Grüne Sauce: Ausflug nach Frankfurt. Eine Reportage. Teil 3.

Party, Touri-Programm, jetzt Party Teil 2. Erst mal stärken.

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Kapitel 11: Grüne Sauße

Während wir noch am Main rumlungern und einen Junggeselleninnenabschied nach dem anderen abwehren wie Mats Hummels Buden, schlägt Tilman ein „gutbürgerliches“ Lokal mit „echter Frankfurter Küche“ in seiner Hood Nordend-Ost vor. Südend gibt es übrigens nicht erfahre ich, dafür noch Westend und Ostend. Was ist Frankfurter Küche? „Fleisch und grüne Sauce und so.“ Klingt super.

Das Mosebach, so der Name des Lokals, entpuppt sich als erdiges (uriges, gemütliches) Daistdieweltnochinordnunglokal. Unter der riesigen Markise ordere ich: „Der Hesse“. Schnitzel mit Bratkartoffel und grüne Sauce.

Die grüne Sauce besteht aus sieben verschiedenen, frischen Kräutern und ist gerade in dieser Saison erst seit kurzem machbar, weil der Winter und der Frühling eben so beschissen waren. Das Mosebach hat wohl schon einen Preis für seine grüne Sauce bekommen. Außerdem wäre grüne Sauce sauschwierig herzustellen. Die Freundin von Marc ist bereits zweimal daran gescheitert, berichtet sie.

Grüne Sauce kommt, yummi! Bin eigentlich nicht so der Saucentyp und bestelle gerne unter der Ansage: „So trocken wie möglich bitte.“

Dialog beim Kassieren, die Bedienung würde man im schwäbischen als „sympathisch-bruddelig“ einstufen:

„Das war meine erste grüne Sauce, war sehr lecker.“

„Freut uns.“

„Ich bin nicht von hier, wissen sie.“

„Ach nee, habe ich jetzt gar nicht gehört.“

„Jaja, schwäbisch for life. Gefällt mir hier in Frankfurt.“

„Freut uns zu hören. Der Ruf ist ja nicht immer der Beste.“

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Kapitel 12: Show war gut, Umsatz schlecht.

Wir bleiben in dem Viertel, das laut Tilman ein sehr lebendiges ist und „in sich geschlossen funktioniert“, was es ja in Stuttgart nicht so gebe, also diese Stadtteil-Kultur. Essen und trinken ja vielleicht, aber auch shoppen?

Wir grasen durch den Sandweg und die vermeintlich berühmte Bergerstraße, eine Ansammlung aus zahlreichen Kneipen und kleinen Shops. Den Schaufenstern nach zu urteilen müsste man sein Geld nicht zwingend in die Innenstadt tragen.

In einer Eckkneipe stößt ein Kollege von Tilman dazu, starker Typ, ehrlich, war neulich bei Bruce Springsteen und, total sympathisch, geht die Tage zu Helene Fischer in die Veltinsarena, einfach mal so, hat kein Plan was die so wirklich macht. „Und was machst du so?“ „Was mit Internet, was mit Schreiben und was mit DJ.“ „Ah Stuttgart und so. Sind die Fanta4 noch angesagt, oder geht das eher mehr?“

Unterschiedliche Lebensmodelle. Ich sauge Atmosphäre, starre in mein Wodka-Soda-Glas und die zwei schnattern übers Büro und gehen die letzten Highlights durch. „Wie war´s eigentlich neulich da beim Dings?“ „Wie sagt mein Chef so schön: Die Show war gut, der Umsatz schlecht.“ „Den Satz muss ich twittern!“, rufe ich begeistert. Fragezeichen, wieder.

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Kapitel 13: Sandbar

Locationwechsel. In der Parallelstraße namens Sandweg gehen wir in die Sandbar. Eine Cocktailinstitution, heißt es und das beweist sie auch. Wir setzen uns an die Bar, ich könnte prinzipiell den ganzen Abend an einer Bar sitzen. Die blonde Barkeeperin trägt auf der Schulter eines von diesen schwer ansagten Schreibschrifttattoos, die man sich gerne auch in die Fingerinnenseite ritzen lässt. Tilmans Kollege fragt direkt was das denn heißen würde und schiebt hinterher, wie oft sie schon dies heute Abend schon gefragt wurde. Er sei der erste, antwortet sie. Profi die Frau. Ich weiß nur noch, es wäre wohl schwedisch, außerdem sei sie ursprünglich aus Lörrach und ich bekomme das Gefühl, dass sie die zwei anderen sympathischer findet als mich.

Ansonsten: Läuft es gut. Sowohl der Erdnussflipsstrom als auch die Spirituosenleitung. Erdnussflips sind schon so eine Jahrtausenderfindung, denke ich mir, und fette mir die Finger weiter ein. Vodka auch. Jägermeister sowieso. Sambucca geht. Die Gespräche werden chaotischer, lauter, driften auseinander („Für Facebook und so ein Scheiß hab ich keine Zeit und ich könnte das auch gar nicht“). Die Lörracherin freut sich über den Umsatz und wir freuen uns in der Sandbar in Frankfurt sein zu dürfen.

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Kapitel 14: Vielleicht stehen wir auf der Gästeliste

Das Tolle an Frankfurt (wie eben in Stuttgart): Man kann alles ablaufen. Außer man will natürlich ins Robert Johnson nach OFFENBACH. Dahin könnte man natürlich auch laufen, immer den Main entlang. Lassen wir wieder aus und entscheiden uns für das seichte Unterhaltungsprogramm.

Xavier Naidoo (oder die Söhne Mannheims) hat (haben) vor ein paar Monaten (oder schon wieder vor einem Jahr) einen Club namens Gibson eröffnet. Zumindest heißt es immer, es wäre „der Club vom Xavier“. Oder er hängt halt mit drin. Hab die Gesellschafterstruktur nicht weiter recherchiert.

Wir würden gerne auf dem Weg dahin an einem Wegbier hängen, finden aber keines und biegen in die Zeil ein, die aussieht wie jede andere Einkaufsstraße auf dieser Welt oder sagen wir zumindest in Deutschland. Das Gibson ist aufgrund der 30, 40 Meter langen Schlange leicht zu finden. Kribbeln im Bauch. Gästeliste ist immer ein bisschen Lotteriespiel und benötigt für den Erfolg eine Kette aus zuverlässigen Komponenten.

Tritt vor die Kordel. „Ja bitte?“, fragt die Dame. „Vielleicht stehen wir auf der Gästeliste“, eröffne ich vorsichtig den Dialog. „Name?“ Name sagen. „Ja. Seid ihr vollzählig?“, fragt sie mit leichtem Kasernenunterton. „No Madame!“, denke ich leise und sage: „Äh nö, wir sind nur zu dritt anstatt zu viert.“ „Herzlich willkommen.“

Club: Ehemaliges Kino, einige Meter unter der Erde, riesig, ungefähre Ausmaße vom Zapata, großer Floor. Die Tanzfläche liegt eingebettet etwas tiefer mitten im Club. Ringsherum Bars und Nischen. Ein Tempel. Eine Kathedrale. Licht und Sound (also die Akustik) vom Feinsten. Wird auch viel Live-Musik angeboten. Barpersonal ebenfalls fit, Spirituosen gut. Preise kein Plan mehr. Eintritt aber: 12 Euro. Den haben bis zu diesem Zeitpunkt, zwischen 01:30 und 02:00 Uhr, schon viele Menschen gezahlt, das Gibson ist quasi sold out. An den Decks: Resident-Night. Fühlsch wie ich denk?

Die Publikumsstruktur setzt sich aus bring-mal-den-nächsten-Kübel-in-unsere-Ecke-Sprösslingen, vielleicht aus dem Bad Homburg oder Königstein, wo die ganzen Vorstände wohnen, und Ottovieh wie mir zusammen, mal mehr, mal weniger Gangster. T-Shirt und Jeans trägt außer mir allerdings kaum jemand. „Das ist typisches Frankfurter Publikum“, meint Tilman am nächsten Tag.

Geschätzte 800 bis 1000 oder noch mehr bunt gemischte Leute müssen unterhalten werden, deswegen spielen die zwei DJs ein offensives Tech-Electro-Gebräu, das man aushalten kann – beziehungsweise ich kann es aushalten. Fünf Minuten nach dem wir eintreten, läuft „Get Lucky“. Regler runter im Refrain – wenige singen mit.

Die Tanzfläche ist voll, die Stimmung für meine Begriffe eher etwas verhalten. Man tanzt so vor sich hin und wartet auf den nächsten Reiz. Werden die Tracks unbekannter, sprich techig-monotoner, lichtet sich das Tanzbecken ein wenig, als wäre das Wasser doch noch zu kalt, beim allseits bekannten Krachern hüpft man aber gerne wieder rein. Ich schau mir das zwei Stunden lang selig betrunken und schmunzelnd an und hau um halb vier ab. Die Stimmung hat sich zwar verbessert, aber mir reichts. Mit einer Käselaugestange in der Hand lauf nach Sachsenhausen.

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Kapitel 15: Nizza in Paris

„Aufstehen“, klopft der Kleine an die Türe! „Später!“ krächze ich zurück. Es regnet. Frühstück, quatschen, die letzten zehn Jahre durchgehen, man sieht sich so selten, was macht die jetzt und was ist mit dem passiert? Außerdem erfahre ich was man heutzutage alles im Kindergarten macht und wie überreizt Kleinkinder mitunter schon sind: „Der war schon bei der Polizei, bei der Feuerwehr, im Zoo und so geht das jede Woche. Entertainment nonstop. Halbe Stunde alleine spielen lassen? Vergiss es.“

„Meine Mutter erzählt mir heute noch oft, dass sie mich mit einer Kiste Lego ein paar Stunden lang alleine lassen konnte.“

„Vergiss es.“

Nochmals an den Main, Spaziergang rauf und runter. Vor über 100 Jahren hat ein Gärtner aufgrund eines ganz besonderen mediterranen Klimas einen Park aus Flora und Fauna angelegt, die sonst hier nicht wachsen würde. Dieser kleine Abschnitt zwischen den Kaimauern ist deswegen unter „Nizza in Frankfurt“ bekannt. Schön.

Noch ein Kaffee und dann zum Bahnhof. In Mannheim steigt ein Mann mit zwei kleinen Kindern in das Viererset dazu. Das kleine Mädchen fragt ihren Papa auf mich blickend und die vier Plätze allein haben wollend: „Hat der Mann auch reserviert?“ „Hat er bestimmt.“ „Hat er,“ bestätige ich.

Der Mann. Noch gar nicht so lange her, da war man noch ein Junge.

Danke Freunde. Es war herrlich.

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