Kaffee schwarz im Craft Beer-Land

Vergangenen Freitag kam das neue re.flect raus und ich durfte die Plattform-Kolumne beisteuern. Eine Rundfahrt von Kaffee schwarz über das Biosphären-Gebiet Marienstraße bis hin zu Birkenstocks und sowieso: Happy Birthday Climax! 

tatti

Wenn ihr wüsstet, wie wir mittags am Tatti das Liquid Ecstasy kännchenweise in unseren Kaffee kippen, dann würdet ihr sofort mit der H’u’g’o’s-Trüffelpizza, das neue Wundermittel der Stuttgarter Oberklasse, wieder Schluss machen.

Auch so ein absolutes Unding heutzutage: Kaffee schwarz heißt Caffè Americano. „Caffè Americano für dich, RAM?“ Nein, einen Kaffee schwarz bitte. Und dazu noch ein Wurstbrot, danke. Denn Pastrami darf das maximal in New York heißen, wissen die gebildeten Instagram-Travel-Authentics.

Eine Bekannte meinte neulich, sie würde ganz gerne VfB-Spiele in einem Kneipenloch anschauen. Einmal war sie in einer Spelunke in Cannstatt, aus der Innenstadt kommend kurz nach der König-Karl-Brücke. Das Publikum bestand aus VfBlern, die vermutlich a) Stadionverbot haben oder – wie Geige, dem ich davon erzählte, logisch ergänzte – b) aus einem Stadionsitz rausgewachsen sind. Vielleicht auch beides.

Jedenfalls meinte die VfB-in-Kneipenlöchern-Guckerin: Bestell da mal einen Cappuccino! „Wir haben hier nur Kaffee schwarz“, meinte daraufhin die Servicekraft, die dort noch Bedienung heißt. Ein eiskaltes 1:0 für die ehrliche Wirtschaft.

Prinzipiell find ich es wirklich gut, wenn die Welt an manchen Orten noch in Ordnung ist und nicht an jeder Ecke eine Burger-Bude oder Shisha-Lounge aufmacht. Bei Craft Beer hätten wir noch etwas Luft nach oben, ihr dürft jetzt noch eröffnen. (In diesem Moment kommt tatsächlich die Meldung rein, dass im April 2016 das 1. Stuttgarter Craft Beer Festival stattfindet, absolut kein Scherz.)

kraftbier

Das muss man sich ja auch mal wirklich vorstellen: Die Menschen diskutieren tatsächlich darüber, wer den besten Burger macht. Und dann wird wirklich ein Burger-Battle ausgetragen, anstatt mal ein Panier-Wettkampf oder ein Schachturnier.

Liebe Leute, bitte: Ein Burger ist geil, ja. Und der ist mal etwas besser, mal etwas schlechter zubereitet, aber wenn ich Bock auf einen Burger habe (z.B. nachm Saufen oder am Tag nachm Saufen), ist mir das echt scheißegal, ob der jetzt vom Burger King ist oder in einer dieser scheinbar total originellen Burgerbutzen, die mir  den “best burger in town” versprechen. Das ist immer noch ein Burger, circa 125 Gramm Rinderhack zwischen zwei Brötchen-Hälften, und kein Wiener Schnitzel, keine Lammkeule oder kein Rostbraten, das Rind gestreichelt im Biosphären-Gebiet Schwäbische Alb.

Aber gut, den Gourmeggles, die sich im kulinarischen Biosphären-Gebiet Marienstraße (Burger Republic, Hans im Glück, Sausalitos, McDo, Mauritius) breit fläzen, ist das sicherlich alles herzlich egal und beißen auch morgen noch kraftvoll zu.

Fürs Jahr 2015 hat es sich so gut wie draußen ausgefläzt, überall werden die Aussenbestuhlungen weggeräumt, die Birkis kommen in den Schrank und bleiben dann da bitte bitte hoffentlich für die nächsten 10, 15 Jahre (den jungen Damen sei gesagt, dass Birkenstocks um die Jahrtausendwende schon einmal ein völliger unnötiger Fashion-Trend waren) und müssen nächste Saison nicht mehr für Instagram-Shootings herhalten, so von oben runter, du weißt schon, drei Milliarden Mal das gleich Bild. Es ist wirklich unfassbar, dass dagegen nicht längst die UNO oder wenigstens Stuttgarts beliebteste Ordnungshüterin Veronika Kienzle vorgegangen ist.

Denn Birkenstocks trägt man daheim und bringt damit maximal den Müll raus. Schon damit zum Bäcker ist ne ganz doofe Idee (gut, das mach sogar ich). Wie man auch weiße Socken wirklich ausschließlich zum Sport trägt und nicht, wie jetzt dann wieder im Herbst/Winter, über die schwarze Strumpfhose, Leggins, Skinny Jeans zieht. Das ist nicht Mode, meine Damen, das sieht einfach nur Scheiße aus und ich kotze hart in mein Cola-Bier-Glas (#dieselgate). Ich vermute aber, das ist den FILFs (Fluxus-Girls i like…) sicherlich ebenso egal wie den Gourmeggles.

Deswegen verbleibe ich mit einem freundlichen Kaffee schwarz Marsch und wünsche dem Climax noch alles Gute zum 19. Gebi, Craft Clubbing since 1996. Alles richtig gemacht, Clash.

Und jetzt noch hier im Bezahlbereich eine Zeile aus meinem upcoming Album „Gentrifizierung zwischen Wald und Trüffelpizza“: „Wenn ich durch dein Viertel jogg’, steigen die Mieten.“ Gut, ge?

www.reflect.de (neue Seite, schee)

reflect_okt_1015

 

5 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.