Keepin’ It Bühl

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Ach, toll, das ging ja flottikarotti. Endlich Herbst am Rotebühlplatz, Hort der Gemütlichkeit. Die Ärmel werden wieder länger, die Kleidchen auch und die Tribal-Tattoos werden auch wieder unter der Alpha Industries Übergangsjacke verstaut. Man motzt sich endlich wieder gegenseitig in die Fresse und wünscht dem Anderen einen nässenden Ausschlag ans Gesäß – Herbst in se Siddie, Winter Is Coming. Lieber einen Helm kaufen.

„Wir haben zu viel Müll und Gesocks ins Land gelassen“, schnauzt mich ein Rentner an und wischt dabei mit der Hand in meine Richtung, als würde er hoffen, ich möge dadurch umfallen oder mich einfach in Luft auflösen. Tinder soll so ähnlich funktionieren.

„Es wird Zeit, dass endlich wieder einer kommt, der aufräumt“, zischt er mich an. Und ich befürchte, er meinte damit weder mich, noch jemandem vom städtischen Reinigungsteam. In derartigen Situationen hasse ich mich für meinen krankhaften Optimismus. Man kann beispielsweise sehr viel schlecht finden an Hitler, aber immerhin hat er sich selbst umgebracht.

Andererseits gestehe ich jedem Rentner seinen Hass zu. Im schlimmsten Fall blicken Senioren auf weit mehr unzufriedene Jahrzehnte, geplatzte Hoffnungen und Kollateralschäden zurück als ein Großteil von uns hier. Wenn Senioren hassen, dann zum Glück noch analog. Auch da siegt mein innerer Optimist: Man stelle sich nur mal vor, die hätten schon in den 1930er Jahre Internet gehabt.

Ich musste trotzdem lachen, weil hier am Rotebühlplatz im Frühling einmal sehr große Kackbollen lagen. Kein Hund hätte das hinbekommen, ohne sofort ohnmächtig zu werden. Da lag aber damals kein Hund. Ich denke, dass dafür wahrscheinlich Polizeipferde verantwortlich waren. Die haben es auch nicht leicht. Kaum jemand hat einen mieseren Job als Polizeipferde. Sie stehen stolz dazwischen wenn Welten aufeinanderprallen.

Es ist völlig in Ordnung, in solchen Fällen ordentlich auf den Bürgersteig zu kacken. Wahrscheinlich ist diesen Pferden nicht bewusst, dass sie als Beamte eigentlich auch so eine Art Vorbildfunktion haben. Doch gemeinhin machen sich Tiere vermutlich wenig Gedanken um Lohnsteuer, Etikette und derartigen Quatsch.

Und eins ist auch klar: Bei einem derartigen Alltag bringt ja auch nichtmal mehr saufen etwas. Obwohl am Rotebühlplatz eigentlich ganz gerne gesoffen wird.

Ab zwei Promille tragen hier nachts viele ihren Durchfall auf der Zunge spazieren. Beziehungsweise glauben, dass sie ausgerechnet im Vollsuff endlich herausgefunden haben, weshalb es ihnen nicht so geil geht, wie ursprünglich erhofft. Acht Jägermeister später spucken sie beim Reden, grüßen mit der Faust und schlafen später zufrieden in ihrem eigenen Erbrochenen ein.

Rotebühlplatz – diese Drehscheibe der Harmonie und Liebe. Da wird vielen schwindelig.

Mir gefällt es dort trotzdem immer besser. Das ist wie Facebook, würde man vorher allen die Daumen abhacken. Trostlos – aber zumindest ehrlich. Hier findet kaum jemand etwas gut. Es ist einer dieser Orte, an den kaum einer absichtlich hingeht – beziehungsweise: jeder muss da halt vorbei und ist nur deshalb da.

Die einen tragen dabei ihr Leben in Taschen und Rucksäcken mit sich herum, die anderen in Einkaufstüten. Und manchmal ist auch nicht klar, ob das Polizeiaufgebot am Rotebühlplatz ein Zeichen von innerstädtischer Sicherheit ist, oder einfach nur bedeutet: „Mittagspause beim Sparback! Alle!“

Aber ich lerne täglich etwas dazu. Zum Beispiel:  Ein beachtlicher Teil der Leute, die bereits am Vormittag nach Schnaps riechen und Selbstgespräche führen – Sie tragen Mützen, auf denen „Germany“ steht.

Andere bauen dort derweil Werbestände für ihren Gott auf – Jesus, Jehova und Tom Cruise zum Beispiel. Echte Teufelskerle und harte Kundschaft für göttliche Verkaufsgespräche. Hier stehen bereits am Morgen Securities vor dem Netto-Supermarkt an der Ecke, spiritueller wird das nicht mehr am Ghetto-Netto.

Andererseits: dort kannste halt noch Mensch sein oder eben vor dem Mittagessen ein Fläschchen Chantré auf das Band stellen, ohne doof angeschaut zu werden.

Ich freue mich auch über die Kleinigkeiten. Eine Freundin erzählte mir, eine Backwarenfachverkäuferin am Platz hätte ihr mal das Brot längs geschnitten. In meiner Welt bedeutet das: „Super! Dann passt mehr Nutella drauf.“  Und ich bin Fan der Buchhandlung Steinkopf. Das ist mein Amazon. Morgens rein, bestellen und am nächsten Morgen abholen. Und die Mitarbeiter wirken trotzdem glücklich.

Manchmal gebe ich mich hier auch knallhart der Melancholie hin und denke an diesen einen Sommer am Rotebühlplatz: Annähernd jeden Tag kam eine blonde Frau vorbei. Schicke Handtasche, Pullover locker um die Hüften gebunden und ein Mobiltelefon in der Hand. Sie wäre kaum aufgefallen, wenn sie nicht ständig in einer mir nicht verständlichen Sprache und unverhältnismäßig laut ins Telefon gebrüllt hätte.

Meistens lief sie direkt zum Telekom-Fernsprecher an der Ecke und nahm den Hörer ab. Dann schrie sie abwechselnd in beide Telefone, während sie immer wieder den Hörer gegen die Säule schlug oder verzweifelt dagegen trat und immer lauter brüllte. Bis sie weinte. Dann lief sie weiter. Ich hoffe, sie hatte trotzdem ein Ziel. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen.

Mittlerweile kommt am Anfang der Woche manchmal ein verwirrter Mann. Auch er brüllt den Fernsprecher an und tritt dagegen. Meistens läuft er dann über den Platz und beschenkt wahllos Passanten mit dem immer wieder gleichen Kraftausdruck. Gelacht habe ich erst als er das Außenmobiliar der Döner-Bude ebenfalls laut und deutlich “Fotze” nannte.

Er beugte sich dabei über einen Tisch, an dem keiner saß und schien dennoch irgendwas zu sehen. „FFFFootzee“ zischte er. Er sagte auch nicht, ob man das nun mit “F” oder “V” schreibt. Es ist allerdings auch egal, wenn man das nur sagt oder schreit. Klingt immer gleich – es ist die Melodie der Dummen, Verwirrten oder Überhitzten.

Mir fällt zumindest kein vernünftiger Grund ein, auf der Straße laut “Fotze” zu brüllen. Es sei denn, jemand heißt tatsächlich so. Aber auch dann ist das noch immer seltsam genug. Falls ich je jemanden kennenlerne, der so heißt werde ich behutsam analysieren, nichts überstürzen und schon gar nicht brüllen.

Denn ist es der Nachname, dann ist das halt Pech und eventuell empfiehlt es sich, zeitnahe jemanden zu heiraten, der nicht so heißt. Ist es der Vorname, werde ich mehr als nur freundlich sein. Denn die Befürchtung liegt nahe: das war damals kein Wunschkind. In beiden Fällen: „Viel Glück“.

Mit viel Glück treffen wir uns zum Beispiel in der Apotheke wieder. Ich mache mir da gar nichts vor: Ab einem gewissen Alter wird man häufiger auf Beerdigungen als auf fancy WG-Partys eingeladen. Die Apotheke wird da leicht zum Ort, an dem es tatsächlich noch etwas Hoffnung gibt.

Mindestens 90% meiner Gebrechen bewältigte ich beispielsweise locker durch eine zwanglose Erstbehandlung bei gewissenhaften Apothekern. Manchmal flüstere ich dabei auch lieber. Meistens gibt’s sogar noch ein Traubenzuckerle und ein Päckchen Papiertaschentücher.

Die singende Fernseh-Moderatorin Ina Müller war früher mal Apothekerin – beziehungsweise, das heißt: „pharmazeutisch-technische Assistentin”. Sie erzählte mir mal, dass man bei dieser Arbeit mit allem rechnen muss – offenen Beinen auf dem Tresen und Zeug, das eitert. Ich sagte „Ui!“ und wir saßen dabei auf der Hinterbank eines Kleinbusses.

Das wiederum erzähle ich jetzt nur, um etwas weltmännischer zu wirken. „Boh geil, mit Ina Müller auf dem Rücksitz.“  Es war allerdings ein beidseitig berufliches Date: ich befragte sie und sie antwortete. Lügenpresse und so. Aber dennoch war das ein bisschen wie Sex: Ich hatte deutlich mehr Spaß als sie.

Trotzdem fänd’ ich es toll wenn die Müller am Rotebühlplatz in der Apotheke arbeiten würde. Dann könnte ich morgens den Kopf zur Schiebetür reinhängen “Morgen Ina!” rufen und sie würde mir einen träumerischen Refrain von irgendeinem Typen mit mieser Frisur und Gitarre entgegen schmettern. Dann Highfive, vielleicht ein Vodka-Doppelherz und dann weiter. Träume sind super – wenn’s draußen kalt und herzlos ist.

Und jetzt muss ich gerade lächeln, weil ich mich an die Frau mit Kopftuch – vermutlich potentielle Terrorbraut oder Muslima – erinnere. Sie arbeitete tatsächlich in einer Apotheke und begrüßte mich und meine Gebrechen mit herzerwärmendem Charme.

Ich: „Grmpf. Morgn“
Sie: „Hallooho! Grüß Gott!“
Ich: „Also, jetzt werden Sie aber mal nicht schnippisch!“

Nee, hab ich nicht gesagt, nichtmal gedacht. Denn eigentlich habe ich mich nur über etwas Wärme gefreut. Ich stehe auf so einen Scheiß – lächeln, grinsen und freundlich sein. Gerne auch mal grundlos. Die Gründe für das Gegenteil machen schließlich auch selten Sinn.

Winter is Coming. Das wird kalt genug.

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