Public Viewing

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(Foto: Köln, Zülpicher Straße. Wo sonst malen Leute den Poldi auf ein Hoftor, ohne dabei verhaftet zu werden?)

Auch schön. In den USA bezeichnet man mit “Public Viewing” den Anlass, noch mal einen Blick auf Freunde und Bekannte zu werfen, bevor sie im Sarg beerdigt oder im Ofen verbrannt werden. Nur die ganz harten Hunde laufen da mit 1,8 Promille, Flagge und Trillerpfeife ein. Ich versuche, derartige Anlässe zu meiden, selbst wenn Fußball damit gemeint ist.  Denn VfB-Fans wissen: mit Party hat dieser Sport nur selten was zu tun.

Wir hier im Kessel.tv-WM Studio sind auch echte Spaßbremsen. Taxi, unser Quotenhund hat neulich schon wieder nicht die Nationalhymne mitgesungen. Noch so eine Nummer und wir schicken ihn als Erziehungsmaßnahme zu Sonja Renz in den Biergarten oder mit Marienplatzdutt zum nächsten Stadtfest.

Jetzt geht’s trotzdem wieder los: das subtile Gemotze, Stuttgart bräuchte unbedingt ein städtisches Public Viewing fürs Finale am Sonntag.   _____________________ (hier bitte irgendwas einfügen mit “So langweilig ist Stuttgart. Ich zieh nach Berlin. Scheiß Grüne.”). Die Beschwerden werden vorwiegend von Leuten eingereicht, die gar nicht in Stuttgart wohnen und denen auch nix dooferes einfiel, als geschwind noch eine Petition rauszumüllern.

Ich finde das wiederum sehr freundlich von der Stadtverwaltung, den örtlichen Gastronomen ausnahmsweise nicht die Petersilie zu verhageln. Viele geben sich nämlich ordentlich Mühe, ihren Gästen ein echtes Wohlfühlpaket zu schnüren. Schließlich hat annähernd jede Kneipe oder Dönerbude irgendwo ein Fernsehgerät oder eine Leinwand aufgestellt. Es ist schlichtweg unmöglich, nicht irgendwo in Gesellschaft Fußball anzuschauen.

Und das Angebot ist auch der Kracher: von Partypartiot über Vollidiot, vom Gelegenheitskicker bis zur Expertenrunde, von “so nebenbei” bis “Schnauze, ich habe nicht verstanden, was der Béla Réthy gerade gesagt hat” ist da für jeden was dabei. Alles zentral und meistens nur einen Maßkrugwurf von der Theodor-Hup-Straße entfernt.

Insofern halten wir doch einfach mal fest: Schland ist im Finale, Argentinien auch und Stuttgarts Politprofis haben sich wenigstens an eines ihrer Wahlversprechen erinnert, die örtliche Gastronomie zu unterstützen. Nix machen ist in deren Fall oft die beste Hilfe.

Ich fand das Halbfinale Holland gegen Argentinien übrigens gar nicht so schlecht. Ab der 96. Minute habe ich mir vorgestellt, Louis Van Gaal hätte rot lackierte Fußnägel, keine Unterwäsche und würde im Kabinengang wahllos Leute zur Sau machen.

Nebenbei konnte ich auch endlich meine Schlafstörungen investigativ klären: Seit Wochen schlafe ich schlecht, weil jemand jede Nacht mit einer Holzlatte gegen die Hauswand gegenüber kloppt. Gestern, kurz vor dem Elfmeterschießen, hab’ ich das dann geschnallt: Es ist die Riesenflagge gegenüber, die im Wind schwingt und deren Holzverstärkung immer gegen die Fassade schlägt.  Und Motörhead so: “No Sleep ´til Deutschländ”.

Meine Freundin Helmut Podolski hat mittlerweile auch einen Humor beisammen, der an Zynismus grenzt. Vor dem Spiel gegen Frankreich holte sie mich am Bahnhof ab und drückte mir eine Deutschlandautofahne in die Hand: “Hier für dich, das magst Du doch so. Und jetzt machst Du die auf deiner Seite am Autofenster fest, sonst fahr’ ich nicht los.”

Was ich derweil noch nicht kapiere: Haben die Sportfreunde Stiller noch keinen Reim auf “2014” gefunden? Warum gibt’s ausgerechnet bei den langweiligen Spielen eine Verlängerung? Bekommt der Opdenhövel für sein Wort “grottoid” einen Grimme Preis? Warum hat er es seit der Vorrunde nicht mehr gesagt? Warum eigentlich Fernet Branca Fernanda Brandao? Und wieso habe ich trotzdem das Gefühl, dass ich sie nach der WM vermissen werde?

Ansonsten hab’ ich bei Per Mertesrocker auf Twitter gelesen: “Nach der WM braucht man wieder drei Wochen, bis man nicht mehr jedem hupenden Auto ‘OLEE, OLE, OLE, OLEEEE’ hinterher grölt”

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