Ernsthaft, alle?

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Poetry geht auch ohne Slam. Und die Botschaft ist ja irgendwie die gleiche. #yolo #wtf #adac

Komisch – wenn man sagt, man war lĂ€nger im Ausland, klingt das immer ein bisschen, als wĂ€re man in dieser Zeit im GefĂ€ngnis gewesen und wolle das bloß nicht zugeben. Also, als ich mal vor ein paar Jahren lĂ€nger im GefĂ€ngnis Ausland war und dann wieder zurĂŒck nach Deutschland kam, da erlebte ich meinen ersten richtigen Kulturschock.

Nicht, weil die Menschen hier nicht so freundlich waren wie da. Oder die Sonne nicht so prĂ€sent. Oder das Meer nicht so unmittelbar da. Sondern weil auf Platz 1 der Media Control Charts eine Formation namens “No Angels” mit dem Single-Hit “Starlight in your eyes”  war. Was mich seinerzeit nachhaltig verwirrt hat, weil man ja eigentlich immer mitbekommt, wenn sich irgendwo eine Platz-1-Platzierung anbahnt.

An mir war aber damals der gesamte Entstehungsprozess im Crack-Labor von RTL 2 vorbeigegangen. Ich hab dann auf einem VideokanalvorlĂ€ufer von YouTube aus Versehen “PLAY” gedrĂŒckt und mich schon gefragt: wer oder was sind No Angels? Und wieso oder weshalb sind die in den Charts?

So oder so Ă€hnlich muss es Menschen gehen, die jetzt gerade im GefĂ€ngnis oder im Ausland sind und sagen wir mal diese Woche wegen guter FĂŒhrung wieder nach Hause geschickt werden. Die werden sich wundern, warum im Fernsehen plötzlich alle Outdoor-Westen mit vielen Taschen fĂŒr Kodak-Filmrollen und McGyver Werkzeuge tragen, warum diese Menschen vor laufender Kamera im Bikini duschen. Und wer oder was ein Wendler ist.

Sie werden sich weiterhin fragen, warum auf einem neumodischen Kurznachrichtendienst ein nicht ganz so neumodischer Lokalpolitiker einen Pillemann twittert (scheinbar Account gehackt, sagt er). Und dann natĂŒrlich, warum alle Menschen im Internet einer Studentin dabei zujubeln, wie sie “meins” auf “deins” reimt. Eine Dame, die facebook Titelbild-Weisheiten auf dem Niveau von  “Das Leben ist zu kurz fĂŒr schlechte Eiscreme” von sich gibt und sie in einer Extended Version auf 5 Minuten 48 ausdehnt.

Ich meine, Julia Engelmann (21) ist gut. Sie kann offensichtlich gut schreiben und gut aufsagen. Sie ist außerdem blond, medial und (21) – und sie hat mehrere HD-Kameras im Hörsaal dabei. Ob sie 2.962.479 Klicks gut ist? Keine Ahnung.

Am meisten freue ich mich darĂŒber, dass sie 2.962.479 bei Daimler Chrysler Financial Services arbeitende Menschen dazu animiert, sich in ihrer BĂŒrofreizeit mit Poetry Slam auseinanderzusetzen, widerstandlos alles zu bejahen, was die 21-JĂ€hrige da sagt, um sie dann wegzuklicken und in einem neuen Browserfenster zu schauen, was es Feines in der Kantine gibt.

Es ist doch so: mantra-artige Weckrufe im Stile von “Komm, wir lassen morgens den Wecker klingeln und drehen uns nochmal um, wir verrĂŒckten Freaks” – haben doch schon die ungeliebten Wir sind Helden ĂŒber Jahre hinweg gesungen und niemand hat deswegen hyperventiliert.

Das Resultat ist vermutlich, dass sie jetzt von ZDFneo eine eigene Sendung bekommt und von Diogenes einen Buchvertrag und wir nach Mayer-Landruth und Helene Hegemann die nÀchste Göre als weiblichen Messias feiern, der uns endlich die Leviten liest.

Wer schon mal bei einem Poetry Slam war (Kellerclub, Rosenau, gerne auch Theaterhaus – da war mal so ne Art Deutsche Meisterschaft oder WM oder so), der weiß, dass in dieser  Szene viele Leute sowas in der Art “raushauen”. Ganz einfach, weil sie sehr gut mit Worten und dieser immer noch relativ jungen Kunstform umgehen können.

Julia Engelmann dafĂŒr als Überbringerin einer Wahrheit zu feiern, die wir alle bisher nicht kannten, finde ich ĂŒbertrieben bis hysterisch. Und die post-begleitenden EinfĂŒhrungssĂ€tze, die ich in meiner facebook-Timeline zu ihrem Video lesen muss – “Wow”, “Wie recht sie hat”, “Endlich spricht’s mal jemand aus.” “Wie wahr.”- die wĂŒrde ich viel lieber zu diesem Filmchen lesen:

Die augenscheinlich nicht mehr ganz so 21-jĂ€hrigen Musiker der Band StrĂ€ps (!) aus MĂŒnchen bewerben sich mit dem Song “Jungle DĂ€nce” fĂŒr den European Song Dingens Contest. Wie eine Re-Inkarnation der totgeglaubten aber nicht – zu kriegenden Spider Murphy Gang. StrĂ€ps reimen “Das kann ich bĂ€hĂ€stĂ€ns” auf “Jungle DĂ€nce”, singen was von wegen “nackert an der Isar flacken” und “huhu von frĂŒh bis spĂ€t” und verdienen damit genauso viel Respekt wie Julia Engelmann, Mann.

Wenn jede Stadt die Spassvögel bekommt, die ihr zustehen, dann sind wir hier aber mit Der Kleinen Tierschau noch glimpflich davongekommen.

“Mich kotzt dieses Blabla romantische PrezlauerBergGefasel total an. Ich hab in meinem Leben so viele SonnenuntergĂ€nge gesehen und davon ist nichts besser oder schlechter geworden.” – fĂŒr mich der vielleicht schönste, weil aggressivste Kommentar in der ganzen Diskussion. In diesem Sinne fĂŒr Eure facebook Titelbilder:

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