Fällt mir nur Clown ein

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„Jedes Mal wenn jemand ‚Stuggi’ sagt, eröffnet in der Innenstadt ein neues Einkaufszentrum“, hat der hochgeschätzte Kollege Setzer vor einiger Zeit getwittert oder sich auf den Unterarm tätowiert. Eins von beidem, weiß nimmer.

Und jedes Mal wenn jemand ‚Benztown’ sagt, bekommen wir ein Kostümfachgeschäft. Also wer von Euch war das?

Jetzt haben wir den Salat. In Form von Deiters in der Hirschstrasse 31, Montag – Freitag 10.00 – 19.00 Uhr, Ostersamstag geschlossen, Heiligabend 9.00 – 14.00 Uhr. Thank god it’s Deiters. Euer neuer One-Stop-Shop für Faschingskostüme, Trachten und mehr. „Und mehr“ muss rein in die Beschreibung, sonst ist sie nicht komplett.

Das arme, alte Traditionsfachgeschäft _________ (*bitte vom ktv Prakti recherchieren lassen), das dort rausgemobbt und verjagt wurde, musste dafür weichen.

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Auf den ersten Blick dachte ich ja, da hat ne neue Frühstück-Systemgastronomie aufgemacht. In vielen Kulturkreisen gilt der Clown am Morgen ja als wichtigste Mahlzeit des Tages. Aber Schluss mit lustig.

Denn weil wir uns als Hybrid aus ‚Stuttgart kauft ein’ und ‚Stuttgarts feine Adressen’ verstehen, haben wir die Neueröffnung bei uns im Blog gleich mal diskutiert. „Ich geh als Schulmädchen“ brüllte Hotte in die digitale Schlusskonferenz des beliebten kleinen Online-Shoppingführers kessel.tv.

Faschingskostüme und Dirndl ganzjährig in sagen wir mal 1B-Lage zusammen unter einem Dach. Da sieht man mal, dass das kulturell doch nah beieinander liegt. Und warum nicht? Jeder hat einen Fetisch. Manche sind in love mit einer Panierschale.

Vielleicht bedeutet die Kombination Faschingskostüm und Tracht im Umkehrschluss ja auch nur, dass es vollkommen okay ist, wenn ich zum nächsten Cannstatter Volksfest als Prinzessin gehe.

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(Meanwhile in Heidelberg)

In einer anderen süddeutschen Stadt habe ich erst letzte Woche das Warenangebot Dirndl + Pfefferspray + Elektroschocker entdeckt. Da hat jemand sein Produkt-Portfolio konsequent zu Ende gedacht. Und zu einem attraktiven Bundle geschnürt.

Früher – und an dieser Stelle muss der Opa einfach mal vom Krieg erzählen, während ihr auf meinem digitalen Schoss Platz nehmt – früher gab es schon mal ein Kostüm- und Scherzartikelgeschäft am Hans im Glück Brunnen. Nagelt mich nicht fest, aber ich glaube sogar da, wo heute das ‚Kottan’ ist. (Das muss sehr arg früher gewesen sein, weil vor dem Kottan war das ewig lange das Zotti (witzig, gibt es noch bei der Stadt Stuttgart Seite), Gruß, der Prakti aka Hausmeister.) 

Da hat man sich dann im Hochsommer reingeschlichen, um ein Furzkissen für die Sabotage des Sachkunde-Unterrichts zu kaufen. Und das zu einer Zeit, als Scherzartikel noch Knallerbsen waren und noch nicht Messer-steckt-im-Auge-Prank und als der Einzige, der auf dem Wasen eine Tracht getragen hat, der Kutscher der Dinkelacker Brauereipferde war.

Folglich hat sich der Laden wohl auch nicht gehalten, aber die neueste Eröffnung scheint ja zu beweisen, dass der Trend dahin geht, dass man ganzjährig als Cowboy, Indianer oder Hippiemädchen gehen möchte.

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Ich wollte früher immer Indianer sein. Weil der Indianer immer der coole, gesetzlose aber loyale Underdog war. So ein bisschen der Vincent Vega der Karl-May-Festspiele. Winnetou war schon damals trotz oder gerade wegen der gleichgeschlechtlichen Ehe mit Old Shatterhand eine coole Wurst. Und ich kenne Menschen, die wurden Pierre getauft, weil Pierre Brice als Schauspieler darin so einen guten Job gemacht hat.

Das Blöde im Film, im richtigen Leben und auf der Wendeplatte war nur, dass die Indie-Indianer zwar das bessere Outfit, aber die mieseren Waffen hatten. Pfeil & Bogen vs. Donnerbüchse – das war ein ungleiches Duell in der Prärie Möhringens.

Nun war es aber andererseits in unserer detailgetreuen Nachbildung eines Wildwest-Szenarios unter uns Kinder auf der Wendeplatte so, dass die Schießeisen zwar mehr Krach machten als Pfeil&Bogen – die dafür aber wiederum mehr Aua.

Ich erinnere mich gut, wie Sandkastenfreunde mit Platzpatronen (!) und ‚Käpselepischtole’ (!!) in die Luft (!!!) schossen, während ich mit einem aus Haselnussstrauch selbstgebogenen Bogen und einem handgeschnitzten Pfeil knapp neben das Auge eines Spielkameraden zielte und traf. Sorry Safti. Aber wir hatten ja nix. Außer spielen bis der Arzt kommt. Und danach jede Menge hart verdienten Respekt auf der Straße.

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