Wasenbummel, unfreiwillig aber geil festgehalten

Es gibt Dinge, die tut man nicht: Nasepopeln, schwarzfahren, woanders erbrechen als über der eigenen Kloschüssel und aus Versehen über den Wasen laufen. Aber hey: been there, done that. Wer ohne eine dieser Sünden ist, der werfe bitte das erste Göckelesmärkle.

Gibt’s eigentlich noch Göckelesmärkle? Oder macht man das heute mit ner App? Oder mit Groupon? Und noch ne Frage: liefert Foodora eigentlich auch halbe Wasenhähnchen? Weil – und jetzt kommt’s ziemlich unerwartet, Ihr kleinen Wasenhater – auf dem Frühlings- oder Volksfest sind ja ein paar Sachen richtig gut!

Wie es riecht, zum Beispiel. Gockel, Mandeln, Wurst. Keine schlechte Duftnote.

Gut, wenn da noch rülpsen, pupsen, spucken dazukommt, wird’s irgendwann unangenehm, aber erstmal riecht’s gut. Und leuchtet toll: ich freu mich jedesmal, wenn ich abends vorbeifahre und alles blinkt und dreht sich. Ernsthaft.

Aber vorbeifahren ist auch nicht drüberlaufen. Das hab ich nicht ganz freiwillig gemacht, sondern, weil ich von der Porsche Arena nach Hause wollte – und erfahren musste, dass die U11 “nur am Wochenende und beim Volksfest fährt”. Da stellt sich natürlich die Frage, wann für die SSB das Wochenende beginnt, wenn nicht an einem Freitagabend.

Aber ok – die sind gerade alle mit der TRAM EM beschäftigt und haben keinen Kopf für sowas. Keine U11 hieß, dass ich wohl oder übel über das Frühlingsfest zur U1 laufen musste. Und ehrlich: war gar nicht schlimm.

Wenn man vom Wasen nix will – musikalische Horizonterweiterung, betrunken sein, eine Dirndlträgerin oder zumindest ein großes Plüscheinhorn mit nach Hause nehmen – dann will der Wasen auch nix von einem.

Am Eingang wird man noch taschenkontrolliert und von so Antiterrorpollern davon abgehalten, mit dem eigenen PKW direkt vors Zelt zu fahren.

Und ab da kann man eigentlich machen, was man will: zum Beispiel eine Klobürste (wer bitte schön?) oder eine Handyhülle (ich!) auf dem Krämermarkt kaufen. Denn dort, wo der Gravis alle älteren als X iPhone-Modelle gar nicht mehr groß bedient, kriegt man hier nämlich auch Hüllen bis zum Nokia 3210. Deinem Vater gefällt das.

Man kann sich außerdem darüber freuen, dass es noch relativ viele old school Attraktionen wie Ringewerfen, japanisches Fadenziehen oder Losbuden gibt. Oder man kann halt Fahrgeschäfte fahren.

Bin ich nicht. Weil mir an dem Abend U1 genug Fahrgeschäft war. Hätte ich aber können. Ich will ja nicht angeben – und wenn man einen Satz so anfängt, dann gibt man im zweiten Teil immer mächtig an, tut aber so, als ob man das nicht täte.

Also: ich will eigentlich schon angeben – und zwar damit, dass ich mich vor keinem Karussell fürchte. Ich hab weder Angst vor Höhe, freiem Fall noch vor Fliehkraft. Was mich eigentlich zu einem perfekten Bundeswehr Jetfighter macht, aber ich weiß nicht, ob man nach dem Zivildienst noch Bund machen darf.

Hinzu kommt – und wir bleiben noch ein bisschen beim Dickeschuhemachen und angeben: ich kann mit dem Boxauto rückwärts fahren. Gut – das ist jetzt keine Qualifikation, die einen heute in einem Assessmentcenter weiterbringt, aber schaden tut es auch nicht:

“Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?”

“Rückwärtsfahrend in einem Boxauto.”

Früher war das ein Skill, der einem durchaus Punkte und Aufmerksamkeit gebracht hat. Die Mädchen wollten zu den Jungs einsteigen, die sich nicht wie Vollidioten am Steuer angestellt haben. Und rückwärtsfahren war die Königsdisziplin.

Aus vielen Rückwärtsfahrenkönnern sind später Formel 1 Piloten geworden. Während die Deppen, die mit dem Boxauto nicht mal gescheit losfahren konnten, heute eine Stadtautomitgliedschaft haben und geschieden sind. Das waren die gleichen, die heute das Gas nicht finden, wenn es grün wird. Leute, die schon mit Warnweste losfahren, weil man weiß ja nie.

Die sind damals schon mit dem Boxauto stehen geblieben, wenn die Hupe ertönte. Und dann musste der “Mann zum Mitreisen” mit seinem Fuchsschwanz-Chip hinten auf die Stoßstange steigen und von dort das Steuer für sie übernehmen. Ihr wisst, wen ich meine?

(Neue Netflix-Serie: Der SSB-Cop)

Und weil wir hier gerade schon so schön unpopulär daherbloggen, mag ich noch eine Lanze brechen. Pro Tracht.

Richtig gelesen. Ich finde es per se mal nicht verkehrt, dass man sich als Unschuld vom Lande und Bauernburschi verkleidet. So viel anders als kollektiv in VfB Trikottracht zu einem Spiel gegen Hannover 96 zu gehen, Bier zu trinken und komische Lieder zu singen, ist das auch nicht.

Vielleicht sind ja die Leute, die immer gleich “Bazitrachten raus aus Stuttgart” rufen und posten, die eigentlichen Bauernlümmel? Denn was ist denn mit den Girls, die alle zusammen mit schwarzen destroyed Skinny Jeans durch’s Milaneo laufen? Ist euch mal aufgefallen, dass diese Tracht ursprünglich auch nicht aus Baden-Württemberg stammt – sondern aus Kate Moss?

Oder um es wie ein Fashion-Blogger zu sagen: “Not all distressed jeans are worn as a fashion statement.  Ripped jeans were simply a result of over-wearing.  Prior to the 1970’s, ripped jeans were mainly associated with the less fortunate…”

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