52 Albums/31:
Trentemöller “The Last Resort”

PFRCD 18 Cover 06ZW

Ich für meinen Teil habe mir für unsere 52 Albums-Serie neue Rahmenbedingungen auferlegt. Und zwar möchte ich, zumindest bis zum Jahres- bzw. Jahrzehntende ausschließlich Longplayer würdigen, die aus den Nullerjahren stammen.

Keine leichte Aufgabe: Zum einen hat sich in den letzten Jahren um einiges mehr Material an Vinyl-Maxis, LPs und CDs als in den 90ern angesammelt, was in erster Linie mit einem steigenden Einkommen zu tun hat (00er = Job, 90er = Schüler, Zivi, Student).

Darin liegt auch wiederum die Crux: weil man sich eben durch diesen unglaublichen Wust an Musik, bei mir bekanntlich wie schon oft gesagt meist aus den beiden großen Bereichen HipHop und Techno, kaum mehr durchackern kann.

Gerade viele Alben hört man zwei, drei mal an und stellt sie wieder ins Eck. Vielleicht auch etwas unzufrieden. Wenn die Platte Glück hat legt man sie erst Monate später nochmals auf und ist dann erst von ihrer Brillanz begeistert.

Das habe ich in den letzten Jahren noch mehr gelernt: Musik erfordert Zeit, Geduld und Aufmerksamkeit. Alles Dinge also, die mit einem normalen (Arbeits)Alltag oftmals nicht vereinbar sind und dafür muss man definitiv kein Business Punk sein. Aber man shoppt trotzdem munter weiter, die Sucht nach neuem Material bleibt ungestillt.

Dieses neue, mehr Material in diesem Jahrzehnt resultierte teilweise wiederum auch dank meines Jobs als Redakteur bei Sub Culture. Wir wurden quasi mit CDs, manchmal auch Vinyl, später MP3 Promo-Links, überschüttet. Überschüttet klingt erst einmal nach Dagobert Duck im Talerrausch, aber überschüttet bedeutet auch eine Unmenge von belanglosen Ibiza-Lounge-Best-Of-Electro-Punk-Trash-Minimal-Pop-Compilation-Schrott.

Nicht zu vergessen die vielen gruseligen, langweiligen Alben unterschiedlichster Sparten, bei denen man sich ganz klar nach der Existenzberechtigung gefragt hat.

Als abgebrühter wie auch später vielleicht etwas abgestumpfter Redakteur landeten die vielen CDs, die tagtäglich reinflatterten auf mehreren großen Stapel. Manchmal war man schon so vom Cover abgeschreckt, dass der Silberling erst gar nicht in den Schlund des Computers verschwand.

Und am schlimmsten waren die Promoterinnen der Labels – nicht alle, aber manche waren brutal hartnäckig. “Ja hallo, ich habe dir da die CD zugeschickt, können wir da vielleicht eine schöne Rezi oder sogar ein Interview machen?” Tagtäglich hab ich mich von den Praktikanten mehrmals verleugnen lassen.

Natürlich gab es auch zahlreiche Promos, über die man sich wahnsinnig freute und Gott für dieses wunderbare Leben dankte. So war natürlich auch die Freude groß als irgendwann im Jahre 2006 Trentemöllers Debütalbum “The Last Ressort” im Office landete.

Der Trente, ich schreibe ihn konsequent mit Ö weil ich das O mit dem Strich durch nicht finde, war zu dieser Zeit der absolute Hit. Das ist eigentlich ein trauriger Satz, denn charakteristisch für Techno und dieses Jahrzehnt ist und war, dass die meisten Acts für ein, zwei Jahre zu absoluten Überflieger mutierten, einen neuen Sound ins Spiel brachten, einen internationalen Hype bekamen, aber kurz darauf wieder in der Versenkung – zumindest Producer-mässig – verschwanden.

Gutes Beispiel dafür wäre auch das Stuttgarter Duo Tiefschwarz. Kann aber auch natürlich an mir und mangelndem Interesse liegen.

So habe ich auch überhaupt keine Ahnung was Trentemöller heutzutage macht, außer in seiner Heimatstadt Kopenhagen Partys zu schmeißen und aufzulegen, die gut sein sollen, wie Kollege Moritz dieses Jahr schon live zu berichten wusste.

Anders Trentemöller reichten 2004/2005 im Prinzip zwei, drei gute Maxis und ein paar durchschlagende Remixe, darunter wohl sein bester für Röyksopps “What Else Is There” um an die Spitze zu rücken. Spitze bedeutet: Egal ob kleiner Local-Fisch like me oder Global Player konnten sich auf seinen knackigen, klaren, sehr eigenen zerfransten, aber immer sehr funktionellen Sound einigen.

Für sein Debütalbum “The Last Ressort” (VÖ 6. Oktober 2006, Poker Flat Recordings) entschied er sich für einen Weg abseits des Clubs. Das ist nichts neues, das haben schon viele Techno-Künstler vor oder nach ihm versucht. Manche mit Erfolg, einige sind mit diesem Vorhaben wiederum grandios gescheitert.

Trentemöller setzte sich aber ein Denkmal. Nicht mehr und nicht weniger. 80 Minuten voller betörender, wie bedrückender Brillanz, bis ins kleinste Fitzel ausrangiert, eine unglaubliche Kompaktheit, Sounddichte, eine Wall of Sound, auf der man bei jedem Hören etwas neues liest.

Melancholische Melodien werden von tiefen Dubbässen getragen, es zirpt, hallt und knackt in allen Winkeln. Es ist eine traurige Platte und eine wunderbare Herbst/Winterplatte zugleich. Ein Kabinettstückchen.

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich irgendwo gelesen, dass neben dem künstlerischen Erfolg dieses Albums sich auch der kommerzielle einstellte. Angeblich gingen rund 50.000 Exemplare über den Ladentisch. Steve Bug hat sich sicherlich gefreut.

Und Trentemöller? Spielt am liebsten daheim in Kopenhagen, internationale Gigs sind ihm ein Gräuel. 2007 durfte ich übrigens für ihn im Zapata Warm-Up machen. Für seinen anschließenden Live-Act musste Javier den Limiter ausschalten, sonst wollte Trente nicht anfangen. Er war übrigens sehr nett. Und sehr laut.

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