Wir können alles ausser urban

kessel_sofa
(Foto: Franz Gender, AP/Botnang)  *UPDATE 2. April, siehe unten

Urbanität hat ihren Preis. Leider riecht der meistens nicht so gut wie das in Glanzpapier verpackte Zeug. Junkies und Obdachlose zum Beispiel. Sicher, wenn Tausende es schaffen, weder drogenabhängig noch obdachlos zu werden, muss die Frage erlaubt sein, weshalb es bei anderen nicht geklappt hat.

Es könnte sogar bei der Lösung des Problems helfen. Aber Stuttgart fragt nicht mal mehr. Denn jetzt ist endlich Hilfe in Sicht – und nach mehrmaliger Prüfung: kein Aprilscherz.

Stadtverwaltung, Polizei, Einzelhandel und Stuttgarter Straßenbahnen AG üben sich in Raketenphysik. Um den Obdachlosen in der Klettpassage beizukommen, soll jetzt ausgerechnet die Kultur herhalten. So wird tatsächlich laut darüber nachgedacht, “die Lagerstätten der Obdachlosen durch Kunstobjekte unbewohnbar zu machen”. Klassische Musik sei auch eine Idee. Mehr dazu im StN-Artikel.

Noch ist unklar, ob das lediglich zynisch oder sogar ein Etappensieg auf dem Weg zum Gipfel der Dummheit ist. Toll auch: die Beschwerden des Einzelhandels. Wahrscheinlich auch der Budenbesitzer, die dort Bier für 1,79 Euro verkaufen.

Seit Jahren werden Obdachlose und Junkies quer durch die Stadt gescheucht oder von ihren Plätzen verjagt. Dass sie dadurch nicht weniger wurden, scheint der Stadtverwaltung noch immer nicht bewusst. Kameras an öffentliche Plätze zu hängen, hat die Anzahl Obdachloser ebenfalls nicht verringert. Es schiebt sie lediglich ein paar Meter weiter. Bis sie auch dort beim urbanen Shopping stören – dann wird wieder der Rucksack gepackt.

Mit der Inbetriebnahme des Gerber, ging die Reise zum Beispiel auch an den Rotebühlplatz. Schöner wurde der dadurch gewiss nicht und die Klettpassage würde ich auch in keinen Reiseführer gesondert erwähnen – aber ich befürchte, dass keiner der Obdachlosen und Junkies sagen wird: “Achso, dann geh’ ich halt in mein urbanes City-Loft am Milaneo.”

Sicher, mit etwas herablassender Arschlochigkeit, lässt sich immer sagen: „Geht mich nix an!“  Ich glaub’ trotzdem: den Wert einer Gesellschaft erkennt man mitunter auch an ihrem Umgang mit denen, die auf Hilfe angewiesen sind. Selbstverschuldet oder nicht.

Aber kennen wir ja alle: schiebt man den Müll unter die Couch, dann sieht man ihn nicht mehr. Die ganz Harten denken dann sogar, er wäre wirklich weg. Schöne heile Welt.

Apropos: Irgendwie wünsche ich mir, dass der Mario Adorf in die Klettpassage oder am Rotebühlplatz einläuft und sagt: “Isch scheiss disch so was von zu mit meinem Jeld.” Ein Oberbürgermeister, der auf den Tisch haut und sagt: “Spinnt Ihr eigentlich?” wäre auch ein Anfang.

[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=LdQyQLs2THM[/youtube]

*UPDATE, 2. April:
Es wäre natürlich eine Möglichkeit gewesen, sich von diesem menschenverachtenden Schwachsinn zu distanzieren oder sich wenigstens ein kleines bisschen dafür zu entschuldigen. Ordungsbürgermeister Dr. Martin Schairer haut stattdessen diese Pressemitteilung raus. Er spricht von öffentlichen Mutmaßungen, davon lediglich die “Aufenthaltsqualität” steigern zu wollen und dass in Stuttgart niemand auf der Straße leben müsse.

Doch als bereits gestern Kunst-AK-Rektorin Petra von Olschowski gegenüber den StN süffisant vermerkte  „Schlafplätze oder Aufenthaltsräume für Menschen zu vermeiden ist ein schwieriger Ausgangspunkt für eine künstlerische Arbeit” – da erklärte Schairer: „Denkbar wäre es, andere Künstler für das Projekt zu gewinnen“. 

Weiter heißt es in dem Artikel: “Gleichzeitig hält er es für möglich, die Flächen, wo die Obdachlosen lagern, auch ganz anders zu bespielen. Aufgeben werde die Stadt ihr Vorhaben wegen der Absage der Kunstakademie jedenfalls nicht. Die Federführung in der Umsetzung liege allerdings bei der Mietervereinigung in der Klett-Passage.” Hier geht’s zum vollständigen StN-Artikel.

11 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.