Red Dog Erinnerungen

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(Bild FB VA Red Dog @ Climax) 

Am Montag beendete das Climax seinen 20-jÀhrigen JubilÀumsmonat mit einer Red Dog Revival Party mit den DJs von damals: Tiefschwarz. Die StZ/Stadtkind hat aus diesem Anlass einige (alte) Leute um ihre Red Dog-Erinnerungen gebeten, darunter auch Thorsten und mich.

Bei mir ist es etwas ausufernd geworden, obwohl ich aufgrund meines Alters ehe das Ende live erlebt habe und die oft besungenen, angeblich so hemmungslosen, bisweilen spontan textilfreien NĂ€chte nicht erlebt habe. Im Anschluß noch eine Review von Montag von Thorsten. 

Im MĂ€rz 1997 habe ich im Red Dog meinen 20. Geburtstag gefeiert. Mein Gebi-DJ war sozusagen Felix Da Housecat, der an diesem Abend gebucht war. Davon weiß ich allerdings nicht mehr viel mehr, außer dass es großartig war (natĂŒrlich) und eine Freundin von mi nach dieser Nacht vom House-Flash ergriffen war (die ganze Nacht nonstop durchtanzen kann eine Erleuchtung sein und geht am besten auf die Musik). Außerdem war Felix da Housecat damals noch ein versierter, fokussierter House-DJ, heutzutage er ist eher eine Vollgas-Entertainment-Maschine.

Außerdem war ich den Sommer 1996 lang in ein MĂ€del im Red Dog verknallt. Sie kam aus Reutlingen und es Monate gedauert bis es wir geschafft haben, uns vorzustellen (oder bis ich halt mal die Klappe aufbekommen habe, ja). Dabei haben wir quasi fast jeden Samstag auf den Treppen getanzt, auf dem Quadratmeter kurz bevor man den Dancefloor betritt. Nach dem Red Dog Ende habe ich sie noch einmal gesehen, auf einer der Red Dog geht Gassi Partys im Waldheim Raichberg.

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(Red Dog geht Gassi, Foto-Credit DJ Friction)

Man muss das Red Dog im Kontext von damals und im Vergleich zu heute sehen, Stuttgart Nightlife Mitte der 90er, House in Deutschland Mitte der 90er. Heutzutage lĂ€uft ja grob gesagt in jedem Club/Bar entweder HipHop oder eben elektronisch. Also egal ob du ins Kowalski, Climax, SchrĂ€glage oder meinetwegen in die Tequila Bar gehst, es kommt immer irgendwie „Clubmusik“, weil die sich in den letzten 20 Jahren auf breiter Ebene durchgesetzt hat, eine Errungenschaft der 90er sozusagen.

Wenn du aber damals auf House/Techno (oder HipHop) feiern wolltest, musstest/konntest du gezielt in ein, zwei oder drei LÀden gehen. Und das waren CLUBS. Alles andere waren DISCOS. In Discos lÀuft Radiomusik. In Clubs nicht.

Wir waren frĂŒh Techno-House-interessiert und wollten in die Clubs, wir mussten zum Angebot, das rar war. Musik stand im Fokus. MĂ€dels waren meist egal (bis auf die Reutlingerin) und ich war in meinen ersten Clubjahren ein schlechter Gast mit zwei, drei Colas am Abend. Und man war, auch wenn die Love Parade zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich explodiert ist und Techno natĂŒrlich schon sehr weit verbreitet war, immer noch eine Art „Party-Außenseiter“.

Die anderen Menschen gingen halt in ihre Mixed Music Disco und Kneipe, freuten sich ĂŒber Cotton Eye Joe oder weiß der Teufel was und gingen um 1 Uhr dicht nach Hause.

Ich weiß noch, als wir einmal Sonntagmittags zu Abitur-Zeiten ein Treffen bzgl. dem ganzen Abiball- und Co-Quatsch hatten. Als ich auf die Frage, was am Samstag ging, erzĂ€hlt habe, ich war bis um 5 Uhr im Red Dog, haben meine MitschĂŒler nur irritiert mit den Augen gerollt.

Das Red Dog war schon zu seinen „Lebzeiten“ eine Art Mythos. Vielleicht auch nur fĂŒr uns, weil wir viel darĂŒber gehört haben und lange nicht reingekommen sind (zu jung), im Gegensatz zum M1, wo wir sofort rein durften – mit 18 schon.

Musikalisch verfolgte das M1 eher einen rougheren Chicago House-Ansatz, wĂ€hrend das Red Dog, betrieben eben von Ali und Basti Schwarz, zumindest  vom Ruf her fĂŒr wĂ€rmen, sanfteren Vocal-House stand. Eigentlich war wir anfangs mehr Raver und standen auf Techno, aber das hat sich in den Mitte 90er nach und nach gewandelt, eben auch durch den Einfluss von M1 und Red Dog.

Als das erste M1 (heute ungefĂ€hr Ufa-Palast) zum Jahreswechsel 1995/1996 geschlossen hat, gingen wir eine zeitlang ins Tier (wo man uns dann Gott sei Dank dann reingelassen hat, war anfangs auch nicht der Fall), das aber im Juni 1996 schloss und es dann ein paar Monate lange wirklich nur noch das Red Dog also House-Angebot gab. Das Climax eröffnete im Oktober in der Friedrichstraße, war aber die ersten Monate kein Thema fĂŒr uns und dann kam das zweite M1 (heute Europaviertel).

Nochmals: Es lief also in genau EINEM Laden in dieser Stadt House aka elektronische Tanzmusik, wie man heute sagt. Das ist genau der Grund, warum ich zwischenzeitlich nur laut lachen muss, wenn mal einer von vielen LĂ€den zu machen muss, aus welchem Grund auch immer, und dann irgendwelche Hörschte das Ende der „Subkultur“ heraufbeschwören (und scheiß Stuttgart bumuhuhu!1!1!!!!).

SpĂ€testens nach dem Tier-Closing waren wir dann gefĂŒhlt jeden Samstag im Red Dog – mit dem Wissen, dass es hier auch nicht mehr so lange geht (ich kann mich nicht mehr die GrĂŒnde erinnern, warum das Red Dog Mitte 1997 zugemacht hat). Blöd gesagt, war ich immer leicht zu spĂ€t dran (oder glĂŒcklicherweise etwas jĂŒnger als manche anderen), um einen langfristigen Gesamteindruck zu bekommen.

Das Red Dog war prinzipiell Ă€hnlich aufgebaut wie das Climax, DJ-Pult und Bar waren an derselben Position (das DJ-Pult auf jeden Fall), es war alles etwas rötlicher und wenn man die Treppen herunter kam, waren gleich links zwei große Sofa-Ecken. Der Vibe war durchweg positiv, nie AggressivitĂ€t, was natĂŒrlich an der musikalischen Selection der Gastgeber und ihren mitunter namhaften GĂ€sten lag, die Ali und Basti in den kleinen Laden reinstellten, darunter echte Stars dieser Phase, erinnere mich an einen Auftritt von Barbara Tucker, die House-Performerin schlechthin dieser Zeit.

Wir ging da einfach hin, um „unsere“ Musik zu hören und um stundenlang (gemeinsam) zu tanzen und sich treiben zu lassen – also wahrscheinlich wie heutzutage das Publikum im Climax.

Vielleicht mit dem Unterschied, dass die Musik damals neuer und unbekannter war und man sich erst herantasten muss, was neben dem Plattenladen eben auch maßgeblich ĂŒber die Clubs stattfand, wĂ€hrend heutzutage man den Sound quasi von kleinauf in irgendeiner Form auf allen KanĂ€len serviert bekommt.

Damals war halt doch noch mehr “Aufbruchstimmung”, man wusste nicht so wirklich wohin die Reise geht, die Stile bzw. die Untergenres Ă€nderten sich noch regelmĂ€ssig, es erschienen jeden Monat neue Tracks, die dich umgehauen haben. Heutzutage wirkt ja alles sehr weit entwickelt und die Stil-Revivals hĂ€ufen sich (Deep, Minimal, Acid etc.). Kann jetzt natĂŒrlich auch am Alter liegen und fĂŒr einen 20-jĂ€hrigen ist auch heute noch alles total geil.

Wir hatte eine super Zeit (wie das halt so ist, wenn man um die 20 ist) und ich froh bin, sagen zu können: Ich war dabei, ich habe es erlebt, als House in Stuttgart richtig groß geworden ist. Und das Red Dog hat dazu seinen Teil dazu beigetragen.

P.S.: Eine lustige Geschichte habe ich noch, bzw. ich finde sie sehr lustig. Im Red Dog fand  ja auch der HipHop-Mittwoch statt, was gerade auch im Sommer 1996 bedeutete: davor rumstehen. Ich habe ein paar Monate zuvor einen Typen kennengelernt, der spĂ€ter eine große Karriere bei Four Music starten sollte, das Label war da ja noch ganz neu und voll auf HipHop geeicht.

Im Sommer 1996 war besagte Person allerdings noch der House-Fanatiker schlechthin. Als ich eines Sommerabends die Red Dog-Treppen runterging, unten lief glaub sogar gerade California Love, kam er mir entgegen nach oben und ich fragte ihn, wie es unten denn so sei. Er antwortete nur: „Was soll ich sagen, HipHop, Affen-Musik halt.“

Aber zwei, drei Jahre spĂ€ter eben fĂŒr die Fantas arbeiten und Four Music beschde ĂŒberhaupt. Sagt auch viel ĂŒber die Zeit damals aus. 😉

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(Red Dog geht Gassi mit Freundeskreis) 

Thorstens Erinnerungen: 

Wir waren zu der Zeit eigentlich voll auf Techno, sind aber “trotzdem” öfters ins Red Dog. Das war damals noch ein Unterschied. Auch mittwochs – anders lautender GerĂŒchte zum Trotz – ist dort der Hip-Hop-Mittwoch entstanden, nicht im Inner Rhythm (das war spĂ€ter). Gehostet von DJ Thomilla und Matze Bach alias Großmaul, da hat sich jeden Mittwoch die “Szene” getroffen. Wir sind immer frĂŒh hin, weil der Eintritt bis Mitternacht frei war – und wir haben in Zuffenhausen gewohnt und mussten auf die letzte S-Bahn.

LegendĂ€r und unvergessen bleibt natĂŒrlich “Red Dog geht Gassi” im Waldheim Raichberg auf der Waldebene Ost. TagsĂŒber Hip-Hop und BBQ draußen, abends drinnen House mit Tiefschwarz. Und ja, ich war dort bei einem der allerersten Freundeskreis-Auftritte – es hat geregnet und Max stand auf der BĂŒhne und performte “Anna – immer wenn es regnet”. Bei einer anderen Party dort lief in der HĂŒtte, so lange alle draußen waren, der Tiefschwarz-Remix von “Free” von Ultra NatĂ© auf Dauerschleife – die mega Hymne damals.

Masters At Work habe ich im Red Dog leider verpasst, aber ich erinnere mich (s. die Gute-Nacht-Geschichte) an “Rache 96”. Alle Fantas waren da, Michi Beck hat aufgelegt, die Ärzte und noch einige mehr Promis haben sich blicken lassen. Ich mĂŒsste irgendwo auch noch ein Tape aus dem Red Dog von Michi Beck haben – damals war es völlig okay, dem DJ ein Tape zu geben und zu fragen, ob er mitschneidet.

Witzige Anekdote am Rande: An einem Abend habe ich Ali Schwarz im M1 (dem zweiten im jetzigen Europaviertel) gesehen – damals eigentlich undenkbar. Das waren zwei Welten, Red Dog war “Underground”, M1 fast schon “Kommerz”. SpĂ€ter haben Tiefschwarz dort aber auch aufgelegt. Tiefschwarz haben auch viele Partys außerhalb des Red Dogs gemacht – es gab mal ein Geht Gassi in Konstanz auf dem Boot, wo alle mit dem Bus-Shuttle hingefahren sind. Und es gab die “Sex”-Party im Stripclub im Hans-im-GlĂŒck-Areal, in den spĂ€ter der Hi Club eingezogen ist. Einlass nur mit Einladung und entsprechendes Ambiente…

Thorstens Review zur red dog returns-Party an Halloween

Was soll man von einer “Revival-Party” erwarten? Dass nix mehr so ist wie frĂŒher, eh klar. Aber anders als die leider zu Tode gerittenen Oz-Revival-Partys in den abartigsten Locations sind es in diesem Fall halt einfach die gleichen Treppen, die ich vor ĂŒber 20 Jahren schon runtergelaufen bin.

Schon im Zwischengeschoss, von dem aus wir nicht selten das Treiben auf der red dog TanzflĂ€che beobachtet haben, begrĂŒĂŸt mich Lukas Pierre Bessis mit den Worten “Willkommen bei der Ü40-Party”. Klar, alle da, alle wollen noch mal gucken ob es sich gleich anfĂŒhlt wie frĂŒher.

Aber ist ja nicht schlimm, heutzutage sehen 40-50-jĂ€hrige zum GlĂŒck nicht mehr wie Vor-Rentner aus, der Laden ist gut gefĂŒllt, Ali und Bast legen zusammen auf (was nicht so oft vorkommt) und die meisten Leute laufen mit diesem “Kenn ich die oder den vielleicht?”-Blick rum.

Und natĂŒrlich sind nicht alle, aber viele von damals da. Sabse und Nancy, Marlena, Dennis – ich war damals nicht mal annĂ€hernd im “Inner Circle”, aber ich erkenne viele Gesichter. Die Musik ist super, zum GlĂŒck aber nicht Retro, aktuelle Stomper werden ab und zu mit alten Hits aufgelockert.

Die TanzflĂ€che ist voll, die Stimmung top, viele HĂ€nde in der Luft. Und ich gebe zu, als dann tatsĂ€chlich der damalige red dog-Barmann David Whitley (Der ist es doch, oder? Verzeihung falls ich da komplett auf dem falschen Dampfer bin) das Mikro nimmt und in bestem Wildpitch-Style ĂŒber Beats live singt, wie er es auch im red dog getan hat – ich gebe zu, da hatte ich kurz GĂ€nsehaut.

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