Das 2:0 lag mehr in der Luft als das 1:1: Wurstporn und Grottenkick

1991, 2001, 2012 – Jahreszahlen wie in den Zylinderkopf eines Allantriebs gemeißelt. Ins Grün reingepflockt. Reingegramt. Muss kurz instagramen. Die Daten meiner drei bislang wichtigsten Begegnungen mit den Kickers und der Waldau.

1991: Die Kickers drehen ohne Allradantrieb eine Runde in der 1. Liga, Papi nimmt mich mit zum Heimspiel gegen Leverkusen. Eine pädagogische Maßnahme. Wenn der Sohn schon nicht der zweite Becker wird, dann halt irgendwie doch was Fußball und nicht mit Medien. Ich will aber Social Media Expert werden, schrie ich die ganze Zeit auf dem Weg, nicht in den GAZi Hexenkessel, nicht in die Subaru-Arena sondern ins Neckarstadion, das damals wie heute am Neckar lag und auch noch so hieß. Stehplatz in einer Kurve, zu welchem Stadtteil hingeneigt, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß: Kein Dach, kein Regen, keine Besucher, dafür Sonnenschein satt. Ich glaub´s kaum, ich seh´s vor mir als wäre es gestern. Gestern Abend Geiger davon erzählt. Dass die Kickers damals 3:1 verloren haben, nahm er zu Kenntnis. Wusste er wahrscheinlich selbst noch.

2001: Waldau-Stadion, Degerloch. Zweites HipHop Open. Fußball ist noch weiter weg von mir wie damals Boris Becker von Twitter. Vorteil Ram, denn ich mach schon was mit Medien, ätschbätsch. Zwar nur was mit Papier aber wegen dem armen Baum darf ich auf die Haupttribüne. Neben mir sitzt eine Ariane, der die Tränen runterkullern als LL Cool J „I Need Love“ anstimmt. Überlegte kurz ob sie hoffnungslos in mich verliebt ist, verwerfe aber diese Option ziemlich rasch und reichte ein Taschentuch. „Jugenderinnerungen!“, schluchzte sie.

2012: Fußball ist mir so nah wie noch nie im Leben, auf einer Basis, die zum schlau Mitreden reicht, aber man allgemein als gefährliches Halbwissen einstufen könnte. Besitze eine durchschnittliche Comunio-Mannschaft mit Potential nach oben, mach immer noch was mit Medien und hab viele tolle neue Kumpels. Ein schönes Leben, dass eventuell heute endet, zwischen all diesen verbrecherischen Fußball-Fans! OMG! Ich will zwar nicht störben, aber fahr trotzdem mal hin.

Willkommen auf dem Todesstern Waldau, Ortszeit Derby-Open. Kickers gegen den KSC. Das Hochrisikospiel, presented bei Subaru, dem weltgrößten Allrad-PKW-Hersteller. Sollte ursprünglich, weil es so sau gefährlich ist, ins Neckarstadion verlegt werden, dann waren aber nach dem Wasen doch wieder mehr berittene Mandys und Wendys frei und dazu jede Menge Polizisten im modischen Dreissigstenneunten-Look. Ey, diese Schienbeinschoner kenne ich aus dem Park. Ihr spielt aber nicht mit oder?

Hätten sie mal lieber, denn dann wäre mehr Pfeffer(spray) drin gewesen. Geiger ist heute noch sauer, denn der Kick bzw. die Kickers waren schlecht, das hat sogar Thorsten geschnallt. Hab mich auf ein Offensivspektakel gefreut, weil laut Aussage der Experten die „Kickers immer nach vorne spielen“. Da ging aber nix nach vorne. Bei der einzigen Großchance in der zweiten Hälfte war ich Dummerle gerade Bier holen, alkoholfrei, drückt aber genauso gut auf die Blase musste ich feststellen. Weitere Highlights: Der KSC verschießt früh einen Elfmeter und in der zweiten Halbzeit lag das 2:0 mehr in der Luft als das 1:1.

Weitere Beobachtungen:

KSC-Fans: Sehr laut, Choreo eher mittelprächtig bis auf die gängige Arsch-Rücken-Nummer. Hab mehr erwartet.

Kickers-Fans: Hatten einen Typ mit dem Megaphon, sonst nix gesehen bis auf ein paar Fahnen, weil wir im Block C auf derselben Tribüne standen. Waren auch laut und haben gekämpft bis zum Schluss, was man von ihrer Mannschaft nicht behaupten kann.

Interaktion zwischen den Fan-Gruppen: Keine aufgefallen bis auf ein wechselseitiges „Scheiß DFB! Scheiß DFB.“ (Wegen dem ganzen Termingetue des Spiels.) Nach diesem Buhmuh gegenseitiger respektvoller Applaus. Kam spontan zu dem Ergebnis, dass die Nummer zwischen Real und Barca wohl wesentlich heikler ist. Oder zwischen Dortmund und Schalke. Oder dem VfB und KSC.

Die anderen Besucher: Gute Leute. Viele junge Menschen, wesentlich jünger als das Team KTV. Darunter einige junge Frauen mit mehr Fußballverstand als manche Blogger von Kessel.TV. Echte Fans und Kickers-Kenner. Stilmässig irgendwo zwischen Schräglage und Casual-Chic.

Polizei: Doppelt so viele Einsatzfahrzeuge wie KSC-Fans. Sonst friedlich und gut drauf. Nur zwei sahen scheinbar aufgrund der Leistung der Kickers so sauer aus, dass sie in der zweiten Spielhälfte kurz davor waren aufs Feld zu springen um alle 11 Kickers abzulösen.

Mannschaftsbusse: Große Ähnlichkeit, wahrscheinlich beide von Kässbohrer-Setra. Ob mit Allantrieb ausgestattet muss noch geklärt werden.

Temperatur: Gutes Durchfrier-Warm-Up-Programm für den Winter.

Stadionwurst: Hammer. Knaller. Das Beste am Abend und von Rörich. Dachte erst, wir gehen zum Paule. Geiger meinte die Rörich wäre besser, und es gäbe Menschen, die nur wegen Rörichs Schwarzen auf die Waldau kommen.

Merchandise: Kickers-Spätzle-Brett – what more can I say? Natürlich: Geiger hat´s!

Meine Freunde: Wie immer top. Gutes Team. Wie war´s eigentlich im Büro? War schön heute im Büro.

VIPs: Joe Bauer von den Degerloch Ultras ging in der 70 Spielminute. Höchststrafe für die Kickers. Traf ihn bei der Pfandabgabe. „Schlechteste Saisonleistung!“ lacht er und ist ziemlich böse. „Kicken wie aufm Bolzplatz!“ grinst er wieder. „Du, mein neues Buch…“ Yo, ich weiß Joe.

Hauptsponsor: Subaru trotz miserabler Leistung auch nach Spielende immer noch weltgrößter Allrad-PKW-Hersteller.

SWR: Hatte wie am Sonntag bei der OB-Wahl viele Kabel dabei und die Sport-im-Dritten-Moderatorin in den Ring geschickt. Hat mir zugelächelt. Glaub ich zumindest. Domenico Mazza war nicht in Sicht.

Hin- und Rückfahrt: 16:07 mit der U7 bis zur Waldau ohne Probleme und mit Chamäleon-Look und Ultra-Bernd; Profi-Heimfahrt über die U8 nach Vaihingen, Umstieg Weinsteige, U6 nach Gerlingen bis zum Schlossplatz und so vollgestopfte DT 8s vermieden (Stadtbahn-Nerdtime).

Finally the Fernsehturm: Hat sich für sein Team geschämt und sogar schnell sein rotes Trikot über geworfen.

Fazit: Spitzen-Frühabend-Unterhaltung. Bis auf den Kick. Komme wieder. Im Frühling bei 20 Grad.

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