Stuttgart Thriller

Ich habe jüngst zwei Bücher gelesen, die man ohne Ironie als “Stuttgart Thriller” bezeichnen kann, und die mir bzw. uns geschickt wurden. Einerseits super, weil Thriller mein Lieblings-Genre sind. Psychopathische Serienkiller und entführte Kinder, das ist meine Welt. Also in Büchern.

Andererseits bin ich verwöhnt, meine Lieblingsautoren in diesem Bereich sind Adler Olsen, Tana French und Karin Slaughter, und die gelten zurecht als Meister des Grustelthriller-Fachs.

Trotzdem oder gerade deshalb war ich sehr gespannt – hier we are.

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Das erste Buch, Amok & Psyche, erschienen bei Shaker Media, ist von Günter Flohrs, ein alter Bekannter und Ex-Kollege von mir, früher legendärer Stadtmagazin-Redakteur, heute Schriftsteller und auch schon für Kessel.TV am Start gewesen.

Machen wir uns nichts vor: Er ist ein ausgemachtes Arschloch, dieser Dietmar Bauknecht. Kein Typ, den man kennen will.

Tja, um diesen Typen geht es. Und der ist ziemlich interessant, genauso wie die anderen Charaktere im Buch. Keine Stangenware, keine Stereotypen, sondern exakt und nah beschriebene ungewöhnliche Typen, von denen es wahrscheinlich (leider) zu viele auf dieser Welt gibt.

Und das Ganze spielt in Stuttgart. Das steht allerdings nirgends, was ein etwas seltsames Stilmittel ist – Stuttgart heißt Muhbaracka, ein anderer Ort Hofeldischnofel, München und Drackensteiner Hang werden dann wieder beim Namen genannt, bei allem was in Stuttgart passiert werden die Namen ersetzt. Aber so, dass man als Stuttgarter immer weiß, was gemeint ist.

Das liest sich zumindest komisch, zuweilen nervt es auch, und wenn über ein Sternerestaurant an der Alten Weinsteige gesprochen wird hätte man den Spitzenkoch auch gleich beim Namen nennen können.

Ansonsten macht das Buch Spaß zu lesen, es gibt einige interessante Wendungen, auch wenn sich das Entsetzen bei der recht unvermittelt einsetzenden Grausamkeit des Protagonisten nicht so recht einstellen will. Trotzdem: Lesetipp!

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Das zweite Buch hat Martin schon neulich kurz vorgestellt, mir aber freundlicherweise zum Lesen überlassen. Der Stuttgarter Jeremias Trumpf hat das Buch Eins beim Neckarufer Verlag veröffentlicht, und wie der Name schon sagt wird es noch weitere Stuttgart-Thriller von ihm geben.

Ich verrate es dir: Ich bin immer hier. Ich lebe hier. Ich kenne alles und ich sehe alles. Ich brauche kein Motiv, denn ich bin einfach nur böse.

Wie gesagt, dieses Buch spielt auch in Stuttgart – und zwar ohne Versteckspielen. Ganz im Gegenteil. Gleich die bedrückend geschilderte Anfangsszene spielt am Frauenkopf, dann geht es über das ganze Buch munter durch ganz Stuttgart, von einem Eck zum anderen, kaum ein Ort wird ausgelassen.

Das ist durchaus alles sehr präzise beschrieben, dem Autor unterlaufen keine Fehler und man merkt, dass er sich in Stuttgart auskennt. Es ist fast schon ein wenig zu viel, und warum Stuttgarter Stadtteile und Lokalitäten kursiv geschrieben sind habe ich nicht verstanden.

Ansonsten ist die Geschichte anfangs solide, ein typisch schrulliges Ermittlerteam wird zum Glück ohne schwäbische Klischées gezeichnet, bei den Morden wird nicht mit blutigen Details gespart.

Irgendwann hat sich aber bei mir leider etwas Enttäuschung breit gemacht: Ohne zu viel vorweg zu nehmen – für die Auflösung der Fälle bedient sich Trumpf eines Kniffs, der einerseits leider schon viel zu oft für Thriller herhalten musste, und bei dem man spätestens ab der Hälfte des Buches schon den Braten riecht. Schade, eine etwas originellere Auflösung der durchaus spannenden Geschichte hätte mir gefallen.

Aber auch hier trotzdem ein Lese-Tipp, alleine wegen der sorgfältigen Stuttgart-Beschreibungen.

Was beide Bücher gemeinsam haben: Sie sind – zum Glück – im Vergleich zu den bisherigen “Stuttgart-Krimis”, die ich gelesen habe, keine harmlosen Verbrechergeschichten mit taddeligen schwäbischen Kommissaren, sondern echte Thriller, so wie sie sein müssen.

4 Comments

  • Jana sagt:

    Wir sollten Bücher tauschen!

  • Pumpgün sagt:

    Danke, Thorsten, für die Würdigung meiner ganz speziellen Over-the-topness! Ich habe Deine Kritik ausgedruckt und werde sie irgendwo hier in meinem Wohnzimmerbüro aufhängen. Peace, Pumpgün

  • TP sagt:

    Bin durch Zufall über den Kommentar gestolpert und möchte ergänzen das Ich Amok & Psyche in fast einer Woche verschlungen habe. Good Job Herr Flohrs. Bei der Gelegenheit noch die Ergänzung das ich seine der ersten Bücher fast noch besser fand. TP

  • Marcus Richter sagt:

    EINS von Jeremias Trumpf ist ein absoluter Leckerbissen für Thriller-Freunde, besonders für die Stuttgarter! Habe das Buch in wenigen tagen verschlungen. ZWEI ist aber meiner Meinung nach noch besser. Dabei geht ein Kindermörder im vorweihnachtlichen Stuttgart um. Nichts für schwache Nerven. Wer auf rechtsmedizinische Details steht, wird dieses Buch lieben. Ansonsten bleibt es bei Trumpfs gewohnt trockenem Humor, ohne die “üblichen” Stuttgart-Klischees zu bedienen, was leider viel zu viele Autoren tun. Also von mir ganz klar Daumen hoch für diese Thriller-Reihe. Meines Wissens wird bald DREI erscheinen. Trumpf wird es bei den Stuttgarter Krimiwochen im Wittwer präsentieren. Bin gespannt!

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