“Öhm, Bier ist alle!” – Ausstellungseröffnung “Wie der Punk nach Stuttgart kam”

Beratungsresistenz, Performancekunst oder Provokation – die Übergänge sind fließend. Nach 40 Jahren Punk hat eigentlich jeder verinnerlicht, dass bei derartigen Veranstaltungen immer ausreichend Bierspezialitäten kredenzt werden sollten.

Im Württembergischen Kunstverein stehen derweil zwei bemitleidenswerte Jungs am Tresen und hauen die letzten Flaschen raus. Einer fordert die Kundschaft auf, bitte selbst den Endbetrag aus drei handwarmen Bier plus Pfand inklusive Spende für www.hasshilft.de zusammenzurechnen.

Dann kommt der große Moment, in dem der andere Performancekünstler die unbequeme Wahrheit schonungslos aussprechen muss: „Öhm, Bier ist alle!“ – und das als die Vernissage von „Wie der Punk nach Stuttgart kam & Wo er hinging“ gerade mal zwei Stunden alt ist. Sagenhaft echt. Oder wie der Influencer sagt: „authentisch“.

Doch „Wie der Punk nach Stuttgart kam & wo er hinging“ war auch schon kurz davor große Kunst: Hans D. Christ, Chef vom Württembergischen Kunstverein versucht, die Gäste zu begrüßen, aber das Mikrofon funktioniert nicht.

Mehrere Leute rufen „lauter!“. Immer wieder. Plötzlich schreit einer „schneller!“, ein anderer “härter!” – und eventuell habe ich „Basssolo!“ gerufen, weil ich das so als Jugendlicher auf Konzerten hier in der Region gelernt habe. Auf Ausstellungen bin ich damals nicht gegangen. Keine Ahnung, wie man sich da standesgemäß verhält.

Die Ausstellung im Württembergischen Kunstverein ist wiederum das erweiterte Rahmenprogramm zum Projekt mit Buch und der Platte, das in liebevoller Fuzzelarbeit die Anfänge der städtischen Punkkultur dokumentiert –  Flyer, Lebensgefühl, Zeitungsartikel, Clubs, besetzte Häuser, Kneipen, Stadtgeschichte, Plattenläden und nicht zuletzt: Menschen. Denn Menschen sind wichtig.

Simon Steiner, Barry Barny  Schmidt und Norbert Prothmann haben das mit Hilfe der Leute zusammengetragen, die damals irgendwie auch dabei waren und mitgemacht haben. Gemeinsam mit Uli und Shanti Schwinge von EDITIONrandgruppe wurde das alles in äußerst ansprechende Form gepackt. Voll gut. Mehr dazu gibt’s hier.

Viele Ehepaare sind heute in nur in dezimierter Besetzung anwesend. Einer sagt, „ging nicht anders, die Frau passt heute auf den Kleinen auf“. Kurze Stille, dann sagt jemand: „Samma, das Kind ist jetzt aber auch schon 20 Jahre alt, oder?“

Wenn’s gut lief, sind solche Kinder gerade nebenan im Goldmarks bei Demented Are Go, wo die Kultur gerade in Echtzeit gelebt wird. Wenn’s erzieherisch etwas holpriger wurde, sind die Sprösslinge gerade beim HipHop – „Jessas, was da die Nachbarn denken.”

Ein Papa hat das voluminöse Buch gekauft: es ist groß, sperrig und wiegt drei Kilogramm. Die Tochter zeigt sich verständnisvoll: er darf den Wälzer bei ihr im Auto zwischenlagern. Sie muss dann aber langsam los. Wahrscheinlich irgendwo hin, wo nicht so viele alte Menschen von früher reden.

Vereinzelt hört man 40-Jährige, die erfreut sind, den Altersdurchschnitt zu drücken. Und auch das muss man nach 40 Jahren Punk mal sagen: Die alte Generation wird immer erstmal doof auf die jüngeren Generationen herabschauen, dann wird’s irgendwann freundlicher.

Als ich mir mit 14 Jahren die Strassenjungs im Jugendhaus angeschaut habe, wollte mich ein fast erwachsener Punker verhauen, weil ich ein Slayer-T-Shirt trug. Ich hoffe seitdem, dass der Sack später ganz oft in Socken auf die Legosteine seiner Kinder getreten ist.

Ganz blöd verknappt: Das Buch, die Platte und das ganze Drumherum ist ein wirklich wertvolles Stück Stuttgarter Kulturgeschichte – und eine Geschichte, die nach 40 Jahren halt nicht mehr wie früher aussieht und mittlerweile auch anders riecht. Nix davon ist schlecht, im Gegenteil. Wir zitieren den großen MC Großmaul – zumindest habe ich den als Urheber in Verdacht – “HipHop darf nicht HipHop bleiben, damit HipHop nicht HipHop bleibt”. Das gilt für alle.

Die Ausstellung „Wie der Punk nach Stuttgart kam“ läuft noch bis zum 8. Oktober im WKV, Am Schlossplatz. Toll.

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