Show war gut, Umsatz schlecht: Ausflug nach Frankfurt. Eine Reportage.

Reiseblogs liegen angeblich voll im Trend. Die Theorie dahinter: Die Mode- und Kosmetikindustrie sind ausgesozialnetzwerkt. Da geht nix mehr. Zumindest fĂŒr die meisten nicht. Kein Cash mehr. Und CĂ€sh in se TĂ€sch is se NĂ€me of se GĂ€me, wie Bahnchef Grube schon wusste. Also lĂ€sst man sich jetzt FlĂŒge bezahlen und Ressorts auf den Malediven oder ein paar Tage in Wellness-Anlagen sponsern, schnippelt anschließend einen dusseligen Vlog zusammen und die Reiseindustrie kickt vlogberauscht Marco Polo und Lonely Planet in die Tonne. Vlog on.

Wie immer ganz vorne mit dabei: Kessel.TV, seit Juli 2008 Deutschlands grĂ¶ĂŸter Travelblog. Thorsten steigeist fast wöchentlich nach Berlin, Jana nach Lohr, Setzer nach Köln, Aussi kommt erst aus Griechenland zurĂŒck, Geiger nimmt die U6 in Richtung Schlossplatz und ich bin wahrscheinlich der reiselustigste Mensch ĂŒberhaupt in der gesamten Milchstraße. Ich habe das moderne Reisen quasi erfunden, bin der Kolumbus der Neuzeit und der Phileas Fogg der Generation #yolo. In 8 Minuten um die Welt. Mit Google-Maps.

Nahezu jeden Tag travel ich mich so derartig grĂŒn und blau auf meinem Business-Class-Bike-Seat, dass mich lĂ€ngst alle Enten auf der Interkontinentalroute West – Mitte – West mit Vornamen, Nachname und Spitzenamen (DJ Elbe) kennt. Hi Feuersee, du siehst aber heute wieder gut aus.

Jetzt ein noch grĂ¶ĂŸeres Abenteuer: Ich verlasse die Zone zehn und entferne mich 77-ICE-Minuten weg vom Kessel und lande kurz hinter Giebel in Frankfurt, also fast noch Stadtteil von Stuttgart. AnlĂ€sse: Nicht das Robert Johnsen, sondern Freundschaften pflegen. Gute Freunde. Kindergartenschulfreunde. Und bisschen den FFM-Vibe fĂŒhlen und spĂŒren. Ticket ist ausgetickt (74 Euro, selbst bezahlt), der Rollkoffer rollt, die Schwabstraße schwĂ€belt. Ein Nicht-Vlog in mehreren Teilen.

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Kapital 1: Jackie-Cola vs. De-Bug

Erste HĂŒrde: Die S-Bahn stockt am Freitagabend gegen 18:20 Uhr. Unfall am Feuersee. Mensch ĂŒberrollt, warum auch immer. Stammstrecke zu. Raus, Panik, Taxi, Bahnhof, Zug fĂ€hrt ein, ich bin total aufgeregt. Schon wieder zwei Jahre nicht Fernzug gefahren.

Kurz vor knapp hĂŒpft noch ein Mann ungefĂ€hr in meinem Alter auf den Platz gegenĂŒber, das weiße Hemd und die Haare klitschnass, die Augen mĂŒde, die Gesichtsfarbe tendiert in Richtung grau. Kam vom Flughafen, erfahre ich, als er telefoniert („du ich sagÂŽs dir, ich hab immer so einen Stress, da war ein Unfall….“) und stĂŒrzt bis kurz nach Kornwestheim die erste Dose Jackie-Cola, bis kurz nach Mannheim die zweite und neutralisiert anschließend den beppigen Jackie-Cola-Geschmack mit einem fruchtigen Bier. Ich bin bei dieser Menge Alkohol innerlich schon dreimal auf dem Klo gewesen, lese aber De-Bug und muss nicht.

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Kapitel 2: Asset vs Instagram

Hello frankfurt and fĂ€nk ju vor tschuussing de deutsche bahn tudĂ€y. Oleole, schön, dass du endlich mal kommst, lass uns essen gehen, kenn da ein super Restaurant gleich um die Ecke im Innenhof vom 25hours Hotel, heißt Chez Ima, hab reserviert, Futter und Live-Musik. Klingt gut.

MĂ€nner mit BĂ€rten und Tattoos transportieren am Fließband Steinplatten mit dicken, duftenden, röstbraunen Steaks und hochgestapelte Burger in den Hof. Hier sind wir richtig. Am Wochenende brauche ich Fleisch. Unbedingt. Mein Freund Marc meint: „Ich find die Typen hier echt cool, so mit den BĂ€rten und den TĂ€towierungen. Sieht man in Frankfurt selten.“ „In Stuttgart lĂ€uft gerade jeder so rum.“

Tilman und ein mir bis dato unbekannter Gregor treffen ein. Wir warten auf den Tisch. Ich bin locker. Freitagabend. Nicht in Stuttgart. Nicht auflegen. Hab alle Zeit der Welt und bestell mir spĂ€ter zu Feier einen „Tagliatta Pussy Burger“, bestehend aus einer in Scheiben geschnittenen Angus SteakhĂŒfte, dazu werden selbst gemachte SĂŒĂŸkartoffelpommes geordert. #krachenlassen #goodtimes #nomnomnomnom.

Gregor hat neue KĂ€rtchen und verteilt sie. Asset steht drauf. Was ist denn Asset, frage ich wirklich interessiert.

„Also wir kaufen GebĂ€ude und verkaufen die mit dem grĂ¶ĂŸtmöglichen Return wieder und Cash Flow und soweiter blablabla…“

„Öhm, ich versteh kein Wort. Kennste Instagram?“

Fragezeichen in the air wohin man schaut.

Gegen 22:00 Uhr fĂ€ngt die Band an. Ist aus Weimar, ackert sich an der Schnittstelle Rock-Electronic ab. Mal mit GefĂŒhl, mal mit knarzigen Dubstep-Klangstrukturen. Nicht ganz mein Ding, objektiv betrachtet nicht schlecht. Und sehr laut. In Stuttgart wĂ€ren bis 22:10 Uhr schon dreimal die Cops gekommen. „Juckt hier keine Sau am Bahnhof.“

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Kapitel 3: Bank anzĂŒnden

Die Band macht mĂŒde. Wir brauchen Action. Entertainment. Unterhaltung. NĂ€chster Programmpunkt: Bank anzĂŒnden. Schreibe ich zumindest Thorsten, der sich zeitgleich in der Suite abrackert. „Go for it!“, kommt prompt als Antwort. Big-Feuerzeug vs Skyscraper. LĂ€uft nicht.

Wir laufen durch einen Park, in dem fleißig gedrĂŒckt wird, streifen den Goethe-Platz, auf dem das sogenannte „Fressgassfest“ steigt (Schulstraße everywhere) und eiern meinen Orientierungssinn nach sowieso chaotisch kreuz und quer durch Downtown, bis wir in einer Seitenstraße vor einer unscheinbaren TĂŒre stehen bleiben und anklopfen, ringsherum keine Sau. Davor haben wir kurz zwei junge Damen aufgegabelt, die uns fragten, wo sich jenes Wirtshaus befindet, an dem wir eben jetzt an die TĂŒre klopfen.

Ich denk mir noch, gute Sache, zwei MĂ€dels dabei, aber bei vier Jungs und zwei Frauen bleiben halt doch vier Jungs draußen, wenn es drinnen anscheinend schon voll ist. Logisch. WĂ€re wohl sehr beliebt der Laden und man konnte den Hochbetrieb an der TĂŒre fĂŒhlen. Uns war der Korb egal. Alkohol wĂ€re trotzdem gut.

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Kapitel 4: Yoda und #yolo

Wir landen in der „Bar ohne Namen“. Einer ehemalige Dönerbude wurde ein Waranga-Ă€hnlicher Look verpasst. Das Konzept Ă€hnelt ebenfalls dem Stuttgarter Pendant. Man steht davor herum, nur nicht auf einem Platz, sondern an einer Straße, nachdem man sich brav in der Bar-Schlange (!) eingereiht hat.

Meine WeggefĂ€hrten meinen, fĂŒr Frankfurter VerhĂ€ltnisse wĂŒrde sich hier eher ein „alternatives“ Publikum ansammeln „und der Laden wĂ€re mal bisschen was anderes.“ Sonst wĂ€re es ja sonst doch eher „pornorös“ hier in Frankfurt und mit Turnschuhen kommste sowieso nirgends rein. Alright. Mir gefĂ€llt es hier. Auch weil ich nur Turnschuhe im Rollkoffer habe.

Der DJ im Transit-GedĂ€chtnis-Unterhemd freut sich derweil ĂŒber die vier Tanzenden, die er mit seinem am Controller kredenzten Techhouse-Set, auf die nicht vorhandene TanzflĂ€che gelockt hat (Freundin, Verwandte, Kumpel, Katze). Ich freu mich ĂŒber Yoda auf dem Weg zur Toilette. Ein mit Star Wars-Symbolen dekorierter Laden kann nicht so schlecht sein.

Gute Stimmung auf der Herrenabteilung. Ein MĂ€del blockiert die SchĂŒssel und wirft offensichtlich betrunken aus der Kabine Klopapierrollen fĂŒr ihre Freundin. Mein temporĂ€rer Pinkelfreund mokiert sich derweil lauthals ĂŒber die Musik. „Ihr immer mit eurem Scheiß-Electro!“ Sorry Kollege, ich kann heute wirklich nichts dafĂŒr.

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(Detektei Eitel von Frankfurt) 

Kapitel 5: Auch nur 30 Leute

Kippen holen im benachbarten Dönerladen. Der Chef rennt auf mich zu, wirft mir einen bösen du-benutzt-nicht-unsere-Toilette-Blick zu. Ich antworte, dass mir lediglich nach Nikotin sei und darf passieren.

Da wir eventuell im ehemaligen Monza auf der GĂ€steliste stehen und das Robert Johnson erstens zu weit weg ist und sich zweitens sowieso die Batterie langsam leert, beschließen wir dort zu versumpfen. Mike Huckaby ist zu Gast. Sonst leider kaum jemand. GĂ€steliste hat auch nicht geklappt.

Scheiß auf die 12 Euro. Wir kommen mit der Barkeeperin ins GesprĂ€ch, versuchen Kurze zu geiern, weil die Geldbeutel zwischenzeitlich leer sind und die keine Karten nehmen. Gibt zumindest einen kleinen Rabatt. Mein Freund will wissen, was hier los ist bzw. warum hier nichts los ist und ob das noch was wird.

Ich weiß die Antwort schon lĂ€ngst. Die Sparte interessiert halt anscheinend auch in Frankfurt nur begrenzt, denk ich mir, oder es reicht halt nicht fĂŒr alle am Freitagabend oder es gehen halt doch alle zum Robert. Im KTJ hat das ĂŒbrigens vor einigen Monate um einiges besser funktioniert mit jenem Mike Huckaby. Der wollte anscheinend gar nicht mehr aufhören. Beim Betreten des Monza hat er dagegen etwas verstört geschaut und sich vielleicht auch kurz nach Stuttgart gesehnt. Das Detroit-Shirt saß trotzdem gut.

Die Barfrau antwortete dann, dass der Chef persönlich zuvor die GĂ€ste mit den Worten „hier lĂ€uft heute Techno, da geht eh nix“ vertrieben hat. Wenn das wirklich so war, handelt es sich scheinbar um einen selbstbewussten Mann.

Der Main dagegen fließt selbstbewusst schnell, wĂ€re auch die Tage leicht ĂŒber die Ufer getreten. Wir betreten kraftentleert und promillebefĂŒllt Sachsenhausen, da dein Bett, gut Nacht.

Fortsetzung folgt

16 Comments

  • Aaargh…wenn dass der Burgerladen war in den der Kunde nach Abschluss des eineinhalbjĂ€hrigen Prjektphase geladen hatte und ich aufgrund mangelnder / zu kurzfristiger Kommunikation nicht anreisen konnte, dann beiß ich mir schon ein bisschen in den Hintern.

    Ja, in FFM wird der Geldbeutel schon schnell dĂŒnner, kein Wunder, wenn das 0,4er Beck’s (König der Deppenapostrophe) 4,80 € kostet.

  • Maga sagt:

    Herzhaft gelacht! Danke Kolumbus 🙂

  • Ben sagt:

    hihi Krankfurt immer noch 🙂

  • SvK sagt:

    wann kommt die fortsetzung?

    @kasperlcurtis: das bei beck’s ist doch gar kein deppenapostroph. ist aber vielleicht der koenig der apostrophe, die faelschlicherweise den deppenapostrophen zugerechnet werden.

  • martin sagt:

    vielleicht morgen, evt. erst ĂŒbermorgen, wie es die zeit zulĂ€sst.

  • Kenℱ sagt:

    Gottseidank ist das RJ ja auch ned in FFM sondern in Offenbach! 😉
    Nach FFM fĂ€hrt man dann eigentlich nur rĂŒber, um bei Best Worscht zu frĂŒhstĂŒcken! 🙂

  • ralle sagt:

    … oder zum gemalten Haus Äppelwoi saufen …

  • martin sagt:

    yo ken, ich weiß schon, dass das rj in offenbach ist.

  • Whiskydrinker sagt:

    Das Gemalte Haus ist eigentlich zu touristisch, weil das irgendwie in irgendwelchen asiatischen ReisefĂŒhrern als *die* Äpplerlocation in Frankfurt stehen muss.

    Dann doch lieber ins Eichkatzerl gehen, besonders wenn man ins Freie sitzen kann.

    Ansonsten gilt fĂŒr Frankfurt: Rindswurst von Gref-Völsings FTW!

  • Kenℱ sagt:

    @ martin:

    damit war eher gemeint, dass in frankfurt gerade relativ schwere zeiten herrschen, da viele clubs dicht gemacht haben und das frankfurter nachtleben “angeblich” in einer krise steckt. aber das kleine gallische dorf namens offenbach weiß sich sehr gut dagegen zu wehren. es gibt sogar ein paar Ă€ltere leut aus stuttgart, die dem robert ab und an ein besĂŒchle abstatten! 😉

  • ralle sagt:

    @whiskydrinker: war schon ein paar mal dort. Nicht einen Asiaten gesehen 🙂

  • @SvK: Gut, Eigen- und Firmennamen sind ausgenommen. Nach der alten Rechtschreibung (habe nur die gelernt) wĂ€re es ohne die Ausnahmen falsch.
    Nach der Rechtschreibreform geht das wohl (§97 E), auch wenn es mir nicht einleuchtet.
    Wikipedia: “Die Schreibweise war im 19. Jahrhundert gebrĂ€uchlich. Sie ist durch die internationale Ausrichtung, vor allem im englischsprachigen Raum, zu erklĂ€ren.”
    “Beck’s” hieß es aber erst ab 1949, naja.
    FĂŒr mich bleibt es ein Deppenapostroph.

  • martin sagt:

    verstehe lieber ken.

  • SvK sagt:

    @kasperlcurtis: so hat vielleicht jeder seinen persönlichen meistgehassten deppenapostroph – ob er einer ist oder nicht 😉
    auf meiner hassliste eindeutig auf platz 1 ist das wöchentlich auf flyern, postern und im internet verbreitete “DJ’s”.

  • SvK sagt:

    ach so, noch zum eigentlichen thema: weiß vielleicht einer der frankfurtkenner, ob es einen nachfolger fĂŒr die vor kurzem geschlossene bar99 (ehemals vinylbar) geben wird?

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