Wo liegt eigentlich Sandhausen?

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(Foto: Marco Reus, Dortmund. Der hatte sogar dafĂŒr Zeit)

Fußball ist eine ernste Angelegenheit und die Nerven liegen blank. Nicht nur, wenn der Klopp durch das ZDF-Studio poltert. Der VfB Stuttgart ist mittlerweile die erste Adresse fĂŒr Masochisten in der Region – absoluter WohlfĂŒhlfaktor, wenn man gerne auf die Fresse bekommt. Kessel.tv, Stuttgarts meister Handballblog, holte sich die Watschn persönlich im Stadion ab.

“Hau ab, du Dortmunder Ffffotze”, motzt einer am Ausgang der Mercedes Benz Arena. Eine gewagte Behauptung nach Spielschluss – auch weil ich mir nicht sicher bin, ob man das jetzt mit “F” oder “V” schreibt. Ich war mir lediglich sicher, dass der Angesprochene nix dergleichen hatte. Jungs sind gerade in dieser Beziehung seit jeher eher miserabel bestĂŒckt.

Viel mehr wusste ich aber auch nicht nach der 2:3 Niederlage vergangenen Samstag gegen Dortmund.  Zweinull gefĂŒhrt und dann doch wieder nur vorgefĂŒhrt worden. VfB Abwehrspieler Georg Niedermeier sieht Rot fĂŒr eine kleine Notbremse, aber der Dortmunder Aubameyang fĂŒr seine dĂ€mliche Frisur nicht mal Gelb und Marco Reus, auch mit fragwĂŒrdigem Haarschnitt, musste sich ausgerechnet gegen den VfB wieder in top Form zurĂŒckmelden. Drei Tore in einem Spiel. Sagenhaft. Arschloch. Der Abstieg aus der ersten Liga rĂŒckt selbst fĂŒr Leute mit kurzen Armen in greifbare NĂ€he.

Da hilft jetzt nur noch die alte Fußball-Weisheit: “Haste Scheiße am Schuh, haste Scheiße am Schuh.” HĂ€tte mich nach dem Spiel gegen Dortmund irgendein ZDF-Azubi doof ausgefragt – ich hĂ€tte ihm derart blöd geantwortet, dass niemand jemals wieder von JĂŒrgen Klopp geredet hĂ€tte. Aber mich fragt ja keiner.

Dabei dachte ich an diesem Samstag kurzzeitig, ich sei der König der Welt. UngefĂ€hr 30 Minuten lang. MitbewohnOmatic ĂŒberlies mir seine Dauerkarte, Cannstatter Kurve, nur echt mit “The Horse Soul Club Stuttgart”-Aufkleber neben dem Sitz – allerdings nicht ohne mir mit auf den Weg zu geben, ich solle mich benehmen und gefĂ€lligst drei Punkte mit nach Hause bringen. Selbst das Wetter war super. “Kaisawetta!”, sagte ich noch an der U-Bahn-Station – zu mir selbst.

Der Rest war ebenso königlich: 1:0, 9.Minute, Gentner. Ein Traumstart. Als Martin Harnik in der 19. Minute das 2:0 fĂŒr den VfB Stuttgart machte, hatte ich schon fast Muskelkater vom Jubeln. Als VfB-Fan hat man derzeit ja höchstens die Arme oben, um sich mit der flachen Hand gegen die Stirn zu hauen. Wie man da bitteschön mit einer 2:0-FĂŒhrung gegen Dortmund umzugehen hat, steht in keinem Buch.

Die Sache war trotzdem einigermaßen klar: “GlĂŒcksbringer! Du musst ab jetzt immer kommen”, sagte einer bei uns im Block und lĂ€chelte, wie nur MĂ€nner das können, deren Verein gerade völlig ĂŒberraschend mit 2:0 gegen Dortmund fĂŒhrt. Drohender Abstieg hin, Hoffnung her – im Fußball ist Aberglaube eine der letzten Möglichkeiten, nicht wahnsinnig zu werden. Und ich war bereit, die volle Verantwortung zu ĂŒbernehmen.

FĂŒr einen kurzen Moment schaute ich andĂ€chtig durch das ausverkaufte Stadion, dachte “Danke, Danke, Danke!” und glaubte tatsĂ€chlich, es lĂ€ge auch ein bisschen an mir, dass der VfB gerade gegen die galaktischen aus Dortmund seine FĂŒhrung ausbaute. Ich stellte mir vor, wie sich nach Abpfiff alle Zuschauer von ihren Sitzen erheben, mir mit FreudentrĂ€nen in den Augen applaudieren und der Stadionsprecher verkĂŒndet: “Danke Setzer, super Spiel gemacht! Ohne dich hĂ€tten wir das nicht gepackt”.

Kleine Kinder wĂŒrden mir in Zeitlupe zuwinken oder den Podolski-Daumen zeigen, gestandene MĂ€nner wĂŒrden mir auf die Schulter klopfen und eine Ă€ltere Dame mir – natĂŒrlich auch in Zeitlupe – ihren GlĂŒcksbringer-Schal vom Spiel damals gegen Manchester United umhĂ€ngen und mich dann sanft aber trotzdem etwas zu feucht auf die Wange kĂŒssen. Es war sagenhaft, aber ich blieb trotzdem bescheiden, winkte lediglich verlegen zurĂŒck ins weite Rund des Stadions und sagte “Heeey, Danke. Danke vielmals.”

SpĂ€ter wĂŒrde ich noch JĂŒrgen Klopp attestieren, dass er eine saugute Mannschaft hĂ€tte, es heute aber leider nicht gereicht hĂ€tte, weil ICH einfach einen wirklich spitzen Tag hatte. Klopp wĂŒrde lachen und sagen “Respekt, Setzer! Gegen Dich ist heute einfach kein Gras gewachsen. Das muss ich neidlos anerkennen.”  Schnitt, zurĂŒck ins ARD-Studio zum Beckmann. Hinter ihm: ein Bild von mir an der Videowand, drunter steht “Sensationell, Setzer”. Markus Lanz war auch voll in Fahrt: “Also, darĂŒber wird noch zu reden sein.”

Den Job als neuer Sportdirektor in Dortmund lehnte ich trotzdem sofort ab. “JĂŒrgen, VfB ein Leben lang. Weisst du doch.”

Dann lachten wir beide und gaben uns die Touchfist, wie man das sonst nur mit Geiger machen kann. Fredi Bobic lief in den Katakomben der Mercedes Benz Arena auch noch an uns vorbei. Er packte mich an den Schultern und brĂŒllte “Geeeeiiilll!” und selbst Huub Stevens war fĂŒr seine VerhĂ€ltnisse auch sehr ĂŒberschwĂ€nglich und meinte “Schuper, Mike!”

Stevens heißt in Wirklichkeit ĂŒbrigens Hubertus Jozef Margaretha Stevens. Ich mag es nicht, wenn man mich “Mike” nennt, weil ich so nicht heiße. Aber an derartigen Tagen lĂ€sst man die FĂŒnfe mal gerade sein.

Das war nĂ€mlich ein Tag, wie gemacht, um Geschichte zu schreiben. Wahrscheinlich krakeelte ich deshalb auch schon ab der 20. Minute, “Ohmann, Schiri pfeif’ endlich ab” und wahrscheinlich schwitzte ich auch aus diesem Grund wie Zinedine Zidane damals. Ich war selbst zu Fuß bereit fĂŒr einen Autocorso. So eine Show wĂŒrde sich ja nur ein ausgemachter Idiot entgehen lassen … und der Schiri: er wurde in der 73. Minute verletzungsbedingt ausgewechselt. Ich denke, Schiedsrichter sollten öfter mal ausgewechselt werden. Je nach Leistung halt.

Aber dann kam eben der Marco Reus in Fahrt und Laune. Als er in der 83. Minute das 2:3 schoss, war auch das letzte bisschen Furz meiner Magie endgĂŒltig verflogen. Ich saß da wie bestellt und nicht abgeholt, wie der grĂ¶ĂŸte Idiot in Cannstatt und Umgebung. In Bad Cannstatt ist das gerade am Wochenende eine große Leistung.

Das einzig Positive in diesem Moment war, dass niemand sehen konnte, dass ich rote Socken mit dem VfB Logo trug. Das war’s dann aber schon. Okay, es war auch wunderbar, dass Daniel Didavi nach langer Verletzungspause wieder auf dem Platz stand. Aber der Reus verhagelte auch ihm die Petersilie. Mutwillig.

Ein nahezu voller Bierbecher flog an mir vorbei. Ich denke, er sollte mich treffen, schlug aber schrĂ€g gegenĂŒber auf der TribĂŒne ein, auf der sich gerade Leute mit gelben Trikots – in Zeitlupe – von ihren Sitzen erhoben, um Marco Reus zu applaudieren, der den VfB gerade ein StĂŒckchen nĂ€her in Richtung Abstieg schoss.

“Wo liegt eigentlich Sandhausen?”, denke ich, weil ich mich immer mehr auf den Abstieg in die zweite Liga vorbereiten muss. “Bei Heidelberg, in der NĂ€he von Sinsheim”, sagt einer. Und erst da fĂ€llt mir auf, dass ich das nicht gedacht sondern, tatsĂ€chlich gesagt habe.

SpĂ€ter auf dem Weg zur U11 höre ich einen Typen. Er singt: “OlĂ©olĂ©, nĂ€chstes Saison spielen wir gegen Karlsruhe”. Die dazugehörige Melodie kannte ich nicht, der Kerl jedoch kam mir bekannt vor: FrĂŒher war er der etatmĂ€ĂŸige Linienrichter bei unseren Fußballspielen auf dem Dorf, selbst wenn schon einer da war – von der E-Jugend bis zu der Erwachsenen-Mannschaft. Er war immer da, brachte auch immer seine eigene Fahne mit. Und obwohl ihn prinzipiell jeder stĂ€ndig auslachte, wurde er von allen beschĂŒtzt und verteidigt. Besonders wenn Leute aus anderen Dörfern Witze ĂŒber ihn machten. Auch das ist Fußball.

Egal jetzt, Samstag,15:30 Uhr, Mercedes Benz Arena: VfB Stuttgart – SC Freiburg. Bitte, bitte, bitte.

7 Comments

  • Timo sagt:

    wieder einmal weltklasse, auch wenn der anlass ein tieftrauriger ist…

    dem foto nach zu urteilen bist du etwa 5 reihen unter mir gesessen 😉

    morgen auch da?

  • martin sagt:

    “Ich saß da wie bestellt und nicht abgeholt, wie der grĂ¶ĂŸte Idiot in Cannstatt und Umgebung. In Bad Cannstatt ist das gerade am Wochenende eine große Leistung.”

    😀

  • setzer sagt:

    Nee, die Dauerkarte ist wieder bei ihrem rechtmĂ€ĂŸigen Besitzer. Ich hoffe, er bringt mehr GlĂŒck als ich.

  • stegoe sagt:

    „Ingolstadt war der erwartet schwere Gegner“ (SĂ€tze an die man sich nicht gewöhnen will)

  • Beraternase sagt:

    Warum fragt eigentlich jeder nach Sandhausen (ist in der NĂ€he von Hoffenheim)? Heidenheim wĂ€ren die wahren Herausforderungen…. Aber ich glaube nicht an Abstieg. DafĂŒr ist der VFB immer noch zu stark…. Ansonsten gg. Heidenheim wĂ€re der schwĂ€bische Classico…

  • Alex sagt:

    Hey Setzer wenns deine Nerven nicht mehr mit machen kannst auch einfach auf die Waldau kommen wir haben doppelt soviel Punkte ^^

    Aber jetzt schnell weg bevor ich einen roten Socken an den Kopf bekomme!

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