Staubi? Feini!

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(Bild Landeshauptstadt Stuttgart) 

Irgendwie drehen so langsam alle am Rad, da fällt einem nur noch so ne Gaga-Headline ein.

Wer einen stabilen Magen hat, darf  gerne Twitter nach dem Hashtag #feinstaubalarm filtern. Aufgebrachte Bürger pochen auf ihr Grundrecht auf freie Überholspur und XXL-Parkplatz für den SUV im HSV.

“Wieso lassen nicht einfach alle Wähler der Grünen ihre Karre stehen und die normalen Leute in Ruhe?”

Logik wie frisch aus Trumps Hauptstadtbüro. Klar, kann man ignorieren, auch wenn es in einer Stadt, in der sich morgens Kolonnen von einzelbesetzten Porsche in Richtung Zuffenhausen schieben, etwas schwer fällt.

Aber die lokalen Tageszeitungen machen der Debatte noch mal richtig Feuer unter dem Hintern und feuern Headlines und Agenturmeldungen so schnell aus dem Redaktionsrohr, dass sich Logik und Fakten noch verzweifelt umschauen, als Klicks und Likes schon längst dort eingeschlagen sind, wo man sich die gute alte CDU-Regierung zurückwünscht.

Da kommt dann so ein schöner Facebook-Post wie dieser bei den Stuttgarter Nachrichten raus:

“Die Feinstaub-Gegner fordern Fahrverbote und werfen Politik und Autoherstellern „kollektives Versagen“ vor.”

Da kommt man aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus, denn, wenn man der Logik des Satzes folgt, muss man sich einerseits fragen, wer dann die Nicht-Gegner sind, die Feinstaub voll supi finden? Und andererseits, wie lange man demonstrieren müsste, bis der doofe Feinstaub endlich genug hat und sich aus der Stadt verpisst?

Dann gibt es noch einen auf den ersten Blick ganz vernünftiges Interview mit dem Chef der Auto-Sparte von Dekra. Der erklärt relativ glaubhaft, dass Elektroautos in Bezug auf Feinstaub nicht viel besser sind als Benzin- oder Dieselautos, weil die Wiederaufwirbelung das Problem ist. Was da aber aufgewirbelt wird und wo das herkommt, das wird leider nicht erklärt (mehr dazu auf Wiki).

Dann geht es noch darum, wie viel der Feinstaubbelastung überhaupt am Ort der Messung entsteht (6% Abgase und 31% durch Abrieb von Reifen und Bremsen sowie der erwähnten Aufwirbelung) und wieviel eh schon in der Luft ist. Und dass es außer Autos natürlich noch andere Ursachen wie die privaten sog. “Komfortkamine” gibt.

Und das mit den Autos kann man laut Dekra-Mann auch in den Griff bekommen. Vielleicht endlich mit Fahrverboten? Neeeee… Indem man die Straßen reinigt, weil nach Regen sind die Werte immer besser. Und das Autofahrer-Lieblingsargument: Der Verkehr muss fließen wie der Schnaps im Corso!!!1!11!! (Was in der Theorie richtig sein mag, in der Stuttgarter Praxis das Verkehr-Aufkommen, gerade in den Hauptzeiten, ganz offensichtlich zu groß ist.)

Da passt doch eine dpa-Meldung wie die Faust aufs Auge dieser unglaublich nervenden “Feinstaub-Gegner”, die am Dienstag rumging: Wegen der Demo war Stau, und wegen dem Stau ging die Feinstaubbelastung hoch, zwischen 17 und 18 Uhr wurde ein Spitzenwert von 128 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft erreicht! Waaaaaaaaa!

Aber Moment mal: Hat der Dekra-Mann nicht gesagt, dass nur ein Teil des Feinstaubs vor Ort entstehen? Ups! Hätten die Kollegen von STZ und STN ihren eigenen Artikel gelesen, hätten sie die Falschmeldung der dpa (die nicht mehr im Netz zu finden ist) vielleicht nicht ungeprüft verbreitet: Es stimmt nämlich gar nicht, dass die Demo schuld ist. (“Die sehr hohe Konzentration hängt aber nicht mit einem durch eine Demo verursachten Stau auf der B14 zusammen.”)

Bei Twitter begnügen sich die Zeitungen dann auch damit, auf die Falschmeldung der dpa hinzuweisen – einen Hinweis darauf, dass man die Meldung selber verbreitet hat, findet sich nur nach langem Suchen am Ende des überarbeiteten und mit einer neuen Headline versehenen Artikels.

Aber hey, Feinstaubalarm, was soll’s. Geht auch vorbei.

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