Re.flect Kolumne: Rotzbollen!

Da war ich doch mal wieder bei Reflect zu Gast. Mit Popel, Hund und Kolumne. Das neue Heftchen gibt’s hier. Die Kolumne hier. Und “Ja”, fĂŒr mich fĂ€ngt Heslach hinter dem Marienplatz an.

Hab eine Frau angelĂ€chelt. In der Bahn. Nur ganz kurz und sie schaute auch sofort angewidert weg. Was sie nicht wusste: man kann Menschen auch anlĂ€cheln, ohne mit ihnen reden, bumsen oder gemeinsam Kehrwoche machen zu wollen – zum Beispiel, weil sie wahnsinnig gut oder irgendwie witzig aussehen, weil’s halt einfach freundlich ist oder eben, naja: weil die Frau einen stattlichen Rotzbollen am linken Nasenloch hĂ€ngen hatte. Also, von mir aus gesehen links. Von ihrer Seite aus war das rechts.

Manchmal ist es wichtig, den Blickwinkel zu berĂŒcksichtigen – es Ă€nderte dennoch ĂŒberhaupt nichts an der Tatsache, dass sich der Popel fast poetisch an die Außenseite ihres NasenflĂŒgels schmiegte. Wie so ein Kunstwerk. Ich verzichtete natĂŒrlich darauf, sie auf den Rotzbollen anzusprechen. Man möchte schließlich nicht aufdringlich erscheinen.

Es erscheint mir aufdringlich genug, dass 13% der Deutschen zu wissen glauben, wovor sich die anderen 87% gefĂ€lligst zu fĂŒrchten haben. Das sind Leute, zu egoistisch, irgendwas zu teilen – aber wenn’s um Hass oder Angst geht, haben sie plötzlich die Spendierhosen an.

Nur ein paar Stationen spĂ€ter beschimpfte mich schon eine alte Dame, und das, obwohl ich nur blöd an der Haltestelle stand und auf die nĂ€chste Bahn wartete, so wie man eben auf eine Bahn wartet, die dann hoffentlich gleich kommt. Doch die Hemmschwelle fĂŒr öffentlichen Verbaldurchfall ist derzeit so weit unten wie der Anstand von Gerhard Schröder.

Die Dame durchschaute mich allerdings, zumindest grunzte sie, ganz grob, wie sehr sie von Gesindel wie mir die Schnauze voll hÀtte. Ich solle gefÀlligst dorthin verschwinden, wo ich hergekommen sei.

Ich: „HĂ€?“
Sie: „!%§“§/§%??!!!“ 

Da sie derart bockig war, beschloss ich, ihr unter keinen UmstĂ€nden anzuvertrauen, dass dies sowieso meine ursprĂŒngliche Absicht war: Dort hinzugehen, wo ich herkomme. Heslach. Wenn ich ehrlich bin, dachte ich sogar „Fucking Heslach!“

Sagte ich natĂŒrlich nicht, weil hauptsĂ€chlich Doofe so reden. Außerdem: Es gibt Bahnlinien, in deren Einzugsgebiet die Kommunikation sehr groß geschrieben wird. Manche Leute reden da sogar mit sich selbst.

Aber manchmal ist man halt etwas unsicher. Bin ja oft genug selbst wĂŒtend, das muss dann raus, wie so ein Hund. Möhringen bietet in solchen Fallen ungeahnte Chancen. Wenn ich wĂŒtend bin, ĂŒberlege ich mir zum Beispiel, was besser fĂŒr diese Ecke der Stadt wĂ€re: Mal ordentlich durchgentrifizert zu werden oder doch so ein G20-Gipfel. Und das alles nur, weil mir ein Furz quer hĂ€ngt und die Wut irgendwo raus muss – und ich wohne nicht mal dort.

Andererseits, richtig schlimm wird’s erst, wenn Matratzen Concord im Stadtteil die Filiale aufgibt und dafĂŒr ein DĂ€nisches Bettenlager einzieht. Da wird die Bahn dann zum Geschenk des Himmels, so wie der Hafen in Hamburg. Man kann trĂ€umen oder halt ganz schnell weg.

Als ich endlich wieder in Fucking Heslach war, atmete ich tief durch. Ein wildfremdes Kind lĂ€chelte mich schief durch die ZahnlĂŒcken an, ein Typ sprach mit sich selbst, der Kerl aus dem Tabakladen grĂŒĂŸte freundlich und erkundigte sich, ob ich mit den Zigaretten aufgehört oder was ich sonst fĂŒr eine Ausrede vorzubringen hĂ€tte, schon seit zwei Tagen nicht mehr bei ihm am Tresen gestanden zu haben.

Die Truppe vom Punkerladen schrĂ€g gegenĂŒber war auch da – kurz abklatschen, Blödsinn reden, lachen. Ronny den Hund, habe ich auch gesehen. Er sagte aber lieber nichts. Der weiß genau, dass ich ihn auf dem Kieker habe, seit er mal meinem HundemĂ€dchen so lange beim Spielen zugeguckt hat, bis sie erschöpft war – und dann versuchte, sie zu bumsen.

Streng genommen wĂŒnsche ich mir ja, dass die HĂŒndin glĂŒcklich und lesbisch ist. Ich kenne VĂ€ter, die Ă€hnlich ĂŒber die Zukunft ihrer Töchter denken.

Verzeihung, ich schweife ab. Der Mann am Tresen vom Yayla Kebap, der im Sommer immer sehr schwitzen muss, grĂŒĂŸte auch freundlich aus dem Laden heraus, fragte, was derzeit so anliegt und sprach dann die magischen Worte: „Halloumi, oder?“??

Ich: „Naguuut, Okeee.“

ZahnĂ€rztin durch die Fensterscheibe gegrĂŒĂŸt (hatte Feierabend), noch’n Ayran auf Ex weggepumpt, „TschĂ¶Ă¶Ă¶â€œ und „Dankeschön“ gesagt und dann ab nach Hause. Auf dem Zebrastreifen vor dem Haus hĂ€tte mich fast noch einer mit dem SUV Mittelklasse-Panzer ĂŒberfahren, bremste aber noch rechtzeitig. Autos mit derartigen Ausmaßen vermitteln mitunter den Eindruck, man sei alleine auf der Welt.

Er: „Sooorrryyyy!“?
Ich: „Passiert, kein Problem.“

Manchmal macht mich das alles so ekelhaft milde, dass ich vor lauter „Peace, Love & Understanding“ fast noch die verkackten Tauben an der Ecke zum Essen eingeladen hĂ€tte. Nix daran ist lustig, das wusste schon Elvis Costello. Doch wenn ein Tag so zu Ende geht, kann der Morgen gerne wieder kommen. Da ist schließlich eine Wahrheit, die es zu verteidigen gilt.

Und: „Öhm, Verzeihung. Sie haben da etwas Popel an der Nase hĂ€ngen“

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