Wären die Punkrock, wär‘s kein Problem. Oder: Bei Konzerten einfach Schnauze halten

Du denkst, du feierst Subkultur. Aber du fickst die Subkultur, denn dein Verhalten ist unterirdisch. Dieser elegante Wortwitz im vorherigen Satz ist dir sicher auch nicht aufgefallen, denn dafür bedarf es Aufmerksamkeit. And guess what – du kannst nicht mal für ein paar Minuten die Schnauze halten. Hey whoa, krass, jetzt mal alle ganz ruhig, Pädagogik und so, worum geht’s überhaupt?

Im Allgemeinen um Menschen, die bei Konzerten reden. Im Speziellen um die Frau von vor Kurzem. Die wirklich viel zu berichten hatte. Und das auch ziemlich laut. Aber verständlich, man muss ja gegen die Musik vorne auf der Bühne ankommen. Sonst versteht einen doch keiner!

Also liebe Konzertgängerin,

diese Worte sind direkt an dich gerichtet. Wobei ich jetzt gar nicht weiß, ob eher „Konzertgängerin“, „Konzert“gängerin oder Konzert“gängerin“.

So viele Möglichkeiten, und alle sagen: ich wäre froh, du wärst nicht da gewesen. Mit dich meine ich übrigens jeden einzelnen Menschen, der es nicht schafft, für diese knappe eine Stunde einfach mal die Fresse zu halten.

Konzerte sind eine wirklich schöne Sache. Man steht da und es ist egal, ob in einer riesen Meute oder zu fünft vor einer kleinen Bühne. Auf dieser Bühne passieren geile Sachen. Da machen Leute Musik, da harmonieren einzelne Töne und Stimmen zusammen und da haben sich Menschen einfach Songs ausgedacht.

Wenn man kurz drüber nachdenkt, dann ist das abgefahren. Völlig egal, ob im Großen oder Kleinen. Und: Diese Leute können sich auch besseres vorstellen, als für dich auf dieser Bühne zu stehen. Sie könnten nämlich vor einem Publikum spielen, das wirklich Bock hat.

Es ist schon okay, dass Schnauze halten manche echt nervös macht. Niemand hält Stille gerne aus, aus irgendeinem platzt dann immer ein dummer Spruch. Der Unterschied ist aber, dass hier gar keine Stille herrscht.

Es entsteht also per se schon mal gar keine Situation, die dir unangenehm sein könnte. Das für dich unangenehme ist, dass sich für die nächsten sechzig Minuten niemand um deinen Scheiß schert. Was unternimmt man dagegen? Richtig, Maul auf und los geht’s.

Manchmal vertut man sich auch in der Lautstärke. Hey, da sagt niemand was (haha gemerkt?). Aber wenn man dich zwei Mal bitten muss, leise zu sein, dann hast du kein Problem mit den Ohren, dann hast du eins mit deinem Gehirn. Und Ego.

Fällt mir spontan die Story von einem anderen Konzert ein, damals im Bergamo noch im Rahmen der JägerCampus-Konzerte von Jägermeister. Tolle Band macht tolle Musik. Ihr Pech, dass sie sich eher einem ruhigeren Genre verschrieben haben. Wären sie Punkrock, hätten sie das schnatternde Publikum wenigstens nicht gehört.

Jedenfalls steht neben uns ein geschwätziges Fräulein, die wirklich viel redet aber rein gar nichts beizutragen hat. Irgendwann fliegt ein ‚pschht‘ in ihre Richtung. Die Skaterbetty (Typ Avril Lavigne 2008, aber ich trag mein Skateboard ausschließlich und auch nur an der Achse) ist empört und brüllt: „Alter, hat die mich gerade angepschht?“

Nicht, dass ich selber musikalisch talentiert wäre (Grundschule, Team Klanghölzer, so siehts aus!) oder auf einer Bühne stehen will.

Aber selbst mir ist klar: Gerade wenn man in einer Bar oder ähnlichem ein Konzert gibt, ist das nicht immer einfach. Oder wenn ein Konzert einfach keinen Eintritt kostet. Die Leute kommen, man will sich das ja mal anschauen. Und man will auch bisschen kulturell am Start sein, Subkultur bedeutet, man kennt die Geheimtipps und sich aus.

Außerdem braucht man echt mal wieder eine Kracher Instagram Story. Wenn man seine To-Do-Liste abgearbeitet hat, dann kann man sich auch endlich wieder unterhalten. Es ist nämlich wirklich wichtig, noch eben los zu werden, was da letztens an der Wursttheke bei Rewe passiert ist.

Liebe Du und Ihr alle,

zum Ende noch schnell klare Worte: Wenn du die Schnauze nicht halten kannst, kommt nicht. Wenn es dir doch nicht gefällt, geh einfach. Wenn du dringend was erzählen musst, mach es draußen. Oder später. Wenn du kommst, hab den nötigen Respekt den Musikern und auch dem Publikum gegenüber. Denn du störst jeden. Wenn du trotz alledem denkst, dass du voll im Recht bist, erschieß mich bitte.

Erinnert ihr euch noch an die Frau aus meiner Einleitung? Die hatte natürlich einen Gesprächspartner. Als das Konzert vorbei war, baute die zweite Band für ihre Show auf. Wollt ihr raten, welcher Gesprächspartner dann da oben stand und seine Gitarre stimmte? Danke, reicht.

18 Comments

  • 0711er sagt:

    Uff, da hat sich was aufgestaut. Ich sehe das anders und finde bei einem Konzert darf man sich gerne unterhalten. Beim David Bowie Konzert in der Schleyerhalle hat mich auch mal einer “angepschht”. Ich fand das eigentlich immer recht kurios, dass jemand bei einem Rockkonzert meint, dass die Zuschauer nur zum andächtigen Lauschen kommen dürfen. Das mag bei Klassikkonzerten Sinn machen, HipHop oder Gitarrenmusikkonzerte sehe ich eher als Orte des kulturellen Austauschs. Da kann man sich genauso gut über einen exaltierten Tanzstil oder die falsche Kleidung aufregen. Unnötig…

  • martin sagt:

    Wie Nina schreibt und wie es schon die Überschrift andeutet, kommt es immer auch auf das Genre und das Level der Band an. Und ob man bei einem Konzert nonstop quatschen muss.

  • torres sagt:

    Word!
    Genau so letztens bei Trettmann erlebt. Zwei Mädels haben das komplette Konzert durch gelabert und nur ab und an die hooks mitgegröhlt. Da das Wizemann eh schon so leise ist (sein muss?!) hat es nochmal extra genervt. Ihr Gespräch wurde dann leider gegen Ende vom mosh pit beendet…

  • Matthias sagt:

    Ich unterschreibe das. Wenn ich zu einem Konzert gehe, finde ich, gehört auch Respekt dem Künstler gegenüber dazu. Dann unterhalte ich mich nicht mit meinem Nachbarn, ohne Punkt, ohne Komma. Mal ‘nen Sätzchen hier, mal nen Sätzchen da okay. Aber nicht so penetrant, dass sich andere dadurch gestört fühlen. Am schlimmsten finde ich das immer bei (leider) recht ruhiger studenten-kompatibler Musik in kleinen hippen Bars, ohne Eintritt. Wenn du schon so verdammt subkulturell bist, dann befass dich auch mit “deiner” subkultur, und quatsch die nicht tot.

  • Ralf MDX sagt:

    Sollen die “Künstler” halt eine Darbietung aufführen die nicht zum quasseln verleitet 😉

  • Thorsten W. sagt:

    Hab ich ähnlich schon mal beim gig-blog gerantet:

    http://www.gig-blog.net/2014/0.....stuttgart/

  • Halbangst sagt:

    Da spricht mir jemand aus dem Herzen! Wobei ich es nicht auf ein Geschlecht festmachen kann und es betrifft nicht nur Konzerte, sondern scheint sich auch in Fußballstadien verbreitet zu haben. Das generelle Problem scheint zu sein, dass alles nur noch als Event wahrgenommen wird, wo man sich halt mit anderen trifft.

  • Ingo sagt:

    Ich sehe das zwiespältig…. bei einem Konzert bin ich mit Freunden und muss mich auch kurz zwischendur h unterhalten können. Natürlich nicht dauerlabbern oder unnötig laut raumschreien, aber ich finde es auch etwas übertrieben… vielleicht sogar überheblich… den Gästen das Reden zu verbieten. Musik ist Unterhaltung. Musiker sind zu respektieren, aber ich finde auch nichts schlimmer, als ein Publikumboller Pseudo-Intelektueller, die mit schräg aufgestützrem Kopf und gerunzelter Stirn das ganze Konzert die Musik analysieren und verstehen müssen alla “Der Wolf – Das Lamm”…
    Ich war bei Bob Dylan im Festspielhaus in Baden-Baden und dort wurde man vom versnopten Baden-Baden-Opern-Publikum schon “angepschtet” wenn man seinem Nebensitzer einen Satz zugeflüstert hat. Die Stimmung war auf dem Nullpunkt….

  • Dr Computer sagt:

    Bin völlig bei Ingo. Labern ist ok, solange es in einer Lautstärke vonstatten geht, die sozialverträglich ist. Finde diese Snobs auch schrecklich, die sich sofort bei einer Silbe echauffieren. Glaub mir, den Musiker juckt des net. Der sagt doch jetzt net: „ Die Skateboard-Betty aus Reihe A Platz 18 war aber gesprächig“. Ich finde das lockert die Stimmung. Ist ja keine Stock im A••• Veranstaltung.

  • martin sagt:

    Kommt eben auf den Fall an, wie es auch im Text beschrieben wird. Wenn ich sanften Singer-Songwriter-Sound in einer kleinen Bar präsentieren würde, ich mich wochen- und vielleicht gar monatelang auf den Gig gefreut und geübt hätte und dann steht in Hörweite ein Mensch, der nonstop von seinem Thermomix, Insta-Profil oder Baumarkt-Eskapaden erzählen muss, würde mich das als Musiker sehr jucken. Also wenn.

    Wäre ich Metallica, wärs mir bums, weil dann bin ich lauter als der Rest der Welt. (Wahrscheinlich.)

  • Stefan sagt:

    Tja, so ändern sich die Zeiten… Sich auf ein Konzert zu freuen und sich voll und ganz auf die Band und deren Musik einzulassen, erfordert sicherlich auch in der Subkultur ein gerüttelt Maß an Kultur und Anstand, was leider nicht jedem Menschen gleichermaßen vermittelt wurde. Einfach der Ische ein Bier übern Schädel – gut für die Haare…

  • Bernd sagt:

    Frei nach dem Motto: “Habt ihr noch Sex oder habt ihr schon einen Thermomix?”

  • Corny Hammer sagt:

    Liebe Leute,
    Zu Beginn dieses Aufsatzes gleich die Pointe vorweg: die Musiker nervt es ganz gewaltig, wenn während einer Show dauernd gequasselt wird.
    Wenn man 30 Minuten nonstop-vollgas-Grindcore spielt (tu ich auch, aber eben nicht ausschliesslich), ist das vielleicht ob der niemals abreissenden Wand aus Krach unerheblich. Doch wenn in der Musik auch leisere Töne (= Dynamik) angeschlagen werden, kommen Gespräche und Gelächter eben durch. …und auch auf der Bühne an! Es gibt Leute, die für genau diese Show Eintritt bezahlt haben (und selbst wenn nicht…), sich seit Wochen auf dieses Konzert freuen, und für genau diese Leute spielen Musiker im Regelfall. Ich habe von der Bühne aus bei Menschen schon unglaublichste Gefühlsregungen, bzw Reaktionen auf die Musik beobachten dürfen. Meistens war in solchen Fällen auch das restliche Publikum rücksichtsvoll, die Athmosphäre also stimmig. Das kommt auch vor, und das sind dann meistens die Shows, bei denen im Backstage dann einhellig die Meinung “heute war´s aber geil” herrscht. Auf Videos sieht, bzw. hört man dann später – vom Bühnenadrenalin befreit – warum: die fragilen Parts wurden nicht “zerlabert”, die Musik durfte auch in den ruhigen Passagen, also in ihrer Gänze, wirken.
    Natürlich hat hierüber jede/r seine/ihre Meinung und Ansicht, wie über alles, jeden und jederzeit. Aber lasst Euch aus Musikersicht bitte sagen: Wenn Ihr Gesprächsbedarf habt, unterhaltet Euch! Und zwar am Besten in der Kneipe oder, noch besser, im Wohnzimmer. Da muss man dann auch nicht so brüllen.

  • BELLA sagt:

    Da spricht mir jemand aus der Seele! Vielen Dank für diesen Artikel!

  • der Felix sagt:

    Halten wir fest: Extreme sind wie immer (oder nur fast immer?) Scheiße, und es gilt, eine gesunde Balance zu finden #lifehack 😉

  • Basst sagt:

    Wie geil es ist wenn alle leise sind konnte ich beim Open Air von Portishead in Berlin erleben.
    Beim Intro von „The Rip“ als nur Akustikgitarre gespielt wurde, waren alle 3000 Besucher komplett still – außer den Geräuschen der Feuerzeugen für die konischen Zigaretten.
    Gänsehaut.
    Lag aber vielleicht auch am Ü40 Publikum.

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