Morgens ist die Welt noch in Ordnung

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Favourite Unterarm-Tattoo (formerly known as was man früher anderen ins Poesiealbum geschrieben hat): Wann hast du zum letzten Mal etwas zum ersten Mal gemacht?  Ich war neulich zum ersten Mal in meinem Leben in London, ohne Klamotten einzukaufen; ich stand letzte Woche zum ersten Mal in einem Klasse- bzw. Seminarraum auf der Seite, wo einen alle angucken; vor ungefähr einem Jahr war ich zum ersten Mal so lange morgens im Climax, bis das Licht anging.

Und etwas ähnliches wollte ich jetzt zum ersten Mal machen, nur andersrum: Früh aufstehen, ohne zu müssen. Ist sonst nicht so mein Ding. Ich bin Nachtmensch, wie man so schön sagt. Mir fällt es abends genauso schwer ins Bett zu gehen, wie morgens aufzustehen.

Wobei ich beim Aufstehen diszipliniert bin: Wenn der Wecker klingelt stehe ich ohne zu Snoozen und aufs Handy zu schauen auf. Aber nur wenn ich muss. Wenn ich ausschlafen kann, dann mach ich das auch – schlafen kommt morgens ganz weit vor frühstücken, einkaufen oder gar Sport machen.

Aber neulich gedacht: Eigentlich ist morgens schon ne coole Zeit – und wie ist die wohl, wenn man sie sich nimmt? Und manche Sachen muss man einfach machen wie den Langen KTV Stadtbahntag.

Der grobe Plan sah so aus: An einem Samstag, wenn ich nicht am Vorabend aufgelegt habe, früh aufstehen. Dann auf den Birkenkopf, dort den berühmten Sonnenaufgang angucken, dann zum Wochenmarkt auf den Martkplatz, bevor er abgebaut wird, auf den Flohmarkt auf dem Karlsplatz, wenn die Profis noch unterwegs sind und schließlich irgendwo zu einer Uhrzeit, zu der bei Mama noch nicht der Mittagsbraten auf dem Tisch steht, frühstücken gehen.

Letzten Samstag war’s so weit. Wecker auf 5.30 Uhr gestellt, ohne Flugticket in Urlaub oder Morgenworkshop beim Kunden im Schwarzwald. Um 6 Uhr mit dem Auto die Liebste abholen und hoch zum Birkenkopf.

Rein in den Wald, bei Dunkelheit. Ich mein, ja, wir sind alle erwachsen, aber wann bist DU zum letzten Mal bei Dunkelheit in einen Wald reingelaufen? Zum Glück ist der größte Teil des Aufstiegs unter freiem Himmel, und dann erfüllt sich die wahrste aller Bergsteiger-Weisheiten: Der Blick entschädigt für alles.

Bei einsetzender Dämmerung auf unseren Kessel schauen, über dem Osten, direkt hinter dem Fernsehturm, wird der Himmel ganz langsam immer heller und wandelt sich von einem kleinen Schimmer zu einem kräftigen Orange, das zusammen mit Nebel, Horizont und Stadt ein wie mit dem Pinsel gemaltes Bild ergibt. Das ist so schön, dass es weh tut.

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Es könnte aber auch die Kälte sein, denn im von vielen gepriesenen „Indian Summer“ ist es nachts mindestens zwei Kittel kälter als tagsüber.

Runter vom Monte Scherbelino („Es hat sogar anderthalb Stunden gedauert, bis jemand #montescherbelino unter das Bild kommentiert hat“) und auf zur nächsten Station: um 7 Uhr beginnt der Wochenmarkt auf dem Marktplatz.

Bei der Abfahrt kurzer Stopp am Feuersee: Hier war ich nach dem Umbau auch noch nicht, und die einzigen Flaneure außer uns sind eine Gruppe junger Menschen mit Fahrrädern, die wahrscheinlich noch nicht im Bett waren und uns zu einer Runde Schnaps einladen wollen, was wir dankend ablehnen.

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Als wir anschließend vom im Heusteigviertel geparkten Auto in Richtung Stadt laufen, stellen wir fest, was wenig überraschend ist: An einem Samstag morgens um 8 Uhr sind vor allem Überbleibsel der Nacht unterwegs und Menschen, die der Alkohol entweder früh aus dem Bett getrieben oder noch nicht dort hingelassen hat. Ein Herr mittleren Alters schwankt in Lederhose und Strickjacke vom Geldautomaten in Richtung Taxi, es ist zu vermuten, dass ihm seine Bargeldreserven nach dem Wasenbesuch im Rotlichtviertel abhanden gekommen sind.

Auf dem Marktplatz begrüßt uns die Sonne, die sich langsam und eindrucksvoll zwischen den Häusern durchdrückt. Man kann sagen und von unserem Marktplatz halten was man will: Der Wochenmarkt mit den dick behängten Gemüse- und Obstständen ist einfach geil.

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Das ist nicht überkandidelt, nur in wenigen Fällen Bio, das ist keine Show und kein Lifestyle. Man will die Menschen, die in ihren Jack Wolfskin-Jacken und Fischerwesten Produkte aus der Region verkaufen, am liebsten drücken, so echt sind sie. Und man würde am liebsten jedem etwas abkaufen, einfach nur weil er da ist. Am unprätentiösem schwäbisch geführten Dialogen über Frische, Qualität und Herkunft der Waren, hört man, dass die anderen Menschen auf dem Wochenmarkt Stammkunden sind.

Nach einer ausgiebigen Runde geht es weiter über den Blumenmarkt. Wer wusste, dass es auf dem Schillerplatz parallel zum Wochenmarkt einen Blumenmarkt gibt? Zumindest werden dort überwiegend Blumen verkauft. Und Brot.

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Wir stellen uns an einem übervoll mit frischen Backwaren bestellten Stand an, als eine der Verkäuferinnen ihr schnurloses Festnetztelefon abnimmt (warum auch immer sie das hat):

„Ja guten Morgen Frau Reitle. Ja Frau Reitle, isch recht Frau Reitle. Ja ich hab’s schon in der Hand. Alles klar Frau Reitle, ist zur Seite gelegt Frau Reitle. Bis später Frau Reitle.“ Dabei nimmt sie ein Brot von einem Stapel, auf dem gefühlt noch weitere 100 Laibe derselben Sorte liegen, und ihre Kollegin raunt: „Ich dachte die heißt anders“.

Um unsere getätigten Einkäufe artgerecht zu verstauen, hab ich mir neben einem äußerst leckeren Vollkornbrot gleich noch eine „Märkte Stuttgart“-Tasche gekauft.

Da die Kälte immer noch gut von unten hoch drückt, entscheiden wir uns für einen kurzen Zwischenstopp im Hochlandkaffee gegenüber von Louis Vuitton. Und wenn es überhaupt noch so etwas wie einen „Geheimtipp“ für Kaffee in Stuttgart gibt, dann ist es dieser: Total unstylisch und ohne Flohmarktmöbel gibt es hier unglaublich guten und professionell zubereiteten Kaffee.

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Auf dem Flohmarkt sind wie erwartet vor allem Profis und echte Schnäppchenjäger unterwegs. Mich überrascht, dass um 8.30 Uhr einige Stände gerade erst aufgebaut werden. Mein Freund Christian, Flohmarkt-Profi seit Kindesalter, hat immer erzählt, dass er schon um 6 Uhr vor Ort ist, um die besten Funde schon beim Aufbau zu machen.

Am Flohmarkt auf dem Karlsplatz hat mir schon immer gefallen, dass es ein echter Flohmarkt ist, der sich von anderen Städten nicht verstecken muss. Kein Ramsch, keine Billigwarenverschleuderer, sondern professionelle Krimskramshändler, Platten- und Antiquitätenverkäufer neben privaten Haushaltsauflösern.

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Für das Frühstück als Abschluss für den wunderschönen Morgen haben wir uns für das Lumen im Westen entschieden. Auch der Weg dorthin ist geprägt von dieser seltsamen Uhrzeit, wenn die meisten Nachteulen schon zu Hause sind, die Geschäfte aber noch nicht geöffnet haben.

Die Königstraße ist genauso leer wie die S-Bahn, nur an der Ecke Schwabstraße/Rotebühlstraße, meiner ganz alten Hood, herrscht schon geschäftiges Wochenendeinkauf-Treiben.

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Im Lumen sind wir kurz nach Öffnung um 9 Uhr nicht mal die ersten. Das Café füllt sich ziemlich schnell mit Leuten, die mit einem Samstagmorgen ebenfalls besseres anzufangen wissen als auszuschlafen.

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Ich muss sagen: Das neue Unterarm-Tattoo heißt „Sowas sollte man öfter machen“. Wie Hundebesitzer Geiger richtig anmerkt, ist die Stimmung morgens einfach besonders und man denkt sich um halb 10: Mensch, schon so viel erlebt.

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