52 Albums/09: Jay-Z “Reasonable Doubt”

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Ich habe bereits einmal vor langer Zeit dieses Album und meine Geschichte dazu angerissen. Aber in diesem Fall kann man sich gerne mal wiederholen.

Im Prinzip kann ich anhand von Jay-Zs Debüt meine komplette „musikalische Biographie“ abhandeln, der Werdegang meiner Vorlieben, warum ich höre, was ich höre. Letztendlich hängt vieles mit dem Jahr 1996 zusammen und mit meinem Zivildienst.

In erster Linie gibt bzw. gab es für mich immer nur zwei Musikstile. Techno bzw. House und HipHop. Die Felder sind – heutzutage mehr denn je – weit und man kann sich darin ziemlich verlieren.

Ich könnte auch sagen, prinzipiell hat mich immer nur die Musik interessiert, die von Schwarzen erfunden bzw. gemacht wurde. Das gilt kompromisslos mit der Ausnahme von Reggae und Dancehall. Ich mag Reggae und Dancehall nicht.

Ich mag aber auch nicht Rock. Die Gitarre hat mir in seltensten Fällen was gegeben. Der ersten Musikstil, mit dem ich Ende `80 konfrontiert wurde, war HipHop, genauer gesagt mehr oder weniger in Form von drei Bands: Beastie Boys, Public Enemy und 2 Live Crew. (Meine erste Maxi war “C´mon Babe” von 2 Live Crew, hat mir mein Daddy ausgegeben, 6,50 Mack, vier fast nackte Tussen drauf. Der hat sich bestimmt auch seinen Teil gedacht, damals im Ludwigsburger Breuningerland.)

Das geschah auch etwas unter „Gruppenzwang“. In der Klasse hieß es: „Pass auf, es gibt HipHop und es gibt Heavy.“ (Heavy stand für alles wo auch nur ansatzweise eine Gitarre zupfte – aber natürlich nicht „Walk this way“  oder “Fight for your right” 😉 ) „Pass auf, wir hören alle HipHop, also hörst du auch HipHop. Heavy hören nur Deppen.“ Klingt heute natürlich dämlich, aber ich muss dazu sagen wir waren 12 oder 13. Und wir hatten kein Internet :).

Mir hat diese Musik gefallen. Das hatte was. Außerdem hatten wir HipHopper die cooleren Klamotten. Und PE-Aufnäher waren der Shit schlechthin. Dazu gesellten sich natürlich noch Acts wie Grandmaster Flash, Kurtis Blow, Sugerhill Gang, Run DMC, Kool Moe Dee, später Stetsasonic, De La Soul, A Tribe Called Quest. Und eine Big Daddy Kane Kassette kann ich mich erinnern.

Da man jung war und kaum Kohle hatte, besaß man ausschließlich überspielte Tapes. Jede neue CD war eine Anschaffung, die man sich lange überlegen musste.

Zwei, drei Jahre nach diesen ersten Erfahrungen entwickelte sich so etwas wie ein eigener Geschmack der – auch MTV sei Dank – etwas breitgefächerter wurde. Ich kam auf Künstler wie Prince, überstand eine schwierige Dire-Straits-Genesis-U2-Beatles-Phase, in der mir HipHop zu stupide wurde. Und dann hat es eines Tages, warum auch immer, Bummbummbumm gemacht. Wir schreiben das Jahr 1993.

Warum und wie ich auf Techno kam, ich weiß es nicht mehr genau. Gut, es liefen die ersten Mainstream-Brecher der Marke U96 längst auf MTV. Oder natürlich Moby. Oder KLF. Auch die ersten Prodigy Sachen kickten. Nein, kein „Techno“, ich weiß.

Zudem hatte ich, als ich aufs WG kam, einen Schulkameraden, der einen Plan hatte. Der kannte „Visions of Shiva“ und Paul van Dyk. Ich wusste recht schnell, das ist die Musik, die reißt mich mit, zu der will ich tanzen und ja, die will ich auflegen.

Wie die meisten anderen DJs auf dieser Erde auch, will man in erster Linie auflegen, weil es einen geil macht, zwei Platten miteinander verschmelzen zu lassen. Diese Musik schien dafür geschaffen zu sein.

Ende 1993, Anfang 1994 hatte ich mein erstes Set-Up (also der Nachbau-Schotter vom Conrad) und investierte alles Taschen-Zeitungsaustragen-Ferienjob-Geld in Techno-Maxis. Beziehungsweise in die Platten, die Commander Tom bis um halb zwei im Oz spielte. Also die Marke Noom, Bonzai usw. Commander Tom war mein erstes DJ-Idol. Vielleicht lacht da jetzt jemand.

Bald war mir das Hardtrance-Trommelwirbel-165-BPM-Geschredder wieder zu doof. Ich lernte, was “richtig Techno” ist. „Our Music“ von Pascal F.E.O.S. und Heiko M/S/O zeigte mir den Weg. Vor einigen Jahren hab ich das zuerst Pascal F.E.O.S. und später dann auch Heiko M/S/O persönlich gesagt.

Ich lernte Jeff Mills, Robert Hood und Basic Channel kennen. Bei einem Berlin-Aufenthalt 1995 war ich im Hardwax und legte endgültig den Grundstein für eine geschmackvolle Techno-Sammlung. HipHop lief da nur so nebenher. Bisschen auf MTV. Etwas meine Affinität zu ATCQ und De La Soul gepflegt, die von „damals“ übrig geblieben ist. Das Erdbeben vom Wu-Tang-Clan hab ich erst einmal verschlafen.

Ich weiß nun auch nicht wieder wie und warum genau, aber 1996 sollte ich endgültig geschliffen werden. Auf zwei Pole. Ich erinnerte mich zum einen an meine Roots, zum anderen – warum auch immer, es war die Idee von dem Schulfreund, der mich auf Trance brachte – sind wir Ende 1995, Anfang 1996 viel ins Buddha gegangen.

Man konnte damals sogar noch ohne Scham den Begriff Blackmusic verwenden. Und obwohl ich keinen großen Einblick ins aktuelle HipHop-Geschehen hatte, kannte man doch irgendwie jedes Lied. Auf den lokalen Radiosendern lief damals so gut wie kein HipHop, ausgenommen vielleicht “California Love” und “No Diggity”. Deswegen: God bless MTV.

Ich brauchte wohl einen Ausgleich zum Gewummer, das ich natürlich immer noch über alles mochte (bis zum heutigen Tag), Platten kaufte und daheim mixen übte. Und zum einen war nun dank Zivi-Lohn etwas mehr Budget da. Man konnte sich neben den Techno-Maxis auch öfters mal ein HipHop-Album leisten.

Zum anderen lernte ich beim Zivildienst, den ich im Sommer 1996 beim Internationalen Bund in S-Vaihingen antrat, den Bernd kennen. Und der Bernd war Rap. Mir manchmal etwas zu RnBig, aber er war Rap.

Aufgrund meiner oben erwähnten Vorliebe, versüßten mir bereits ATCQ und De La Soul mit ihren mordsstarken Alben „Beats, Rhymes & Life“ und „Stakes is High“ den Sommer `96. Ein anderer Kumpel kam auf einmal mit dem Wu-Tang-Clan und den ersten Solo-Alben der Protagonisten ums Eck. Oh mein Gott, was ist das denn für ein fetter Sound? HipHop war back – für mich.

Und dann kam Hova. Ich weiß es noch genau, auf einmal stand im Winter 1996 der Bernd in meinem Büro und wedelte mit einer Kassette in der Hand. „Hier check das ab. Jay-Z neuer Rapper aus New York!“ Wer? „Jay-Z, Mann!“ Okay, Jay-Z.

In diesem Winter hat es sehr viel geschneit. Und dieser Mann, der einen auf Mafiosi machte und aus dessen dicken Lippen die Zeilen klar und deutlich und unerhört gut heraussprudelten, lieferte den Soundtrack zu diesem weißen wie kalten Winter. Deswegen muss ich als erstes, auch weil dieses Album eine leichte melancholische Grundstimmung verströmt, an den Schweine-Winter 1996/1997 und an meine Zivildienstzeit denken und wie ich zurück zum HipHop fand, was sich dann auch als 0711Club Dauergast manifestierte.

Jigga zeigte mir den Weg. Allerdings war unsere Beziehung erst einmal nicht von langer Dauer. Schon vom Nachfolgewerk „Vol.1: In my Lifetime“ war ich schwer enttäuscht und habe zunächt schnell das Interesse an Sean Carter verloren. Während „Reasonable Doubt“ beatmässig noch sehr klassisch war, wurde es mir danach erst mal zu holprig und modern.

So war mir dann auch sein zweites Masterpiece „Blueprint“ erst mal herzlich egal. Erst 2003 mit dem „Black Album“ bin ich wieder eingestiegen. Bis dahin minimierte ich Jay-Z auf eine Platte: „Reasonable Doubt“.

Dieses Album ist wohl neben „Illmatic“, „36 Chambers“ und „Strictly Business“ das beste HipHop-Debütalbum aller Zeiten. Heutzutage wird es sogar als eines der besten Rap-Alben überhaupt gehandelt.

Jeder Track sitzt. Kein Ausrutscher. Alles Perlen. Der Herzschlag-Bass vom Opener „Can´t Knock The Hustle“, das Duett „Brooklyn´s Finest“ mit Biggie oder natürlich –  für mich – die zwei Herzstücke „Dead Presidents“ und „D´Evils“. Oder weiter hinten das grandiose, leicht psychedelische „Coming of Age“ oder “Can I Live”. Lieder für die Ewigkeit. Lieder zum Mitrappen.

Ähnlich wie „Moments Of Truth“ hab ich das Tape circa 700 Mal im Auto gehört. Das ist übrigens eine witzige Anekdote: Ich besaß “Reasonable Doubt” lange Jahre nur als Kassette. Überspielt vom Bernd. Irgendwann hab ich es beim Nachbar im Laden als Repress gekauft.

Heutzutage werde ich öfters mal gefragt, was ich mehr mag oder was ich lieber auflege – House oder HipHop. Ich kann darauf keine Antwort geben.

That´s all about me and the music.

P.S.: Witzigerweise hat heute Jay-Z, besser gesagt wahrscheinlich einer seiner Untertanen, auf Facebook dieses Shirt angepriesen:

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12 Comments

  • Yasmin sagt:

    word. ich hätte auch gern so ne geschichte…^^

  • Beraternase sagt:

    Habe mir das Album gerade bei Napster heruntereladen. Bin gespannt.

  • Thorsten W. sagt:

    Witzig, wie sich Geschichten von Leuten im gleichen Alter ähneln… und unterscheiden… Für Commander Tom musst Du Dich nur ein bißchen schämen – der steht für mich für das Ende der guten Zeiten im Nexus und im Oz.

  • Busyicer sagt:

    can’t knock the hustle ist der TRACK überhaupt! ich bekomme immer wieder undercover ne gänsehaut bei dem lied ^^
    und ich mochte oder mag noch immer das zweite album ^^ ok ich war jünger und hab die mukke anders aufgenommen.
    aber ein mega album!

  • The Rocket sagt:

    coole story – erinnert sehr an meine “music-geschichte” – bis auf’s auflegen und jay-z 🙂

    bei mir fing “bumbum” im frühsommer in lloret de mar an – mei, was haben die besoffenen holländer gestampft zu “das boot”, “who killed jfk?” oder speedy j’s “pullover mix” – und ich kleines hippiegirl auf einmal voll auf elektronischer mucke! mein weg ging dann über’s splash in WN, nach stuggi ins red dog und ins trance in der tübinger (boah, war das abgefuckt, aber irgendwie geil) – lang lang ists her, aber mir wird jedes mal warm um’s herz, wie lässig das damals alles war und bei ein bisschen bumbum zappelten schon die füße 😉

    naja, ich hab’ dann auch den typischen stuttgarter werdegang hingelegt mit sämtlichen m1-stationen, red dog-schließung, cafe berlin, großer bär usw. 😛

    und heute, mit anfang 30, wohne ich in frankfurt und freu mich wie bekloppt, wenn ich alle paar monate mal ins cocoon gehe und beispielsweise der babba auflegt – so wie diesen freitag. da ist es wieder, das kleine hippiemädel 🙂

    schöne grüße!

  • The Rocket sagt:

    ps. ich meinte frühsommer 1992…

  • max sagt:

    ich sag nur fugees konzert in stuttgart, jay als “vorrapper”, unglaublich. das album ist von a-z perfekt, foxxy auf “ain`t no….” setzt die messlatte für frauenrap mal ganz weit hoch.can`t knock the hustle, feelin it, dead presidents und can i live sind die besten.

  • julia sagt:

    ha, fugees in der schleyerhalle??
    da war ich auch… und da war jay-z? kann mich nur an die setlur erinnern, wenn ich mich richtig erinner. schon so lange her

  • Majde sagt:

    yep
    fugees in der schleyerhalle, mit einer gänzlich ignorierten sabrina setlur als erste vorgruppe!und dann meinte ein kumpel zu mir:” der typ der jetzt kommt, der kommt noch mal ganz gross raus” und es war jay-z, so ca. 20, aber der obermack auf der bühne!ein anderer kumpel wiederum hat sein handtuch gefangen,hat es glaub ich bis heute net gewaschen 😉
    absoluter classic!!!

  • atom3000 sagt:

    “damals im Ludwigsburger Breuningerland” … war das dieser komische Plattenladen mit dieser irren rotgeschwungenen Deko vornedran?

  • martin sagt:

    genau der, erste etage, fast direkt da wo man runtergucken konnte.

  • martin sagt:

    zum 20-jährigen erzählen die producer die entstehungsgeschichte des albums

    http://www.spin.com/2016/06/ja.....j-premier/

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