Lost in Bad Hersfeld

Und ich schreib RAM noch im Glumb.TV-Whatsapp-M√§nnerchat: “Zugfahren ist halt echt immer Realsatire”. Da fand ich’s noch lustig. Ich fahr nicht oft Zug, und ich hab die Leute, die sich bei Facebook und anderswo laufend √ľber den t√§glichen Horror des Banhfahrens beschweren, immer ein wenig bel√§chelt. Bis Dienstag.

Da bin ich mit zwei Kollegen nach Erfurt gefahren, zu einem Kundentermin. Mit dem Zug. Umsteigen in Fulda. “Den Anschlusszug in Fulda haben wir bisher noch nie bekommen”, erkl√§rt mir mein Kollege, der schon √∂fter beim Kunden in Erfurt war.¬†Wir haben den Anschlusszug in Fulda nicht bekommen.

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Also eine Stunde in Fulda auf den n√§chsten Zug warten. In der Coyote Bar gegen√ľber vom Bahnhof, griechischer Salat in der Basisausstattung, gr√ľner Salat, Gurken, Tomaten, Schafsk√§se, keine Oliven, 7,90 Euro. Wir h√§tten auch nebenan in den Bahnhof’s Grill gehen k√∂nnen, “schnell – preiswert – gut”.

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Stattdessen tragen wir unser gesamtes Wissen √ľber die Weltstadt Fulda zusammen. Ich kenne nur den Reifenhersteller, mein Kollege kombiniert schlau, dass durch Fulda die Fulda flie√üt, Geiger wirft per Whatsapp ein, dass Fulda nicht mal eine ehemalige Zweitliga Mannschaft hat. “Die haben nix. Nicht mal die Rh√∂n, wo das Rh√∂nrad erfunden wurde. Fuck Fulda.” Ich glaube Geiger mag Fulda nicht.

Aber Fashion gibt’s in Fulda. Socks & Sandals sind inzwischen auch in der Deathmetal-Szene angekommen und gelten in Wacken als der letzte Schrei. Hauptsache schwarz.

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Dann geht es tats√§chlich ohne weitere Zwischenf√§lle weiter nach Erfurt. Und leider sehe ich von der bestimmt wundersch√∂nen Stadt Erfurt nicht viel au√üer dem Bahnhof, einer kurzen Taxifahrt und einem klimatisierten B√ľrogeb√§ude.

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Doch auch so erfahre ich viel √ľber Erfurt – z.B. dass Erfurter nette Nachbarn haben. Wann werden Sie Erfurter? Ich √ľberlege kurz, aber im Taxi l√§uft “Runaway Train”, das ist ein Zeichen. Schnell in den Zug zur√ľck, wieder nach Fulda, und wieder meint mein Kollege, dass sie den Anschlusszug in Fulda noch nie bekommen h√§tten. Diesmal hat er unrecht. Leider.

Denn nach einer gerade mal knapp einst√ľndigen Fahrt stehen wir gerade in einem St√§dtchen namens Bad Hersfeld im Bahnhof, als die Schaffnerin (oder Zugbegleiterin?) einer Mitreisenden etwas Geheimnisvolles zuraunt. Ich verstehe nur die H√§lfte und ahne B√∂ses. Und schon bald kommt die unheilvolle Durchsage: Wetterchaos in Hessen, Frankfurt dicht, wir bleiben erst mal stehen.

Anfangs bin ich noch locker. Es ist noch fr√ľher Abend, die Klimaanlage funktioniert, ich hab 3G, was zu lesen und das Ladeger√§t dabei. Mein Kollege ist weniger locker. Er hat o2 und keinen Empfang, nix zu lesen und zu Hause Pflanzen und Tiere zu versorgen. W√§hrend er investigativ versucht, am Bahnhof was rauszukriegen, bem√ľhe ich mit meinem stabilen 3G-Netz das Internet. Die “Aktuelles”-Seite auf bahn.de wei√ü aber nur etwas √ľber Mainz, vom Unwetter in Hessen hat sie noch nichts geh√∂rt.

Irgendwann wird per Durchsage ein kostenloses alkoholfreies Getr√§nk im Bordbistro versprochen. Das kenne ich schon, ich stand schon mal 2,5 Stunden in Ulm am Bahnhof. Die n√§chste Stufe ist dann eine R√ľckerstattung. In Bad Hersfeld gibt es aber im Bordbistro nur offene Getr√§nke umsonst, das hei√üt die warme Cola ist gratis, die warme Cola Light kostet. Warum offensichtlich die Klimaanlage tut, aber der K√ľhlschrank im Bistro nicht verstehe ich nicht.

Zum Gl√ľck gibt es einen gut best√ľckten Snackautomaten am Bahnsteig, und ich decke mich mit Chio Tortilla Chips (gar nicht mal so gut), KitKat und meinem Lieblings-Reiseproviant ein:

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Ich mag das. Kein Scheiß. Aber nur auf längeren Autofahrten und bei Ausnahmezuständen im Zug. Bifi Roll FTW.

Nach zwei Stunden macht sich etwas Unruhe im Waggon breit, √ľberall stehen Menschen mit Handys und organisieren wahlweise ihre Weiterreise, die Abholung ihrer Kinder oder das Fertigstellen des Testaments. Ein energischer Mann mit Handy am Ohr ruft in die Runde, ob sich jemand an einem Taxi zum Flughafen Frankfurt beteiligen m√∂chte, drei Leute w√§ren sie schon. Keiner will.

Wir brauchen noch eine weitere Stunde, um die Segel zu streichen. Es ist kurz vor 21 Uhr, auch wenn der Zug jetzt losfahren w√ľrde, was er laut der letzten Durchsagen sicher nicht machen wird, w√ľrden wir ja in Fulda den Anschlusszug verpassen. Und was dann passiert steht in den Sternen.

Also beschlie√üen wir, vor Ort ein Hotel zu beziehen, Firma zahlt. Nach kurzer Recherche entscheiden wir uns gegen das Mainstreet Hotel am Bahnhof – dass die Rezeption nur bis 18 Uhr besetzt ist verhei√üt nichts gutes – und f√ľr das Romantik-Hotel Stern. Passender Name f√ľr unsere Situation. Wir entscheiden uns auch gegen ein Doppelzimmer f√ľr uns Herrn plus Einzelzimmer f√ľr die Dame und f√ľr drei Einzelzimmer.

Als wir aufstehen ruft uns ein punkiges M√§dchen mit leicht verzweifelter Stimme hinterher “Was macht ihr?” und wir antworten in Jackett und Kost√ľmchen “Wir gehen ins Hotel!” Geil, wenn schon Asi-Werber-Klisch√©e, dann richtig.

Auf dem zehnmin√ľtigen Fu√ümarsch zum Hotel zeigt sich Bad Hersfeld dann in seiner ganzen Pracht (diesmal muss ich bei Fakten √ľber Bad Hersfeld passen, mein Kollege wei√ü immerhin, dass es hier Festspiele gibt, und Geiger wirft besserwisserisch per WhatsApp ein “Bad Hersfeld = Amazon Zentrallager”).

Und ich muss zugeben: Anders als die nachfolgenden Bilder vermuten lassen scheint Bad Hersfeld tatsächlich ein schönes Städtchen zu sein. Schöne Altstadt und so. Könnte RAM mal hinradeln, schneller als die Bahn wäre er allemal.

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Bahnhofsvorplätze sind einfach immer schön. Not.

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Cindy aus Bad Hersfeld vor dem Stammlokal.

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Adler, Mode auf der √úberholspur, auch in Bad Hersfeld.

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Klar ist das Schild zum Kettengässchen an einer Kette aufgehängt.

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Auch schön, Eis Venezia im Deutschen Haus.

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Der erste Hashtag-Modeladen Hessens.

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Ja, schön hier, sag ich doch.

Auch wenn es definitiv Sch√∂neres gibt, als ohne Wechselklamotten, Kamm und mit Hotelzahnb√ľrste spontan zu √ľbernachten, das Romantik-Hotel Stern entpuppt sich als erstklassige Adresse. Sehr leckeres Restaurant, putziges Zimmer, professionelles Personal, gutes Fr√ľhst√ľcksbuffet – sollte ich jemals wieder in Bad Hersfeld steckenbleiben, ich werde hier wieder einkehren.

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