The Soul of KTV (36): Northern Soul Special

Sie wĂŒnschen, wir spielen: Genauso wie bei meinen DJ-Sets halte ich es hier meistens so, dass gute, passende und in vernĂŒnftig vorgetragenem Ton vorgebrachte WĂŒnsche zumindest in Betracht gezogen werden. Und so entspreche ich gern dem von JMO2 bei der letzten Ausgabe angebrachten Anliegen, doch mal ein Northern Soul Special zu bringen.

Und weil ich in dem Bereich allenfalls ein gefĂ€hrliches Halbwissen besitze, man aber gleichzeitig auf relativ empfindliche Experten trifft, habe ich mir einen solchen fĂŒr einen Gastbeitrag gesucht. Und ich freue mich sehr, dass ich dafĂŒr JĂŒrgen Dobelmann gewinnen konnte.

Geborener Kornwestheimer, Ex-Stuttgarter, frĂŒher legendĂ€rer Prinz-Redakteur, danach und schon seit ewigen Zeiten in der Musikbranche tĂ€tig und aktuell Content Manager bei Sony Music International in MĂŒnchen. Und natĂŒrlich GrĂŒndungsmitglied und Bandleader von The Soulboy Collective, dem ich hier schon des öfteren gehuldigt habe. Ach ja, und natĂŒrlich schon lĂ€nger Northern Soul-Fan als die meisten anderen.

MEINE NORTHERN SOUL TOP 5
von JĂŒrgen Dobelmann

Disclaimer: Meine Vorlieben hinsichtlich Northern Soul unterscheiden sich vermutlich grundlegend von der klassischen Soulie-Perspektive.

WĂ€hrend gemeinhin die Kriterien Seltenheit, AuthentizitĂ€t und Soulfulness als Gradmesser fĂŒr gehobene Relevanz herangezogen werden (okay, eigentlich IMMER nur: Seltenheit), fasziniert mich an Northern Soul-StĂŒcken die Tatsache, dass viele der heutigen Genre-Klassiker einst als Demo-Aufnahmen fĂŒr damalige Erfolgs-Label wie Motown und Stax entstanden waren, aber letzten Endes dort nicht gesignt wurden.

Anstatt dessen erschienen sie u.a. in Kleinstauflagen bei EigentĂŒmer-gefĂŒhrten Winzig-Labels – und wurden in der Folge zu ultimativen SammlerstĂŒcken. Die in jeder Note und jedem Text-Partikel spĂŒrbare Sehnsucht nach Hit und Erfolg in Kombination mit bescheidener Produktions-Budgetierung und einer Spielzeit unter zweieinhalb Minuten ergibt fĂŒr mich in der Summe maximale Awesomeness.

1. I Really Love You – The Tomangoes

DIE Northern Soul-Blaupause. Spielzeit 2:15 Minuten. Zum Sterben catchy BlĂ€sersĂ€tze ĂŒber einer ĂŒberstĂŒrzt holpernde Bassline, dazu ein schreddiger Motown-typischer 4/4-Snare-Beat. On top die gesangliche Verzweiflungstat eines mutmaßlich vielfach gebrochenen Herzens, die einem ruckzuck die Kehle zuschnĂŒrt. The Sound of Leidensdruck.

Bereits nach zwanzig Sekunden bricht der Refrain, in dem die Gesangsmelodielinie geschickt umgekehrt proportional gegen die BlechblĂ€ser lĂ€uft, mit atemberaubender Pracht und Harmonieverschiebung ĂŒber uns herein. Ein RĂ€tsel, warum das noch niemand gecovert hat.

Über Band und Erscheinungsjahr ist herzlich wenig bekannt, angeblich wurden die Instrumente von Bob Segers Band (!)eingespielt. Kein Wunder, dass selbst der Rare-Soul-gestĂ€hlte Kev Roberts (Wigan Casino DJ & Goldmine/Soul Suppy Labelchef) das Ding als „ridiculously obsure disc“ einstuft.

2. Love, Love, Love – Bobby Hebb

Yep, DER Bobby Hebb. 1966 veröffentlichte der aus Nashville stammende SĂ€nger mit „Sunny“ jenen Song, der ihm lebenslang das PrĂ€dikat One Hit-Wonder einbrachte. Meine Generation kennt das Lied als Mittsiebzieger-Nummer-Eins-Hit von Boney M., unsere Kinder seit Cros „Easy“ vor drei Jahren.

Nachdem Alkohol seine Karriere zum Stillstand gebracht hatte, bescherte ihm seine PopularitĂ€t in der britischen Soul-Szene 1972 noch mit „Love, Love, Love“ einen unerwarteten Top 40 Hit. Der geschmeidige Soul-Smoothie enthĂ€lt mehr Hooklines als eine Bananarama- LP und den schier unschlagbaren Satz: „Love is a girl like you“.

So klingt Frischverliebtsein. WĂŒrde ich tanzen, dann zu diesem Song.

3. The Night – Frankie Valli & The Four Seasons

Klassischerweise gerĂ€t man ĂŒber zeitgenössische Coverversionen an Northern Soul. In meiner Generation waren es die Soft Cell-Hits „Tainted Love“ (im Original von Gloria Jones) und „What“ (Judy Street) sowie die „Seven Days Too Long“-Neuinterpretation der Dexy’s Midnight Runners. SpĂ€ter nahmen sich auch Indiebands wie The Fall („There’s A Ghost In My House“), Credibilty-bedĂŒrftige Topstars wie Sexkylie Minogue oder Manchesters Postrave- Sternchen Intastella Klassikern des Genres an.

Letztere versuchten 1995 mit einer Saint Etienne-esken Aufarbeitung des Frankie Valli-Smashs „The Night“ den Chart-Durchbruch, kamen aber gerade mal bis in die Top 60 der UK Charts. Das Original gilt (soweit ich weiß) neben Billy Oceans (ebenfalls ziemlich tollen) „Red Light Spells Danger“ aufgrund seiner ungenierten Schlagerhaftigkeit nebst Mainstream-PopularitĂ€t als Kirmes-Soul und damit quasi als unspielbar.

Genre-DJs, die was auf sich halten, setzten die Nummer (leider) nur im absoluten Notfall ein (soll heißen: wenn mit superrarer Obskur-GrĂŒtze mal wieder die TanzflĂ€che bereinigt wurde).

4. Carol Kay – This Time You’re Wrong

Neben Coverversionen fand und findet Northern Soul seit Ende der Achtziger bzw. Anfang der Neunziger auch via Sampling seinen Weg in die zeitgenössische Popkultur.

Neben den Fine Young Cannibals, deren US-Nummer-Eins-Hit „Good Thing“ ein (mal wieder) „Tainted Love“-Sample enthielt, oder den britischen Wimp-Pop-Darlings Spearmint, deren SpĂ€tneunziger-Song „Sweeping The Nation“ auf dem Piano-Riff aus Dobie Grays Alltime-Northern-Soul-Klassiker „Out On The Floor“ basierte, bedienten sich vor allem Go Team! an Sound-Elementen des Genres.

Die Bridge ihres 2004er-Hits „Ladyflash“ lieh sich die Band kurzerhand von Carol Kays „This Time You’re Wrong“, einer genialen ich-nehm-dich-nicht-mehr-zurĂŒck-du-Depp-Midtempo-Hymne mit einer Spielzeit von 2:47 Minuten. „Single Ladies“ in gut halt.

5. Barbara & Brenda – If I’m Hurt You’ll Feel The Pain

In meinen ansonsten vorsĂ€tzlich poppig gehaltenen Top 5 ist „If I‘m Hurt You‘ll Feel The Pain” der Song mit dem bluesigsten R&B-Vibe.

Generell verabscheue ich Blues, Rock’n’Roll und anverwandte Faulpelz-Traditions-Musikstile, aber hier kickt mich das hĂŒpfende Off-Beat-Piano (bei dem ich stets an „Sommerhit 3000“ der Co-Mix denken muss) und die kaum aushaltbare, roughe Sexiness der beiden im Wechsel singenden Stimmen – eine der Verzweiflung nahe, die andere von schockierend resignativer Gleichmut.

Das mit der Sexiness muss ich freilich umgehend zurĂŒcknehmen, handelt es sich bei Barbara & Brenda (Gaskins) doch tatsĂ€chlich um ein Tante/Nichte-Duo. Neben Tanya Stephens’ „Can’t Breathe” DER Klassiker im brichst-du-mir-das-Herz-brech-ich-dir-das-Beine-Business.

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Und, angefixt? Schöne Musik, gell? Und wo kann man in Stuttgart Northern Soul hören? Ha, beim THE HORSE Soul Allnighter von Jens-O-Matic und Stompin Johnson. Und der findet passenderweise diesen Samstag im Goldmark’s statt. Mit dem besten Motto von allen: No Eintritt! No Attitude! No Rumsitzen!

THE HORSE Soul Allnighter
Sa 15.2., Goldmark’s
Facebook-Party

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Doch das Ganze wird noch getoppt. Am Freitag gibt es nÀmlich auch schon Soul, und zwar feiere ich im Super Popular Sanchez mit meiner Reihe The Soul schon den zweiten Geburtstag. Kinners, wie die Zeit vergeht. Hier ist Northern Soul eher eine Randerscheinung, schön und tanzbar wird es trotzdem.

Vor allem, weil ich mir meinen Mann DJ Friction eingeladen habe. Einer der versiertesten Plattensammler im Bereich schwarze Musik in der Region, wĂŒrde ich mal behaupten. Das wird ein dufte Abend, ich freu mich wie Bolle.

2 Years of The Soul
Fr 14.2., Super Popular Sanchez
Facebook-Party

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3 Comments

  • saarlĂ€nder sagt:

    Super, vielen Dank fĂŒr diese (mal wieder) schöne Zusammenstellung an Gastautor und “Herausgeber” :).

  • cHiller sagt:

    Super! Danke fĂŒr das Special. Tu mich bei Genre-definitionen und -eingrezungen immer etwas schwer, deswegen hĂ€tte ich nicht mal sagen können, was aus meiner Sammlung in den Bereich Northern Soul fallen wĂŒrde.
    Jetzt weiß ich zumindest, dass “Tainted Love” dazu gehört. Vielleicht finde ich ja auch noch mehr…

  • JMO2 sagt:

    Wonderbaar und ich bedanke mich sehr herzlich bei Herausgeber und Gastautor!

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