Human Abfall “Form und Zweck”

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Vorwurfsvollen Blick kassiert: vom Automechaniker, der mein Auto umparkte. Erst dachte ich, es läge an meinem lästigen Hobby, dem Zigarettenrauchen. Doch es war die Musik. Dreht man in meinem Fahrzeug den Zündschlüssel, läuft sofort Musik, und dem armen Kerl bollerte offensichtlich „Form und Zweck“ von Human Abfall entgegen – neue Platte.

„Form und Zweck“ ist sperriger und kantiger ausgefallen als erwartet. Seit Monaten schon berichtet der Feuilleton über die so genannte „Stuttgarter Szene“ – „Boh, geil. Trotz Kehrwoche und Bosch. Mega“.  Die Musik der Bands aus der Stuttgarter Clique soll das keinesfalls schmälern. Im Gegenteil: ihre wahre Größe zeigt sich, wenn sie eben nicht auf den Hype einsteigen. Die Nerven, Levin Goes Lightly und Karies sind abgearbeitet – Nächster Stop am Geilomat: Human Abfall, „Form und Zweck“.

Hier, kurze Werbeunterbrechung. Nach nur einem Clip sind wir wieder zurück.

Die interessantesten Platten sind seit jeher die, auf die man an manchen Tagen überhaupt keine Lust hat, weil sie zu düster, zu brachial oder zu anstrengend sind – oder je nach Tagesform schlichtweg nerven. „Form und Zweck“ nervt im besten Sinne. Sagenhaft.

Es sind die Wiederholungen einzelner Textzeilen, immer wieder und wieder und wieder und wieder, es ist die spröde Instrumentierung und die Tatsache, dass dafür ein halbes Ohr zu keinem Zeitpunkt ausreicht. Casual Gebrauchspopmusik geht anders. Hier werden Töne und Halbsätze in den Raum gestellt, wie so ein „All you Can Irgendwas“-Buffet. Da gibt’s nur eins und noch eins: ran an die Buletten oder bleiben lassen.

„Die Kinder sind die gleichen in Tel Aviv, wie in Berlin … Also tanzt, also tanzt … um euer Leben.“ Wiederholt man das nur oft genug, wird das zum simplen Mantra, das in ähnlicher Weise schon *voll wegduck* bei Rammstein den Zweck nicht verfehlte.

Die Form ist freilich anders: hier flirrt und klirrt Noiserock, Surf und etwas steinalter Postwavepunk. Ob Human Abfall in „Es ist, wie es ist!“ absichtlich oder aus purer Unachtsamkeit am Pophit vorbeischrammen – die Erklärung dürfen sie behalten. Das Lied ist spitze.

„RTLM“ auch, benannt nach dem gleichnamigen Rundfunksender aus Ruanda, der im Bürgerkrieg unverblümt zum Massenmord an den Tutsi aufstachelte – „Radio in der linken Hand, Machete in der rechten.“ Das ist blitzsauberer Stoff für die Geschichtsstunde oder eben, um ernsthaft über Medienethik zu reden … macht man sich denn die Mühe, das (auch musikalisch) beste Stück der Platte wirklich anzuzapfen.

„Q: Wo ist Franz? A: Im Dschihad“, scheint derweil eine ganz freundliche Annäherung an den gesellschaftlich Abgehängten, der das eigene Profil durch die Zugehörigkeit in einer berüchtigten Clique schärft. Das Gedankenspiel wiederum funktioniert auf allerlei Ebenen – von Jugendbewegung und Ideologie, über Berufsleben, bis eben zum IS. Und dann noch zur Auflockerung etwas Schmissiges für die Zitate-to-go-Sammlung: „Dattelpalmen, Dattelpalmen, Dattelpalmen – immer nur Dattelpalmen. Klar, die können über 500 Jahre alt werden“  – auch weil diese Zeile so absurd und unverhofft ins Lied platzt.

Das könnte natürlich auch kryptischer Quatsch sein – wer weiß das schon? Überinterpretation ist auch seit jeher eine Möglichkeit, guten Spaß und schlaue Ideen totzuschlagen.

Kurz: Human Abfall kannste getrost als echte Kunst durchwinken. Alles drin, alles dran. Großes Tennis erkennt man immer auch daran, dass es Fußball sein könnte.

Dieses anstrendgende Procedere lässt sich auf jedes der 13 Stücke anwenden. „Form und Zweck“ macht trotzdem oder vielleicht aber auch genau deshalb Spaß. Literatur, Musik und all das Zeug soll schließlich auch Kopf und Arsch in Wallung bringen. Wenn dabei mehr Einsicht rauskommt als „ich finde auch alles irgendwie kacke“, dann ist das umso erfreulicher.

Nihilismus als Swag oder Antihaltung, die sich lediglich auf den reinen Widerspruch stützt, bringt ja auch nix. Zumal letzteres meist in Räumen vorgetragen wird, in denen sich bereits alle die Meinung teilen. Human Abfall tragen den Stunk auch ein bisschen nach Innen.

Machen wir das kurz und scherzlos: „Form und Zweck“, bockstarke Platte – wenn man das will.

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