Kolumne für Westallee Heft

Samstag, Westallee, Ankunft 17 Uhr, erst entspannt, dann immer voller, alle entspannt, keiner hat Pokemons versucht zu fangen, Hotti ein schönes Set gepumpert, Köfte von Namenvergessen war lecker, gute Gespräche hier und dort, alles tiptop von Straßenfest her, musste leider nur kurz nach 21 Uhr abdampfen. Nächstes Jahr gerne wieder. Nachlader: Ich durfte fürs Westallee-Programmheft eine Kolumne beisteuern. 

„Ich verlasse jetzt den Westsektor. Bitte machen sie mir ganz viel Schande.“

Mit diesem Tweet habe ich mich Mitte Juni in den Urlaub verabschiedet. Dieser Westsektor. The westside is always the bestside. Stuttgart-Ost ist auch schön, nur der Reim ist halt nicht so fett. Bestside auf Eastside. Oder auf Southside? Northside? Da lachen sogar die Fantas. „Ich bin der Smu und wer bist du?“

Von den Fanta4 kommt keiner aus dem Westen (dafür war einer ihrer ersten Gigs im ehemaligen Müsli, Reinsburg unten, Höhe Lichtblick), aber der restliche Rest der Stuttgarter Urgestein-HipHop-Protagonisten, heute alle im korrekten Beginner-Comeback-Alter, hat seine Wurzeln im Jugendhaus West, Schwab/Bebelstraße. Für`s Protokoll. Oder falls du eines Tages vorm Jugendhaus bauchfrei snapchatten solltest, kannst du diese Info einbauen. Oh wait, da wird dann alles andere wichtiger sein. Vor allem du selbst.

Stuttgart-West ist einer der fünf inneren Stadtbezirke Stuttgarts und liegt im westlichen Teil des Stuttgarter Talkessels, der eine Art Bucht bildet.“ (Wiki)

Stuttgart HipHop ist so gesehen auch immer etwas Bay Area HipHop. Eigentlich ist Stuttgart-West wie San Francisco. Nur anders. Wenn du gefragt wirst, wo du wohnst/herkommst und du hast die große Ehre mit „Stuttgart-West“ zu antworten, dann betone dies stets in einem intensivem, selbstbewussten Ton, also Wessssst. Falls deine Bekanntschaft dann irgendetwas von „Aus Stuggi!“ faselt, verpass’ ihm eine Schelle, zeige ihm dein 2Pac-Gedächtnis-Tattoo „Thug Life“ und forme das Westside-Zeichen.

Zum Bezirk gehören auch die umfangreichen Waldgebiete Rotwildpark und Solitude sowie in kleinen Teilen der Kräherwald.“ (Wiki)

Unsere Eltern haben uns Kinder regelmässig auf die Solitude-Area hochgezerrt, abwechselnd zum Bärensee und den Schlössern, das Große mit Blick auf Weilimdorf. Es gibt ja wirklich fast nichts Schöneres auf dieser Welt. Außer natürlich das Industriegebiet Weilimdorf, wo ich als Skater meine größten Erfolge feierte (540° Shove its und Nose Wheelies satt). Als Kind und Jung-Jung-Teenie gehen dir solche elterlichen Sauerstoffzufuhr-Unternehmungen traditionell sehr auf das noch nicht Sperma produzierenden Skrotum.

Als Jung-Erwachsener erkennt man schnell das Knutsch-Potential vor dem Schloss Solitude (später, das Geld lief besser, Romantik-Transfer ins Restaurant Goldini, Reinsburg oben). Vorausgesetzt, sie will knutschen. Und da fingen die ersten Probleme an.

Die hatte man ein paar Jahre zuvor noch nicht. Da rollerte man unbekümmert durch Silberburgstraße bis zur Skatebox – zum Grüb! – und atmete in diesem einzigartigen Hinterhof-Laden, der das Inflationär-Etikett „Kult“ redlich verdient hat, eine Melange aus frischem Holz, Autowerkstatt-Öl, chemisierten Shirts und brandneuen Airwalks ein. Es war der Duft aus den Staaten. Dachten wir zumindest und fühlten uns Ami. Thug Life.

Er ist im Süden eingegrenzt durch den Bergrücken des Hasenberges und dessen Verlängerung, die Karlshöhe, sowie im Norden durch den Kamm des Kräherwaldes.“ (Wiki)

Am Fuße des Hasenbergs bin ich daheim. Die Koordinaten Getränkehändler Residovic (R.I.P.), Feinkost Pavlidis Ecke, der Schwabtunnel und der Johannes-Sebastian-Bach-Platz spannen meine mikrolokale West-Matrix auf. Skateboard ist nicht mehr. Mein Oma-Einkaufwagen hat nur zwei Rollen.

Mit dem stehe ich, schlecht frisiert und im Funktionsshirt, am Samstagmittag an der Rotebühlstraße und warte darauf, bis mich die am-Samstag-gehen-wir-schön-shoppen-SUV-Karawane stadteinwärts passieren lässt und kassiere blöde Blicke. Ich darf so rumlaufen, ich wohne hier, in diesen tiefen West-Straßenschluchten, wo anders wäre auch nicht vorstellbar. Und sei froh, dass ich ein T-Shirt trage, das machst du bei dir daheim in Herrenberg nicht.

Und jetzt erst mal zu Penny in die Schwabstraße, der Supermarkt mit der beliebten Döner-Aroma-Schleuse. Vielleicht noch zum Farbennagel. Irgendwas muss man immer reparieren. Das Parklet in der Hasenbergstraße hätte auch wirklich etwas cooler werden können. (Update: Das wurde zwischenzeitlich angemalt, jetzt geht´s.)

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