ist zu lesen, dass “…uns die Vereine Zrinski Waiblingen und Vila Croatia mit ihren Tanzeinlagen begeistert haben.” So ein Verein ist das.

Wenn man die Nähterstrasse weiterfährt – (und ich weiß, dass das ein richtig guter Witz war, weil wo the fuck ist die Nähterstrasse?) –  dann steht man ganz plötzlich am Comer See. Kann bitte jemand bestätigen, dass es hier wahrscheinlich die beste gemischte Fischplatte der Stadt gibt und man sich nicht nur fühlt wie in Italien, sondern auch so speist?

Ja, das kann jemand: auf TripAdvisor überschlagen sie sich: “Buonissimo ” und “Sehr gut. Grazie Mille”.

Und dann schreibt einer: “Das Ristorante liegt etwas versteckt. Es gibt einen Biergarten und es gibt den italienischen Wirt mit italienischen Angestellten. Es wird italienisch (auch deutsch) gesprochen. Und wenn man im Biergarten nicht auf das Kraftwerk schaut, sondern nach gegenüber auf den Hang, an dessen Ende zu dieser Jahreszeit Weinreben (etwas versteckt, aber sie sind da) zu sehen sind und gleichzeitig durch das offene Küchenfenster (und auch im Biergarten) italienische Diskussionen hört – da kommt authentisches Urlaubsfeeling auf.”

Genau das hatte ich gehofft. Wir kommen nach der Sommerpause.

Zu Held’s Kindermodekiste hat auf TripAdvisor niemand was geschrieben. Keine einzige Rezi (#Liftvoice). Aber ich finde auch: es ist alles gesagt.

Dann eben nochmal zum Lago di Como Italiener: der Youtube-Sender (!) Hier sind die Guten von der Gastlichkeit (!!) hat unter dem Namen La Villa TV (!!!) hier einen Imagefilm des Urlaubs-Italieners bereitgestellt. Bitte sehen Sie selbst.

Nicht im Bild: dort wo dieses Schild hängt, steht auch ein Boot namens “Keule” vom PYC Rüdesheim im Gebüsch. Falls das jemand vermisst: da ist das. Ich sag das nur deshalb, weil in dieser Stadt ja in letzter Zeit immer mal wieder Dinge wegkommen.

So XXXL-Baukräne zum Beispiel. Die dann in Ägypten wieder auftauchen. Der rechtmäßige Besitzer der Keule muss nicht ganz so weit fahren. Und wer die Leiter hat, der sei so gut und bringe sie halt zurück.

So – back to Gaisburg. Immer den Schienen folgen. Und sich plötzlich fühlen wie in Stralsund. Mehr DDR geht glaub nicht, aber hier schellt das Telefon tatsächlich noch, wenn man die 0711 wählt. Verrückt. Wurmloch, wie gesagt. Plötzlich in einer anderen Zeit und gefühlt auch Stadt. Und trotzdem ist das alles stuggiewoogieboogiebenztown. Tatütata und wir waren dabei,

Gaisburg hat eine überraschend vivile Gastro- und Einzelhandels-Szene. Vivil fand ich geil als Wort und musste aber erst gucken, ob das nicht nur Pfefferminz-Pastille ist. Ja, Scheisse, ist es. Ich mein glaub ich vivid. Sei’s drum.

Die vivide Szene jedenfalls hatte das Einhorn schon gepachtet, bevor es aufblasbar war. Ich möchte mich ja sagen hören: „Fahr bitte schnell in die Einhorn-Apotheke und hol einen blutstillenden Verband“ – aber ich blute gerade nicht.

Das dürfte den Trinkern und den Architekten unter euch gleichermaßen gefallen: ich glaube, wer runde Glasbausteine im Eingangsbereich hat, der zapft kein schlechtes Pils. Ich hab leider den Namen der Kneipe vergessen, aber ich wette, sie haben noch Premiere. Und den Merkur Geldspielautomaten Fun City, vielleicht sogar mit D-Mark Münzeinwurf.

 

Und ja. Auch das ist leider Gaisburg. Ihr könnt euch sicher sein: in der Premiere-Sportsbar wissen sie, wer die Schmierfinken sind. Und das wird noch Konsequenzen haben.

Mehr München wird es heute nicht. Denn was Gaisburg auch hat – und unser joggender Chef DJ Elbe wusste das vom Laufen – ist: einen englischen Garten und einen bayrischen Biergarten. Und wir werden schon hysterisch, wenn es endlich Ramen in der Stadt gibt.

Wer sich gefragt hat: wo ist eigentlich das Reisebüro Zauner hin – ich wollte gerade eine Busreise buchen? Da ist das jetzt. In Gaisburg. Zauner war früher mal der Platzhirsch. Und wäre da nicht Flixbus oder Flugzeug oder Faltschachtel zum Mitnehmen, dann wäre das bestimmt heute immer noch so.

Denn das Angebot ist top: “Wir haben für ihre Reise, Kurztrip, Kegelclub Ausflug oder auch für eine spontane Bustour mit Freunden oder Kollegen passende moderne Reisebusse, die wir ihnen gerne vorstellen und zu günstigen marktüblichen Preisen vermitteln können”.

Marktüblich mit Kollegen spontan mit dem Bus weg – wer hat Bock? DJ? Thorsten? Setzi? Nina? Anyone?

Putting the burg in Gaisburg. Das sieht jetzt aus wie eine Festung, ist aber die katholische Kirche. Unser spontaner Busausflug könnte da hin gehen und Setzer könnte von oben sein Rapunzel-Reggae-Gelöte runterlassen und wir anderen würden unten stehen und Shisha rauchen und sagen: Wer uns kennt, der weiß, dass wir das niemals tun würden.

13 Comments

  • TH sagt:

    Dem Logo folgend kann der KuSV Stuttgart eigentlich nur der ominöse AfD Förderverein sein, der über die Schweiz deren Wahlkampf finanziert. Armes Wangen. Oder Gaisburg. Je nachdem wo die Grenze verläuft.

  • Beraternase sagt:

    Hard knock life….

  • Chris266 sagt:

    @ Kollege Geiger weiter so, es macht Super Spaß die Stadt von einer völlig andere Perspektive zu sehen.

  • Kollege Geiger sagt:

    @CHRIS266 Awwwwwwwwwwww. Danke die Blumen. (Powered by Blumen Fischer). Mir macht’s auch Spaß und gerade in Gaisburg dachte ich mir: wie geil, dass man hier überall staunen kann.

  • MartinTriker sagt:

    Ich glaub der Setzer kann was zum La Villa sagen.

  • Setzer sagt:

    Der Grappa bei La Villa is one hell of a Grappa!

  • stegoe sagt:

    Der Fernsehturm hat halt den USP „der erste der Welt“, aber ein guter Marketingverein sollte mit „von seiner Bauart der höchste noch in Betrieb befindliche Scheibengasbehälter in Europa“ doch auch arbeiten können.

  • Kollege Geiger sagt:

    „von seiner Bauart der höchste noch in Betrieb befindliche Scheibengasbehälter in Europa“ – ich sehe Jutebeutel, Coffee-To-Go Becher und Aufkleber vor meinem inneren Auge.

  • Sebastian sagt:

    Der Klingenbachpark samt Biergarten hätte eigentlich einen eigenen Beitrag verdient!

  • Setzer sagt:

    Der Hund und ich recherchieren schon investigativ.

  • martin sagt:

    Ja, geiler Park einfach, Sonntag wieder durch gerannt (dass er allerdings Klingenbachpark heißt, wusste ich bis gerade eben nicht)

  • GaisburgerMarsch-Fan sagt:

    Nach einigen Jahren im Stuttgarter Westen sind wir vor ein paar Monaten – geplagt von Lärm und getrieben von Hektik – erschöpft nach Gaisburg gezogen. Und wir lieben es.
    Hier ist das Leben so herrlich normal. Kein anstrengendes cooles Hipsterding an jeder Ecke, sondern einfach nur das echte Leben in all seinen Facetten. Wenn wir abends durch die gemütlichen Gassen schlendern, denken wir oft, wir leben hier, wo andere Urlaub machen. Der Blick vom Balkon geht ins Grüne (oder wahlweise auf den Gaskessel) und nicht auf Nachbars Häuserwand. Ein Bier im Waldheim mit dem Stuttgarter Panorama. Mit dem Nachtbus nach Hause fahren. Döner und Blumen in ein und demselben Laden kaufen. Zu Fuß zum Wasen laufen.
    Aber bitte nicht weitersagen! Denn wenn es nach uns geht, kann Gaisburg sehr gerne noch ganz lange der Inbegriff der Stuttgarter Gemütlichkeit gepaart mit einem Hauch Nostalgie bleiben, weit weg vom Lärm der Stadt auf der anderen Seite des Wagenburgtunnels…

  • JMO2 sagt:

    “einfach nur das echte Leben in all seinen Facetten” wie Dittsche eben

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