“Ich drück’ Dich, Stinker!”

stinker

(Illustration: Julia Humpfer)

Meine Freunde machen Radio – ich hab’ zu viel Akzent und zu gute Platten. Da tippe ich doch besser in der Anonymität meiner kalten aber durchaus urbanen Neun-Zimmer-Balkon-Loft-Wohnung. Hier, die Gefühlskolumne aus dem Freund + Kuperblatt. Nur echt mit Stinker.

Neulich am Friedhof wollten wir der Hündin die RAF-Gräber zeigen – also die von Ensslin, Baader und Raspe. Nicht, weil ich ein sonderlich großer Fan der RAF wäre, sondern weil das ein Teil unserer Geschichte hier ist.

Aber Hunde dürfen leider nicht rein in den Dornhaldenfriedhof. Das steht zumindest auf den eigens angebrachten Schildern, obwohl ich mir fast sicher bin, dass Hunde diese Hinweistafeln weder beachten, noch irgendwie deuten können. Doch man befürchtet wohl aufgrund ihrer Begriffsstutzigkeit unabdingbare Defizite in Sachen Pietät – beziehungsweise, sagen wir wie es ist: man befürchtet, sie könnten auf die Gräber kacken.

Ich denke nicht, dass das böse Absicht oder gar schlechter Charakter ist. Denn Hunde sind oftmals halt nicht die hellsten Kerzen auf der Torte. Wer jemals einem Hund dabei zugeschaut hat, wie er genüsslich auf einem Pferdeapfel rumkaut, kann schon grob erahnen, weshalb die keine Passagierflugzeuge fliegen dürfen. Ist halt so. Und sie sehen eben oft eine prima Toilette, während der am anderen Ende der Leine auf ein schönes Stück Garten oder ein Grab schaut.

Wir haben das der Hündin erklärt, die das dann auch widerwillig einsah. Irgendjemand sollte das mal den Arschlöchern im Internet erklären. Udo Jürgens war kaum tot und musste sich schon rechtfertigen, dass Joe Cocker und Tante Gerda auch ganz in Ordnung waren. Von Charlie Hebdo will ich da gar nicht erst anfangen. Deren Blut war noch feucht, als die Opfer ungefragt vor gleich mehrere Karren gespannt wurden.

Nur zwei Sachen scheinen sicher: der Tod und dass einem nach fünf Minuten irgendjemand einen saftigen Stinker aufs Grab drückt. Unnötiger Stress, echt. Bin eh der Meinung, da muss wieder mehr Liebe in die Stadt. Das ist ja auch eine Sache von Respekt.“Ich drück’ Dich zurück”, säuselte eine blonde Frau verlegen in ihr Mobiltelefon. Zwei S-Bahn Stationen später verstand ich erst, was sie meinte.

Die Türen öffneten sich und noch bevor ich auch nur einen Fuß auf den Bahnsteig setzen konnte, bulldozerten mich drei Senioren zurück in den Wagen. Um doch noch rauszukommen, drückte ich sie zurück, erst sanft, dann ein bisschen weniger, dann etwas mehr. “Unverschämtheit!”, pfiff mich die Anführerin dieser ruchlosen Hooligans an. Und sie sagte auch noch was mit “…Ihresgleichen…”.

Leider konnte ich nicht alles verstehen, da sie undeutlich sprach und ich wegen der Drückerei mental bereits ziemlich ausgelastet war. Ich bin einer, der beim Rückwärtseinparken die Musik im Auto leiser dreht oder zum Furzen kurz inne hält. Multitasking war noch nie meine Disziplin.

Außerdem wollte ich die Truppenführerin nachhaltig anrüffeln, bin mir aber gerade bei Rentnern nie sicher, was man da letztendlich sagen soll. Irgendwas mit “Deine Mudder” bringt wahrscheinlich gar nix. “Hoit die Pappn, Du Vollkoffer”, hab ich auch nicht gesagt, obwohl ich das die Nacht zuvor in einem Buch über Wien gelesen hatte und unbedingt mal im echten Leben anwenden wollte. Ich entschied mich für: “Ich drück’ Dich, Stinker!”.

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