52 Albums/19: Die Fantastischen Vier “Lauschgift” / “MTV Unplugged”

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unplugged

Neben dem Ereignis des Jahres, dem ersten Geburtstages von kessel.tv, gibt es natürlich noch ein weiteres, weit unbedeutenderes Jubiläum zu feiern: den zwanzigsten Geburtstag einer Kapelle namens Die Fantastischen Vier. 20 Jahre. So alt ist kaum jemand auf der Theodor-Heuss-Straße.

Die Fantas (wie wir Insider die Band nennen) feiern bekanntlich am Samstag ein dickes Fest aufm Wasen, Krupa und ich werden den Kessel würdig vor Ort vertreten und ich starte die Festwochen schon mal mit einem 52-Albums-Doppelreview-Spezial. Viel Vergnügen!

Lauschgift

In meiner “Generation” ist man einfach mit den Fantastischen Vier aufgewachsen. Man hat sie geliebt oder gehasst oder beides. Die ganze Vorgeschichte spar ich mir und fang mit dem Album “Lauschgift” aus 1995 an.

1995 ist für mich insofern ein bedeutendes Jahr, dass ich in jenem Jahr nach Stuttgart gezogen bin. Ich war schon in den 2-3 Jahren zuvor mind. 1x die Woche in Stuttgart (ein Weg 140 km, per Auto oder mit dem Wochenendticket per Bahn). Und dann, kaum das Abi in der Tasche, hab ich’s geschafft – Zivistelle bei der AWO, WG in Zuffenhausen, jetzt kann’s losgehen.

Als Neu- bzw. Gelegenheits-Stuttgarter kann man jetzt Zuffenhausen weder von der Entfernung noch vom Status wirklich einordnen – ich fand’s super und dachte ich bin mit der 15er und der S-Bahn bestens an die Stadt angebunden. War ich auch – tagsüber. Das leidige Thema Nachtbus spar ich mir jetzt mal.

Die WG hab ich zusammen mit meinem Bruder Micha, einer Freundin namens Marion und Ricci gegründet. Ricci war damals noch Zivi und hatte ein Auto. Einen riesigen alten Peugeot Kombi. Das hat uns beim Ausbau unseres Dachgeschosses (immerhin 4 Wände samt Türen mussten eingezogen werden) wirklich geholfen.

Und – Bastler wie er war – hatte Ricci es schon damals geschafft, einen Discman (CD-Walkman oder iPod für CDs, für die jüngere Generation) im Auto zu installieren und ans Autoradio anzuschließen. Und meistens haben wir dann im Auto “Lauschgift” von den Fantastischen Vier gehört.

Ich kannte damals vor allem Leute aus dem Techno-Umfeld, hatte aber sonst groß keinen Kontakt in die Musikszene oder sonstigen coolen Kreise, hatte also auch keine Berührungspunkte zum Fanta 4-Umfeld. Aber ich fand es einfach cool, in der Stadt zu wohnen, wo die Typen auch wohnten. Und im Auto durch die Stadt zu fahren und die Musik von den Typen zu hören – das fand ich einfach cool. Wirklich.

Ich finde das Album aber auch musikalisch nach wie vor hervorragend. Ehrlich gesagt finde ich sogar, dass sie vorher nie besser waren und auch danach nie wieder so gut. Und ich finde sie waren auch nie so sehr HipHop (für ihre Verhältnisse) wie auf dem Album.

Die Musik mit echten Instrumenten ist wirklich erstklassig, beim grandiosen “Populär”, “Was geht” oder “Locker Bleiben” werden daraus gute Party-Burner, “Nur in Deinem Kopf” ist astreiner Pre-TripHop und “Krieger” nimmt die etwas esoterisch angehauchte Selbstfindungsphase von Thomas D vorweg.

Und dann natürlich “Sie ist weg”. Leute! Das ist einfach ein Hammer-Stück. Auf den Punkt. Hit, Ohrwurm, super gemacht. Und erzählt mir was Ihr wollt – alle Deutschen HipHop-Bands, die danach kommerziell erfolgreich wurden, von den Beginnern über Fischmob bis Fettes Brot, haben diesen Stil kopiert oder von mir aus aufgenommen, um kommerziell erfolgreich zu sein.

MTV Unplugged

So, fünf Jahre später, und es hatte sich verdammt viel getan. Vor allem auch bei mir. Ein Zivi-Jahr, ein abgebrochenes Studium und den ersten halb-festen Job bei Prinz später waren diese vier Typen, wo ich fünf Jahre zuvor noch stolz war, in der gleichen Stadt zu wohnen, meine Chefs.

Ich wurde “Press Promotion Manager” bei Four Music, und zu meiner Überraschung hatte ich sogar bei Michi Beck eines meiner Vorstellungsgespräche. Und da saß ich dann im Medienhaus und musste ans Telefon gehen, wenn irgendeine Zeitung was von den Fantas wollte.

War natürlich ein super Job, keine Frage, und ich hab in der Zeit bei Four Music nen Haufen coole Sachen erlebt, wofür andere wahrscheinlich viel Geld zahlen würden. Und davon wiederum das Highlight war das MTV Unplugged mit allem drum und dran.

Neben dem üblichen Pressekram bin ich in dem Zusammenhang besonders stolz drauf, alle vier Fantas, die damals in vier verschiedenen Städten wohnten, zu einem Fotoshooting an einem Termin nach Köln zu bringen – ich nehme an, das ist bis heute ein organisatorisches Kunststück, und bis Herr Beck 1 min. vor Abfahrt am Hauptbahnhof in Stuttgart ankam war ich nicht sicher, ob es wirklich klappen würde.

Auf jeden Fall hatte ich die Ehre, schon bei den Proben in der Villa Berg zuhören zu können, weil ich diverse Journalisten hinkarren musste, und konnte da schon feststellen, dass das schon ne große Sache werden würde.

Auch beim Konzert an sich war ich dann vor Ort, und zwar in Balwe, einem Kaff im Nirgendwo. Dort gibt es eine Höhle, die meist mit klassischen Konzerten bespielt wird, und die hatten sich die Fantas für ihr Unplugged-Konzert ausgesucht.

Eigentlich waren es zwei Konzerte – am Freitag eine große Generalprobe mit einem Publikum aus Fans, die die Karten gewonnen hatten, und am Samstag der eigentliche Events mit einigen Promis und wiederum Ticket-Gewinnern.

Mein Job war die Betreuung der Gästeliste, was einerseits interessant war, weil ich natürlich alle Gäste gesehen habe, und weil ich Bettelversuche von leer ausgegangenen Fans abwehren musste. Andererseits war es aber ein Scheiß Job, weil ich während der ersten Hälfte des Konzerts im arschkalten Kassenhäuschen statt in der Höhle saß.

Trotzdem war es erstklassig – die Atmosphäre in der Höhle war wirklich atemberaubend, die Musiker waren gut, Lilo Scrimali hatte wie immer alles im Griff, für die Aufnahmen war eigens ein komplettes, riesiges Team von MTV London angereist und gut aussehende Fans wurden in die erste Reihe bugsiert.

Danach gab es noch eine nette kleine Aftershow-Party in der Dorfdisco im Nachbarkaff, wo einige bekannte Nasen am Start waren und ich mich wirklich sehr gut mit dem Intro-Herausgeber Matthias Hörstmann unterhalten habe.

Zur Musik selber will ich gar nicht viel sagen (schreiben) – viele konnten sich ja nicht vorstellen, wie die Musik der Fantas Unplugged umgesetzt werden kann – und was And.Y eigentlich dabei macht. Er hat auf die Pauke gehauen, und die Umsetzung mit richtigen Instrumenten ist wirklich grandios.

Nicht zuletzt ist dieses Album auch darum wichtig für mich, weil es eins von zwei ist, bei denen mein Name im Booklet steht (alle Four Music Mitarbeiter wurden erwähnt). Die Goldene Schallplatte hab ich dann leider nicht mehr bekommen – als die an alle Mitarbeiter verteilt wurden, habe ich schon nicht mehr bei Four gearbeitet.

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