Neulich auf dem Mietstrich: “Haustiere: Nein”

(Foto: Jutta von Teese)

Sie reden von Wohnraum, Immobilienwirtschaft und Quartiergestaltung. Den anderen reicht erstmal etwas greifbareres: ein Dach über dem Kopf für die ganze Familie. Und bitte einigermaßen im Budget, denn außer wohnen würde man ja auch gerne ein bisschen leben.

Machen wir’s kurz: Die Wohnungssuche in Stuttgart ist ein riesen Spaß. In etwa so witzig wie Darmgrippe am ersten Urlaubstag oder damals im Kino als Bambis Mutter gestorben ist. Was haben wir gelacht.

Einer der unbehaglicheren Momente des urbanen Lebens: Wenn du der Hündin erklären musst, dass Du sie demnächst leider erschießen musst, weil das mit der neuen Mietwohnung sonst gar nix mehr wird. Und der Hund so: „Äh, Bidde?!“.

Ist aber so: Umfragen und Telefonate mit potentiellen Vermietern haben ergeben: Stuttgart hasst Hunde.

Vermieter am Telefon: „En Hond?“
Ich: „Ja“
Er: „En richtiger Hond?“
Ich: „Ja, vier Jahre alt. Ungefähr 40 cm hoch. Voll lieb“
Er: „Hanoi, des wellet mr abr ned!“
Telefon: „tut…tutu…tut…tut…“
Ich: „Ja, Ihnen auch noch einen schönen Tag.“

Super Gespräch, es sei denn man hat das Monate schon und grob 15 bis 20 Mal exakt so geführt. Schade eigentlich, also auch für die Hündin. Nicht nur weil ich sie jetzt demnächst erschießen muss und ich als linksgrünversiffter Gutmensch weder Expertise noch Werkzeug dazu an der Hand habe.

Die Hündin versicherte mir zudem, dass sie es ziemlich lässig gefunden hätte, 1400 Euro Miete (kalt) für eine runtergebumste 65 Quadratmeter-Bude in Burger- und Backwerk-Nähe, weit weg von der störenden U- oder S-Bahn zu bezahlen.

„Dream liven!“ sagt sie immer, lullert sich dann genüsslich an ihrer Intimöffnung herum und pennt dann ein. Weil sie’s kann und von Haus aus sehr viel schläft. Kannste nix dagegen machen. Denn der Mietstrich Stuttgart kostet alle verfügbaren Kräfte, Kreditlimit gegen null – da muss man derartige Akrobatik dem Hund überlassen.

Es gibt natürlich auch zuvorkommende und freundliche Zuhälter auf dem Mietstrich Stuttgart: ein Mann aus den Niederlanden hat für seine Tochter beispielsweise eine Wohnung gekauft – drei Zimmer, super Lage in Cannstatt, Hund: kein Problem. Die Wohnung möchte er nun stressfrei und gerne langfristig untervermieten, weil die Tochter ja mittlerweile mit dem Studium fertig ist. Viele Leute wollen nach dem Studium nicht in der Stadt bleiben.

Ich: „Yeah!“
Mein Freund Marco: „Er wird dir jetzt schreiben und eine Kaution verlangen, damit er Dir den Schlüssel schicken kann, weil er ja in Holland lebt und selten den Stuggiboogie vor Ort tanzt. Uralte Abzocke.“
Ich: „Dein Zynismus wird immer schlimmer!“

Okay, das mit dem „Stuggiboogie“ hat Marco nicht gesagt. Er ist ja nicht betrunken. Zwei Stunden später kam allerdings, wie geunkt, die Mail: bitte vorab eine Erklärung unterschreiben, Mietvertrag kommt dann per Post, gegen Unterschrift und zwei Monatsmieten Kaution gibt’s den Schlüssel per Post und wir könnten den „deal completen“.

Wir müssten das dann allerdings über das Airbnb-Konto des Holländers abwickeln. Randdaten wie beispielsweise die Adresse der Wohnung und so weiter bekäme ich, wenn meine Zahlung bei ihm eingegangen wäre. Das alles geschrieben in sehr kurz angebundenem Englisch. Sollte mir die Wohnung nicht gefallen, bekommt er den Schlüssel und ich natürlich mein Geld zurück.

Um sicherzugehen, schreib ich noch mal: „I forgot to mention: My girlfriend is a cop. But this shouldn’t be much of a problem, right? Usually she’s not carrying guns around the house.“ Nix mehr gehört von dem Mann mit der freenet-Adresse. So fucking sad, Willem.

Immobilienscout, der freundliche Internet-Wohnungspuff, hatte die Wohnungsanzeige mittlerweile aus dem Programm genommen, verzichtete aber leider darauf, seine Nutzer auf mögliche Gefahren zu sensibilisieren.

Gut, vielleicht gilt dieser Service nur für die Premium-Mitglieder. Kostet ein bisschen, dem Verein zugehörig zu werden, dafür kann man seine persönlichen Daten viel besser verarbeiten lassen und noch mehr von sich preis geben. Internetanbieter, Umzugunternehmen und Strom regeln die dort auch. Die 120 Quadratmeter, 700 Euro, in Heslach mit Videosprechanlage, Eckbadewanne und “Haustiere Welcome” dürfen leider nur Premium-Mitglieder angucken.

Ein anderer Zuhälter schickte eine so genannte „Mieterselbstauskunft“, die ich bitte ausgefüllt zum Besichtigungstermin mitzubringen hätte. Da werden allerlei Dinge abgefragt: Gehalt, Konten und Sparkonten, Altersvorsorge, Vorstrafen, Versicherungen, Musikinstrumente, Haustiere, Kontakte des derzeitigen Vermieters und der Vermieter der vergangenen 15 Jahre, Raucher/Nichtraucher, Beruf des Kindes … Alle Daten werden lediglich zur Geschäftsoptimierung, Marketing und für Partnerunternehmen gespeichert.

„Schufa“ soll ich auch mitbringen – das wiederum ist ein fantastisches Unternehmen, das spätestens mit der DSGVO eigentlich Geschichte sein sollte. Die gute Nachricht: schufa-mäßig bin ich ein absoluter Premiumtyp. Dennoch: Wieso dürfen die das alles eigentlich wissen und weshalb ist da ein Einkauf bei H&M Beweis für meine Kreditwürdigkeit gelistet?

Das belegt doch allerhöchstens, dass ich schnell einen schwarzen Pulli und eine Strickjacke gebraucht habe. Diese Erkenntnis kostet bei der Schufa  29,90 Euro, Ergebnis kommt per Post. Und so viel ist auch klar: Der Pulli war billiger und ich denke, ich sollte nicht mehr bei H&M einkaufen. Auch die Schufa bietet eine Premium-Mitgliedschaft an. Ich hoffe, dass ich nie derart am Ende bin, dass eine Mitgliedschaft bei der Schufa und bei Immoscout24 meine Existenz aufwertet.

Nächster Schritt, eine Anzeige bei der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten aufgeben. Ja, das sind diese Bildchen mit lächelnden Pärchen. Ich entscheide mich gegen eine Annonce mit Bild. Hund sagt, sie müsse eh erst zum Coiffeur. So viel Zeit haben wir aber nicht. Da ist schließlich ein Kind unterwegs und die Mutter wird auch langsam nervös und droht mit der Wohnungssuche in Köln-Porz.

In der Zeitung steht ein Artikel über das Unternehmen Vonovia, die mutmaßlich, dafür aber wohl im großen Stil ihre Mieter übers Ohr hauen. Ich habe eine gute Erfahrung mit denen gemacht: Man sagte mir zwei Stunden vor dem Besichtigungstermin ab, ich solle jetzt mit dem Chatbot neu verhandeln. Natürlich muss man sich erstmal online registrieren und nackt machen.

Das Problem mit der Wohnungssuche, von den Preisen und der Verhältnismäßigkeit der Angebote mal abgesehen: Mit jeder Absage sinkt das Selbstwertgefühl, man fängt an, es tatsächlich persönlich zu nehmen. Als würde man versuchen, in einen erlauchten Kreis von Privilegierten vorzustoßen, die einen dort aber partout nicht haben wollen. Vielleicht ist es auch gar nicht der Hund, sondern ich bin das Problem.

Wer seine Depressionen oder Verstimmungen befeuern will, sollte sich täglich ungefähr vier Stunden bei Immoscout, Immowelt oder ähnlichen Portalen herumtreiben, die streng genommen nichts anderes machen, als sich gegenseitig zu verlinken. Und jeder hasst Hunde. Super Gesellschaft.

Auf der Straße laufen derweil scheinbar glückliche Leute zu irgendwelchen Sommerpartys an meinem Fesnter vorbei. Ich fange an, sie zu hassen. Diese oberflächlichen Birkenstock-Swagger mit ihren First-World-Problems. Das gesellschaftliche Leben liegt auch brach. Man wird unweigerlich der, der andere vollquatscht, ob sie vielleicht von einer Wohnung wissen – oder man wird die Konfettikanone, die erzählt wie kacke alles ist und dass es bei Obi am Westbahnhof Seile im Sonderangebot gibt. Man neigt zur Überdramaturgie, ich weiß.

Je länger das alles dauert, desto mehr will man auch den anständigen Menschen aus dem Weg gehen. Weil sie nicht auch noch meine Probleme brauchen – haben ja eigene. Das alles ist natürlich völliger Unfug. Denn es gibt nix besseres als Freunde und Bekannte, die helfen, sich umhören, ungefragt eMails schicken und von OBI-Sonderangeboten abraten – obwohl sie das nicht tun müssten.

Mir fällt das auf, als ich nach drei Monten erfolgloser Suche zähneknirschend all zu Privates öffentlich mache und auf Facebook um Hilfe bitte. Ich bekomme Glückwünsche zum Kind und tatsächlich Hilfe: Hier eine Wohnung, da einer der ausziehen wird, dort einer, der gehört hat, dass der Nachbar ausziehen wollte. Freunde machen mich online mit ihren Freunden bekannt, die mir weiterhelfen. Danke an alle. Von ganzem Herzen. Und versprochen: Falls ich jemals auf der anderen Seite des Tisches sitze, werde ich mich tatsächlich umhören und die Augen offen halten. Dennoch immer wieder: „Hund? Nee.”

Ich versuche mich an einer alternativen Anzeige: „Junges Paar (Nichtraucher!), unbefristete Festanstellung (Daimler/Bosch/Porsche/Boss/Deutsche Bank), wir hassen Tiere (außer auf Instagram und im Zoo), Kinder finden wir auch doof, spielen keine Instrumente, bumsen nicht (oder leise), finden Musik ganz schlimm und gehen gewöhnlich gegen 22.30 Uhr ins Bett.“

Natürlich wäre das ein bisschen gelogen, aber wenn die Politik offensichtlich an Statistiken und Fakten dreht, darf ich das auch. Oh, schnell noch „Arisch, praktisch, gut, Deutscher Pass“ dazuschreiben. Scheint ja wieder in Mode zu kommen.

Doch alles fällt immer wieder auf den Hund zurück. Der schönste Satz, den ich in den vergangen Monaten gehört habe: „Können Sie den Hund nicht im Tierheim abgeben?“

Und zumindest Angermanagement kann ich mittlerweile. Obwohl ich in tausend Sätzen und körperlicher Gewalt hätte antworten wollen, bin ich ruhig geblieben: „Nein“, hab ich gesagt.

In meiner städtischen und privilegierten Ignoranz habe ich im vergangenen Winter mal einen Obdachlosen gefragt, ob’s keine städtischen Einrichtungen gäbe, in denen er schlafen könnte. Er zeigte auf seinen Hund und sagte „Der dürfte aber nicht mit. Also, nein.“

Dann habe ich Leckerli gekauft. Denn der Hund, in all seiner Genügsamkeit, gehört zur Familie, bester Freund des Menschen bla bla bla. Jedes bla voll von Wahrheit. Wer dagegen ankämpft, hat alles verloren.

Und ja, ich bin privilegiert: Mir bleibt zumindest notfalls die Möglichkeit, Frau, Kind, Hund und mich in eine zwei Zimmer-Wohnung zu quetschen und hoffen, dass der Mitbewohner nicht wahnsinnig wird.

Also, nochmal mit der Hündin reden: Wir einigten uns darauf, dass ich sie künftig als eine sehr hässliche Katze vermarkten würde. Denn bei Goldfischen oder Katzen steigt die Toleranz von potentiellen Vermietern merklich. Und gelogen wäre es auch nicht: Denn als Katze wäre sie tatsächlich wahnsinnig hässlich.

Wegen der Menschen in meiner kleinen Gang, beschließe ich auch locker zu bleiben: meine schwangere Frau wünscht sich seit Monaten schon einen Oktopus und einen Hai und ich selbst hätte schon immer gerne einen flauschigen Braunbären, der mich jeden Abend mit Ghettofaust begrüßt und Honig aus einem Eimer löffelt: „Yo, Mike! Alles dope?!“

Keine Ahnung, wie man mit einer derartigen Entourage eine Wohnung finden soll, wenn’s schon mit einem Hund unmöglich scheint. Insofern bin ich ja ganz gut bedient. Bisheriger Bodycount: 28 Absagen, wegen Hund.

Auch gelernt: Als junge Frau hat man es wesentlich leichter, in Stuttgart eine Wohnung zu finden. Zumindest, wie mir berichtet wurde, wenn man dem Vermieter prinzipiell gestattet, dass er beim Bumsen, Masturbieren oder Duschen zuschauen darf. Dann soll das verhältnismäßig einfach sein und schnell gehen. Wie die Abläufe gewährleistet werden, ist vermutlich Verhandlungssache. „Also, Mittwochs gegen 20:18 Uhr bumse ich ganz gerne, Schlüssel ham Sie ja. Soll ich Nudelsalat machen? Prosecco?“

Auch schön: Kaltmiete 1300 Euro, kurz hinter Untertürkheim, Kaution: drei Monatsmieten: „Es würde Ihre Chancen erhöhen, die Kaution gleich zur Besichtigung in bar mitzubringen.“ Wahrscheinlich war das nicht mal gelogen. Es wäre auch praktischer, als den ganzen Tag ein Schild mit sich herumzutragen auf dem steht: „Ich bin ein sehr großer Idiot“.

Und dann das: einen Anruf um 6:23 Uhr verpasst. Natürlich nicht gehört, ich träume um diese Uhrzeit meistens noch von einer Wohnung, da geht höchstens die Mailbox ran: „Ihre Anzeige in der Zeitung war wirklich pfiffig. Ganz toll geschrieben. So herzlich und lustig. Würde Sie und Ihre Frau gerne inspizieren. Habe eine drei Zimmer Wohnung.“

Das war auch überhaupt nicht gelogen. Die Sache ist halt die: Die ältere Dame wohnt da mit ihrem Ehemann drin. Aber „wenn der stirbt“ müsste sie sich aber eine andere Wohnung suchen. Zum Glück ginge es ihm aber derzeit wieder besser. Ihr selbst auch, sagte die Dame. Der Grund für ihren frühen Anruf war auch schnell erklärt: Sie hatte bereits das Grundstück gesegnet und auch das der Nachbarn.

Ihr war danach. Sie war jahrelang von Dämonen und dem Teufel besessen. „Hören Sie“, sagte die Frau. „Man denkt der Teufel hätte so einen Pferdefuß und so. Aber das stimmt überhaupt nicht. Dämonen und der Teufel offenbaren sich immer in Menschengestalt. Man muss vorsichtig sein.“

Drei Gedanken: a) Hoffentlich sieht sie mich nie persönlich, b) ich sollte mal freundliche Farben tragen und c) ich kann jetzt nicht einfach auflegen oder „Huch, falsch verbunden“ sagen und dann auflegen. Geht nicht. Ich wünsche Ihr Glück, denn das tu’ ich wirklich – und wir verbleiben so, eventuell mal gemeinsam in den Weinbergen mit der hässlichen Katze spazieren zu gehen.

Und neun Anrufe später: nix da „Print ist tot“. Die Anzeige drüben bei Stuttgarter Nachrichten/StuttgarterZeitung führte zum Ziel. Völlig unbürokratisch, ohne Schufa und ohne Immobilienscout. “Wir haben aber einen Hund und bald ein Kind…”, die Vermieterin: “Ja, super. Glückwunsch.”

Hund: „Du erschießt mich jetzt also nicht?”
Ich: „Nee, natürlich nicht.”

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