Wohnst Du schon oder lebst du noch?

(Foto: Jutta Von Teese)

Völlig retro, aber doch wieder schwer en vogue: Hausbesetzungen – ein Ding der 70er-, 80er-Jahre und 90er-Jahre. Hafenstraße in Hamburg, Neckarstraße in Stuttgart, Häuserkampf, Achtung: hier baut die Krawall & Co. KG, RAF-Folklore, Vorsicht: linksextreme Terroristen. 2018 wird der Quatsch noch immer nachgeplappert. Und, schrecklassnach: sie sind wieder da.

Und immer noch die Annahme: Hausbesetzer wollen die Miete sparen. Doch Hausbesetzungen laufen nicht nach Gesetzmäßigkeiten, die zur Lebensrealität von „Schöner Wohnen“-Abonnenten gehören. Hausbesetzer klingeln auch nicht an der Tür und werfen Bürger aus ihren Wohnungen, um sie sich deren Wohnraum und die Küchengeräte unter den Nagel zu reißen. Ebenso gibt es wahnsinnig viele weit stressfreiere Varianten der Unterkunft, als ein Haus zu besetzen.

Wie beschissen der Wohnungsmarkt in Stuttgart sein muss, lässt sich daraus erahnen, dass zumindest letztere Behauptung in Stuttgart nicht mehr zutrifft. Die Krümmel werden knapp. Die Wohnungen auch.

Mal ganz doof runtergerechnet und vereinfacht: Die Hausbesetzung ist die Fehlermeldung der Lokalpolitik – in Berlin, Hamburg, Köln, Stuttgart. Überall. Bitte Update installieren, sonst faltet sich die Festplatte gleich selbst zusammen. Wer sich in das  komplexe Thema etwas mehr einlesen will, hier ein ellenlanger Artikel aus der Zeit.

Mal kurz hinsetzen und nachdenken, also ich. Würde ich das machen? Haus besetzen? Mit Familie und Hund? Nee, wäre mir zu aufreibend, zu unsicher und zu gefährlich. Wie gut lässt es sich schlafen, wenn Du jede Nacht noch geräumt werden könntest? Denn, dass nichts davon im legalen Rahmen stattfindet, ist auch klar – das muss nicht gesondert erwähnt werden.

Mit etwas Empathie auf dem Sonnendeck, darf man dann aber doch die Frage stellen, warum eine dreiköpfige Familie dennoch diesen Weg wählt. Denn nichts davon klingt nach einem lockeren Spaziergang im Park.

Man trifft bei Ikea auch eher selten Hausbesetzer, die sich eine schicke Eckbadewanne kaufen wollen oder aufgeregt an der Haustür warten, ob der Thermomix heute von Amazon geliefert wird. Das ist ein Scheissleben, scheisser ist nur überhaupt keinen Wohnraum zu haben. Oder es sich nicht mehr leisten zu können.

Am Montag wurde das seit Anfang Mai besetzte Haus in der Wilhelm-Raabe-Straße 4 geräumt, der Aufwand: etwas überzogen.

Dennoch etwas lustig: Die Randnotiz, dass zu diesem Zeitpunkt scheinbar nur eine Person anwesend war, die nicht zu den Hausbesetzern gehörte – auch nicht zu den bösen „Linksextremisten“.

Einer Gruppe, der mittlerweile fast jeder zugerechnet wird, der einen schwarzen Kapuzenpulli besitzt, auf das Grundgesetz pocht oder – Verzeihung,  etwas überspitzt – bei „Sieg!“ nicht sofort den rechten Arm in der Luft hat. Ja, die Hausbesetzung in der Wilhelm-Raabe-Straße in Heslach ist nun beendet. Das war abzusehen. Das Anliegen bleibt aber.

„Die Polizei hat sich für diesen Einsatz akribisch und intensiv vorbereitet und die Wohnungen besonnen und ruhig geräumt. Es gilt ganz klar: Wehret den Anfängen – wir dulden in Baden-Württemberg keine besetzten Häuser“, lässt sich Thomas Strobl in der StZ zitieren.

Schade, dass keiner auf die Idee kam, den Anfängen zu wehren, als große Teile der Stadt unter Immobilienfirmen aufgeteilt wurde. Merkwürdig, wie locker das geduldet wurde. Witzig und auch ein bisschen albern ist, wie Innenminister Strobl versucht, sich hier als harter Hund zu profilieren und ein Vokabular anwendet, als hätte er gerade den IS und Hitler höchstselbst mit einer Adilette aus der Stadt geprügelt.

Möge er seinen Kollegen mit ähnlichem Verve nahelegen, sich ausnahmsweise mal ernsthaft der Themengebiete „Leerstand“, „Wohnungsbau“ und „Immobilienspekulation“ anzunehmen. Einschlägige Portale weisen mittlerweile inflationär auf die „Immobilie als Wertanlage“ hin, andere backen weit kleinere Brötchen und suchen nur ein „bezahlbares Dach über dem Kopf“. Nur.

Doch wenn sich beides nicht ansatzweise die Waage hält und die Stuttgarter Politik nichts gegen die Ursachen unternimmt, ist die Stadt im Arsch. Da brauchen auch Brillenträger kein Fernglas mehr. Eine, in diesem Fall, freundliche Hausbesetzung ist da das kleinste Problem und ein “Symbol”.

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