re.flect Plattform 02/2016: Diese Stuttgarter

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Ich durfte fĂŒr die aktuelle Ausgabe des re.flect den Plattform-Text beitragen und bin dabei etwas ins poetische abgedriftet. 

Neulich war ich auf Safari. Ich machte mich auf die Suche nach einer ganz bestimmten Spezies, von der ich schon viel gehört hatte. Immer wieder war die Rede von ihr, in unterschiedlichsten ZusammenhÀngen wurde sie erwÀhnt, beschrieben, diskutiert, kritisiert und angefeindet.

Diese Spezies ist nicht beliebt in Stuttgart. Die Rede ist von den „Stuttgartern“.

Über „Die Stuttgarter“ wird oft mit diesem Blick und in diesem Tonfall geredet, mit dem man auch ĂŒber „Die Schmids“ spricht und damit jenen Teil der Verwandtschaft meint, den man nicht mag, den man aber bei jedem Geburtstag und jeder Beerdigung zwangslĂ€ufig trifft und zur Hochzeit einladen muss. Wo man nur „Die Schmids“ sagt und sich mit dem GegenĂŒber sofort auf ein gemeinsames Augenrollen verstĂ€ndigt.

„Die Stuttgarter“ sind vor allem dafĂŒr bekannt, was sie NICHT tun. Oder können. Oder wissen.

  • In einem Club hat ein DJ aufgelegt, der in Berlin schon mal bei einer Vernissage in einem Popup-Store in der MĂŒnzstraße die Plattenspieler aufbauen durfte. War nix los. „Die Stuttgarter“ wissen sowas echt NICHT zu schĂ€tzen.
  • Die S21-Demonstranten haben schon wieder ihre Montagsdemo gemacht und der geleaste Midsize-SUV stand auf der Theo eine Viertelstunde im Stau. Und „die Stuttgarter“ haben GrĂŒn trotzdem NICHT abgewĂ€hlt.
  • Zur Ausstellung des russischen Performance-KĂŒnstlers im als Zwischennutzung besetzten 300qm-Loft kamen am dritten Tag keine drei Leute mehr. Die Stadt hat keinen Pfennig gezahlt. „Die Stuttgarter“ können mit Kunst halt einfach NIX anfangen.

Ich bin also los und habe Ausschau gehalten nach diesen „Stuttgartern“.

Ich bin zum Marienplatz gelaufen und habe Sojalatte trinkende Spanierinnen mit Dutt gesehen, italienische Halbstarke die gegen tĂŒrkische KĂ€seweiße Fußball spielen, Punks die in der Sonne Cola trinken und KillesbergmĂŒtter, die eine halbe Stunde fĂŒr ein Banane-Sahne-Kardamon-Eis anstehen.

Dann bin ich weiter zum Fluxus gelaufen und habe Abiturienten gesehen, die bei frisch gepresstem Orangensaft Hausaufgaben machen, tÀtowierte Landstreicher, die mit VioVio-Klamotten Craftbeer aus Neuseeland trinken, zweireihig parkende KinderwÀgen und Werber, die nach erfolgreich verlorenem Pitch am Startup-Tisch eine GÀrtnerei planen.

Abends bin ich am Hans-im-GlĂŒck-Brunnen gelandet und habe Kapuzenpulli tragende Theaterschauspieler gesehen, die mit Highheel-Diven bei MĂ€xle um die Tischtennisplatte rennen, Flaschensammler mit Leiterwagen, die sich von betrunkenen InvestmentbĂ€nkern leere Flaschen vom Tisch klauen lassen und DJs, die zur letzten Platte leise Servus sagen.

„Die Stuttgarter“ habe ich dort ĂŒberall nicht gesehen.

Die habe ich in Berlin gesehen. Sie standen vor dem Berghain in der Schlange und schimpften ĂŒber Touristen.

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